Mit Engelszungen: Kompromiss mit Ecken und Kanten

Schwäbisches Tagblatt
.Die Stadtverwaltungen und mit ihr letztlich der geschlossene Reutlinger Gemeinderat zog den Vergleich einem voraussichtlich mehrere Jahre dauernden Gerichtsverfahren vor. Der Kompromiss, hieß es in der Begründung zum Beschlussvorschlag, schaffe für die nächsten 15 Jahre Klarheit über die Entwicklung der Einzelhandelsflächen und treffe Regelungen, die im Gerichtsverfahren nicht erreicht werden könnten. Tatsächlich hätte sich der Gerichtsentscheid lediglich auf die „Causa Holy AG“ bezogen, jene Erweiterung des Outlet-Centers von Hugo Boss um fast 11000 Quadratmetern, dem das Regierungspräsidium 2015 bereits zugestimmt hatte.
Dennoch ist der Ärger der Reutlinger Einzelhändler nachvollziehbar. Schließlich kann die Holy AG als Investor ihr Mega-Projekt nun mit kleinen Abstrichen (Neubau auf dem Gaenslen & Völter-Areal, aber das Hugo-Boss-Outlet am Altstandort muss aufgegeben werden) verwirklichen. Was durch den Vertragsabschluss für 15 Jahre verhindert wird, sind lediglich Erweiterungen, die darüber hinausgehen. Und ob das klappt, bleibt abzuwarten. Mit Vertragsabschluss hat sich die Stadt Metzingen zwar verpflichtet, jährlich einen Bericht über die Umsetzung und Erfüllung der Vereinbarung sowie die Entwicklung der Fabrikverkaufsflächen vorzulegen. Aber, fragt der RT-Aktiv-Vorsitzende Christian Wittel, was sei das denn für ein Kontrollinstrument, wenn die Stadt Metzingen das Monitoring gleich selbst übernehme? Und er erinnert an das raumordnerische Verfahren aus dem Jahr 2004. Obwohl die Stadt Reutlingen damals ankündigte, die weitere Entwicklung in Metzingen genau im Auge zu behalten, habe sich an der Salamitaktik nichts geändert. Wittel, der zu der Zeit für die CDU-Fraktion im Gemeinderat saß, war überrascht, wie viele Nebenräume man als Nicht-Handelsfläche deklarieren könne, „damit ein Outlet-Center klein gerechnet“ werde. Später reiße man die Pressspanwände halt wieder raus, „das kontrolliert dann keiner mehr“.
Sorge bereitet den Einzelhändlern auch, dass die Outlet-Center mittlerweile verstärkt in der Region werben, weil die Kundschaft etwa aus Russland und Asien zurückgehe. Für die beschlossenen Erweiterungsflächen werde ein jährlicher Kaufkraftabfluss von 5,6 Prozent (rund sechs Millionen) prognostiziert, rechnet der ehemalige RT-aktiv-Vorsitzende Claus Voss vor. Und die Leerstände in der Innenstadt nähmen zu. Um die negativen Folgen in Griff zu bekommen, müsse man jetzt ganz massiv Geld in die Hand nehmen.
Bei so viel Ärger fragt man sich allerdings schon, warum die Einzelhändler nicht vor Vertragsabschluss an die Öffentlichkeit gegangen sind? Zum einen, meint Wittel, für den das Thema ein denkbar schlechter Einstieg als RT-aktiv-Vorsitzender war, habe er sein Wort gegeben, sich nicht in die nicht-öffentlichen Verhandlungen einzumischen. Zum anderen, sei das Thema halt „sperrig“ und in der Bürgerschaft alles andere als populär. Kein Wunder: die Schnäppchenjäger sind überall.