Obdachlosigkeit in Reutlingen
: Bei Minusgraden auf der Straße

Die kommenden Nächte werden kalt. Wind, Schnee und bis zu Minus vier Grad Celsius sind angekündigt. Wo finden obdachlose Menschen in Reutlingen Schutz vor der Kälte?
Von
Maik Wilke
Reutlingen
Jetzt in der App anhören
Obdachlosigkeit: ARCHIV - 31.01.2023, Hessen, Frankfurt/Main: Ein Obdachloser schläft auf einer Treppe des Hauptbahnhofs in Frankfurt. (zu dpa: «Warme Jacken gesucht: Stadtmission sammelt für Bedürftige») Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die meisten Obdachlosen finden in Reutlingen Schlafmöglichkeiten in einer Notunterkunft. Aber es gibt Einzelfälle, für die diese Einrichtungen nicht geeignet sind und die deshalb auf der Straße übernachten – selbst bei Minusgraden.

Boris Roessler/dpa (Symbolfoto)
  • In Reutlingen sind bei Minusgraden Notunterkünfte für Obdachlose verfügbar, aber nicht alle nehmen diese Hilfe an.
  • Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) bietet Schlafplätze und Erfrierungsschutz an, doch einige Menschen bleiben dennoch auf der Straße.
  • Die AWO betont die Wichtigkeit, Obdachlose in Einrichtungen zu bringen, um tiefere Probleme wie Sucht und psychische Erkrankungen zu erkennen und zu helfen.
  • Private können durch Spenden und Hinweise an die AWO oder Polizei helfen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Vorgestern Minus ein Grad Celsius. In der Nacht auf heute Minus 4 Grad und am Wochenende nochmal Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Die Nächte sind kalt in Reutlingen. Wenn Heike Hein auf den Wetterbericht blickt, muss sie automatisch an ihre „Problemfälle“ denken. An die Menschen, die sich in diesen Nächsten nicht in einem Zimmer oder einer Wohnung aufwärmen können. „Den meisten obdachlosen Menschen in Reutlingen gelingt es, Hilfe und Unterstützung anzunehmen. In solchen kalten Nächten in einer Notunterkunft zu schlafen. Doch manche Menschen sind, aus unterschiedlichen Gründen, nicht für solche Gemeinschaftsunterkünfte gemacht.“ Vier, fünf Frauen und Männer sind das etwa, schätzt Hein, die in Reutlingen auf der Straße schlafen. Einzelschicksale, die oft vergessen werden.

Hein, Fachbereichsleitung Wohnungsnothilfe bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Reutlingen, kennt die Fälle, die ihr und ihrem Team gerade in eisigen Nächten Sorgen bereiten. Menschen, die oft psychisch krank sind, und die Hilfe nicht annehmen. „Für diese Personen ist es ein Hindernis und eine Überwindung, die Unterstützung anzunehmen.“ Dabei bietet die AWO ein breites Hilfsangebot.

Betten in der Glaserstraße und im Erfrierungsschutz

In der Notübernachtungsstelle in der Glaserstraße 5 finden Betroffene einen warmen Schlafplatz. Meistens reichen die Kapazitäten dort – zwölf Schlafplätze für Männer und vier für Frauen – aus. Doch wenn es bitterkalt wird, suchen auch diejenigen Hilfe, die sich sonst anderweitig durchschlagen. „Deshalb haben wir noch den Erfrierungsschutz, also eine weitere Einrichtung mit nochmals sechs Betten für Männer und vier für Frauen“, erklärt Hein. Zur Not könnte man in diesem Gebäude der GWG, das von November bis April zur Verfügung steht, die Betten noch enger zusammenrücken und Platz für mehr Personen schaffen. Das ist zum Glück selten nötig. Auch ein Kältebus wie in anderen Großstädten, mit dem Haupt- und Ehrenamtliche hilfsbedürftige Wohnungslose aufsuchen, braucht es in Reutlingen nicht.

Die Gefahr, in einer Parallelgesellschaft zu leben

Doch wo schlafen Menschen, wenn sie diese Übernachtungshilfe nicht annehmen? Dann bleiben nur Bahnhofsgebäude, Bankvorräume oder Tiefgaragen. „Aber da ist es natürlich auch nicht gerade wohlig warm“, sagt Hein. Und für die Experten der AWO ist das mit einem weiteren Problem verbunden: die obdachlosen Menschen verharren in einer Parallelgesellschaft. „Wenn die Klienten in eine Notübernachtungsstelle kommen, bietet uns das die Chance, die Ursachen für die Wohnungslosigkeit herauszufinden“, erklärt Heike Hein. Die Hilfe geht über warme Schlafplätze hinaus, weil die Einrichtungen mit den Fachbereichsstellen verbunden sind. „Wohnungslosigkeit ist nur der Indikator für tiefere Probleme.“ Mietschulden, Sucht, psychische Erkrankung. Ohne den Kontakt zu Hilfsstellen bleiben die Ursachen für Obdachlosigkeit unbekannt.

