Nachruf
: Mach’s gut, Verneigung! Heiner Kondschak ist gestorben

Biest, Kinderglücklichmacher, Gundermann-Erwecker: Heiner Kondschak war eine Tübinger Kulturinstitution. Nun starb er im Alter von 69 Jahren unerwartet.
Von
Peter Ertle
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Heiner Kondschak

Heiner Kondschak.

Peter Ertle

Dass es eine Welt ohne Heiner Kondschak geben könnte, war theoretisch klar, praktisch hielt man es für undenkbar. So lange hatte er das Kulturleben Tübingens geprägt. So sehr war er ein Lebenselixier. Obwohl er ja auch wieder provozierend relaxed war, was in einem gewissen Widerspruch zu seiner Umtriebigkeit zu stehen schien.

Selbst als man durch seinen schweren häuslichen Unfall letztes Jahr – einem Treppensturz mit langem Koma und langsamer Genesung – zum ersten Mal mit der Möglichkeit auch der Kondschakschen Endlichkeit konfrontiert war, schien der den Umständen entsprechend glückliche Ausgang des Unfalls seine außergewöhnliche Lebensverhaftung zu bestätigen.

„Eine einzigartige Bühnenpräsenz“

Sein Tod kam nun für alle überraschend. Es ist noch nicht lange her, da kündigte das Reutlinger Tonne-Theater ein so klangvoll wie kurioses Talkformat unter dem Titel: „Radio Kondschak“ für die nächste Spielzeit an. Tonne-Intendant Enrico Urbanek ist im Moment in Theaterferien, Helge Thun in Dänemark, Elmar Bux vom Kino Waldhorn in den Bergen, Freunde, Kollegen, alle erfahren es im Urlaub und sind geschockt. Er habe, so die Tonne in einem ersten Post auf ihrem Facebookauftritt, das Programm der Bühne „durch seine einzigartige Bühnenpräsenz und vorbehaltlose Menschlichkeit entscheidend geprägt.“

Generationen von Kindern glücklich gemacht

Vor wenigen Monaten saß man ihm noch in seiner Bondorfer Wohnung gegenüber, er trainierte die noch steifen Finger der lädierten Hand mit einem Tennisball. Und rauchte. Ein Kasten Bier stand da. Ein Heiliger war er nicht geworden, das hätte nicht zu ihm gepasst.

Heiner Kondschak war eine Institution, vielleicht der bekannteste Tübinger Künstler, so sehr, dass er im Kino jahrelang als Werbeträger vor dem Hauptfilm lief. Seine größte Popularität haben ihm seine Comedy-Formate wie „Der Schöne und das Biest“ (an der Seite Helge Thuns) beschert, neben legendären Kinder- und Jugendtheaterstücken aus seiner Feder und manchmal auch mit ihm auf der Bühne, von „Dogs“, über „Die fürchterlichen Fünf“ bis zu „Das Schätzchen der Piratin“. Generationen von Kindern und Eltern hat er auf diese Weise glücklich gemacht, jahrelang auch als Leiter des LTT Kinder- und Jugendtheaters. Er prägte einen bestimmten Theaterstil, der etwas trocken-Saukomisches, Losgelassenes und zauberhaft Unpädagogisches hatte. Unverkrampft und lustig ging es zu, aber immer treffsicher, wie seine Pointen, sein Witz. Sauberes Handwerk, wie hingetuscht.

Heiner Kondschak
17.10.05 Bild: Metz

Heiner Kondschak im Oktober 2005.

Ulrich Metz (Archivfoto)

Mit dem ihm wichtigsten Projekt, der Gundermann-Combo, spielte er sich auch in die Herzen der Gundermann-Fans im Osten. Mit wem zusammen er in verschiedenen Bandprojekten auf der Bühne stand, wieviele berühmte Rockmusiker er in Musiktheaterstücken porträtierte, bei wievielen Theaterstücken (lokal vor allem: LTT, Lindenhof, LTT) er Regie führte oder die Musik beisteuerte – dies aufzuzählen und darauf einzugehen, inklusive aller Instrumente, die er spielen konnte, würde mehrere Zeitungsseiten füllen.

Begonnen hatte er als Maurer (abgebrochen), Jurastudent (abgebrochen), Ansager in einem Zirkus, Straßenmusiker, Schauspieler am Theater in Göttingen, dann am LTT.

Am meisten erstaunt hat man ihn, als man einmal heraushörte, dass er sich für eine Eigenkomposition das Intro eines soeben erschienenen Songs von Bob Dylan anverwandelt hatte. Das hat ihn echt umgehauen. Als Musiker und Instrumentenlerner konnte er stundenlang, wochenlang üben, bis es saß. Dabei sah bei ihm alles immer leicht aus. Und war es insofern auch, als er einmal bekannte, kein Lampenfieber zu kennen, im Gegenteil: Er habe eigentlich erst auf der Bühne die richtige Grundspannung.

Ein großer Vernetzer

Heiner Kondschak war ein großer Vernetzer und Anreger für andere, die er alle so nahm und ließ, wie sie waren, auch er selbst wollte so gelassen werden, wie er war, ein Autodidakt und Selfmademan, jemand für sich, der auf erstaunliche Weise mehr für alle war als die meisten anderen. Er habe als Zertifikate in seinem Leben nur das Abizeugnis, den Führerschein und das Seepferdchen, sagte er beim letzten Gespräch, erzählte so über seine fünf Enkel, dass man ihn sich zum ersten Mal als Opa vorstellen konnte. Und sagte den erstaunlichen Satz „Ich habe eigentlich immer Glück gehabt im Leben.“

Vor wenigen Tagen starb Heiner Kondschak im Alter von 69 Jahren überraschend in seiner Wohnung. Mach’s gut, Verneigung!

Erst kleiner Kreis, dann öffentliche Party

Was den Abschied von ihm angeht, laufen die Überlegungen im Moment auf eine Bestattung im kleinen Kreis und eine öffentliche Party im September hinaus. Dass ihm die Idee einer Party gefallen hätte, denken alle, die ihn kannten.