„Dabei wollen die Menschen zur Gesellschaft gehören“, betont die AWO-Fachbereichsleiterin. Damit das gelingt, sind niederschwellige Angebote wie der Tagestreff als „Wärmestube“, wie ihn Hein bezeichnet, sehr wichtig. Dort kommen Menschen, die wohnungslos sind oder in Wohnungsnot leben, sowie Menschen mit geringen finanziellen Mitteln zusammen mit Ehrenamtlichen. Man begegnet sich, spricht miteinander. „Das ist ein wichtiger Schritt Richtung Normalität“, sagt Heike Hein. Menschen, die vor einigen Jahren obdachlos waren, erzählen von ihren Erfahrungen. „Sie machen den akut von Obdachlosigkeit Betroffenen Mut, dass die Situation nicht so bleiben muss.“

Wie können Privatpersonen den Menschen auf der Straße helfen?

Wer spätabends oder nachts bei niedrigen Temperaturen durch die Stadt läuft und einen Obdachlosen im Freien schlafen sieht, kann die AWO oder die Polizei anrufen. Diese schauen beim Betroffenen vorbei und fahren ihn, wenn nötig, in eine der Notübernachtungsstellen. Warme Kleidung nimmt die AWO für ihre Kleiderkammer in der Rommelsbacher Straße 1 an.

Und wie ist es mit Geldspenden? Kann man sich sicher sein, dass Obdachlose auf der Straße nicht zu einer Bande gehören? Eine einfache Antwort darauf gibt es laut Polizeipräsidium Reutlingen nicht. Zu unterscheiden, wer zu einer Bande gehört und wer nicht, sei kaum möglich. „Ob jemand etwas geben möchte, muss jeder selbst entscheiden. Ein gesundes Misstrauen unter dem Aspekt, dass es bei Bettelgruppen fraglich ist, wer das erbettelte Geld letztendlich tatsächlich bekommt, ist immer ratsam“, erklärt die Pressestelle der Polizei auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE.

Belastbare Hinweise über Bettelbanden, die derzeit in Reutlingen unterwegs sind, liegen dem Polizeipräsidium nicht vor. „Bei uns sind derzeit nur Einzelfälle aktenkundig, bei denen Bettler entsprechenden Kontrollen unterzogen wurden oder Platzverweise ausgesprochen wurden.“

Heike Hein kennt die Befürchtung, dass das Geld, das man Menschen auf der Straße spendet, in die falschen Hände kommt. Sie sagt: Menschen, die man im Straßenbild wahrnimmt, sind nicht die Menschen, „die bei uns aufschlagen“. Aber sie sagt auch: „Wenn Menschen aus beispielsweise Osteuropa zu uns kommen, um hier bettelnd auf der Straße zu sitzen, sagt das viel über das Elend im Herkunftsland aus. Keiner bettelt gerne.“

Info Alle Möglichkeiten, sich bei der AWO ehrenamtlich zu engagieren, oder mit Sach- und Geldspenden in der Wohnungsnotfallhilfe zu unterstützen, finden Interessierte unter www.awo-reutlingen.org.

Mehr als 400 Menschen ohne festen Wohnsitz

Für die Unterbringung von Obdachlosen ist vor allem das Sozialamt der Stadt Reutlingen zuständig. Dort waren zum Stichtag 31. Januar 2024 etwa 430 Menschen ohne festen Wohnsitz bekannt und in „obdachlosenrechtlichen Einweisungsverhältnissen“ der Stadt untergebracht. Diese Bezeichnung meint befristete Notmaßnahmen, um eine drohende Obdachlosigkeit zu vermeiden. Es sind keine regulären Mietverhältnisse.

„Leider verbleiben immer mehr Klienten dauerhaft in der Unterbringung, wodurch keine Plätze für neue Fälle frei werden“, erklärt Bürgermeister Robert Hahn in seinem Bericht zur Obdachlosigkeit. „Dies führt zu einer massiven Platznot im Obdachlosenbereich. Viele Klienten sind aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage, sich selbst anderen Wohnraum zu suchen.“