Leistungsschau der Reutlinger Feuerwehr: Spektakel auf dem Marktplatz zum Gedenken an den Stadtbrand

Etwa 1000 Menschen tummelten sich am Mittwochabend auf dem Reutlinger Marktplatz. Die große Leistungsschau der Feuerwehr ist eines der Veranstaltungshighlights zum 300. Jahrestag des Stadtbrands.
Dimitri Drofitsch- Auf dem Reutlinger Marktplatz zeigte die Feuerwehr zum 300. Jahrestag des Stadtbrands eine Show.
- Rund 1000 Besucher sahen Höhenretter, Blasmusik und simulierte Flammen – Erinnerung an 1726.
- Heute sichern rund 100 hauptamtliche und 450 ehrenamtliche Kräfte den Brandschutz, 2000 Einsätze pro Jahr.
- Matthias Hertler betonte höhere Anforderungen und Prävention, Kinder- und Jugendfeuerwehr stark nachgefragt.
- Eine neue Gedenkstele nahe der Nikolaikirche erinnert an den Brand, historische Technik wurde vorgeführt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Höhenretter schweben über den Dächern der Stadt. Hunderte Menschen blicken gen Himmel – ein Raunen geht durch die Menge, als die vier Männer langsam aus der Luft hinuntergleiten. An der Krankanzel hissen sie die Reutlinger Stadtflagge. Dann seilen sie sich ab. Begleitet von tosendem Applaus landen sie auf dem Asphalt. Klatschen wird von der Blasmusik des Musikvereins Sondelfingen abgelöst. Hinter den Musikern lodern Flammen.
Das simulierte Feuer erinnert an die Katastrophe vor 300 Jahren. Am 23. September 1726, zwischen 20 und 21 Uhr, fraßen die Flammen rund 80 Prozent der Reutlinger Häuser. Eine Feuerwehr gab es damals nicht. Es waren die Bürger selbst, die verzweifelt versuchten, das Feuer zu löschen. Mit Ledereimern voller Wasser und sechs kleinen Feuerspritzen. „Erst nach drei Tagen gab das Feuer Ruhe“, sagte Oberbürgermeister Thomas Keck bei seiner Rede am Mittwochabend. Das öffentliche Leben der Stadt sei praktisch ausgebrannt worden. Nur noch Überreste erinnerten an das Rathaus mit den großen Arkaden.
Die Geschichte der Reutlinger Wehr
Ein Tusch holt das Publikum zurück ins Hier und Jetzt. Die Taucher schieben Anke Bächtiger in einem Boot in Richtung Bühne. Die Kulturamtsleiterin erinnert an das Chaos, das damals geherrscht hat, an die finanzielle Not – aber auch an den Zusammenhalt, die Nachbarschaftshilfe und den schnellen Wiederaufbau der Stadt. In der Katastrophe sei man aufeinander angewiesen.
Heute ist die Brandbekämpfung längst professionell organisiert – das Ehrenamt spielt dabei weiterhin eine zentrale Rolle. Rund 100 hauptamtliche und 450 ehrenamtliche Feuerwehrleute sorgen in Reutlingen für den Brandschutz. Etwa 2000 Mal pro Jahr rücken sie aus, erzählt der stellvertretende Kommandant Matthias Hertler. Acht Minuten dauert es im Schnitt, bis die Reutlinger Feuerwehr am Einsatzort eintrifft. Die Reutlinger Wehr wurde im Jahr 1847 gegründet.
Technik und Infrastruktur haben sich massiv verändert, sagt Hertler. Gleichzeitig seien die Anforderungen an die Einsatzkräfte gestiegen. „Feuerwehr bedeutet heute weit mehr als Feuerlöschen.“ Vor allem stehe die Wehr für Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

120 Kinder und 150 Jugendliche sind in den Kinder- und Jugendfeuerwehren aktiv. Teilweise gebe es sogar einen Aufnahmestopp wegen der großen Nachfrage, so Matthias Hertler.
Dimitri DrofitschDoch Verantwortung beginnt nicht erst, wenn es brennt. Gebäude müssen heute so geplant und gebaut werden, dass Brände sich möglichst nicht ungehindert ausbreiten und Menschen im Ernstfall schnell ins Freie gelangen können. Rettungswege, Brandabschnitte, technische Anlagen und die Anforderungen an den Brandschutz werden deshalb laufend weiterentwickelt.
Der Blick zurück auf den Stadtbrand vor 300 Jahren sei dabei mehr als eine Erinnerung, sagt Hertler. Er sei Mahnung und Auftrag zugleich: aus der Vergangenheit zu lernen und alles dafür zu tun, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt. „Wir für Reutlingen“, sagt Hertler in seiner Rede am späteren Abend im Reutlinger Spitalhof.
Lehren aus der Katastrophe ziehen
Der Reutlinger Rathauschef steckt derweil selbst mittendrin: in einem sonnengelben Chemikalienschutzanzug. Die Feuerwehrleute dekontaminieren Keck fachgerecht. Dann stülpt er den Schutzanzug ab und betritt – im schwarzen Anzug – die Bühne. Bei allen Veränderungen im Brandschutz und der technischen Entwicklung sei eines gleichgeblieben: „Der Mensch steht nach wie vor im Mittelpunkt jeder Maßnahme.“ Unsichtbar bleibe oft all das, was dem Löschen des Brandes vorausgehe. „Der beste Einsatz ist derjenige, den wir verhindern können.“ Wenn die Katastrophe eintritt, dann zählen kein Status, keine Herkunft, sondern es zählt, wer mithilft, betont Keck.
Wenn er eine Zeitmaschine hätte, würde er deshalb nicht zuletzt den Menschen danken, die vor 300 Jahren beim Löschen und beim Wiederaufbau geholfen haben. Wenn er von Verantwortung und Zusammenhalt spricht, blickt er nicht nur zurück. Die Stadt lag nach dem Brand finanziell am Boden. 300 Jahre später ist die finanzielle Situation der Stadt ebenfalls angespannt, die Schuldenbelastung erheblich.
Mit der Situation von 1726 lasse sich das nicht vergleichen – doch der Oberbürgermeister zieht aus der Geschichte einen anderen Schluss: Auch unter schwierigen Bedingungen könne eine Stadt ihre Zukunft gestalten. „Eine Stadt lebt vor allem von den Menschen, die Verantwortung übernehmen.“ Das gelte auch heute: Bei der Feuerwehr arbeiteten Haupt- und Ehrenamtliche Hand in Hand.
Gedenkstele an der Nikolaikirche
Noch einmal richtet sich der Blick an diesem Abend auf das Erinnern. Anke Bächtiger spricht über die Gedenkstele in der unteren Wilhelmstraße nahe der Nikolaikirche. Dort ist einst das Feuer ausgebrochen. Die Künstlerin Susanne Immer hat zum 300. Gedenkjahr eine stilisierte Flamme aus Stahl geschaffen. Die Kulturamtsleiterin spricht von einem „Meisterwerk“. Die stilisierte Flamme soll an die Katastrophe erinnern und hat zugleich einen festen Platz im heutigen Stadtbild.
Zum Schluss rollt noch einmal ein Stück Feuerwehrgeschichte auf den Marktplatz. Eine historische Feuerspritze wird herangeschoben. Feuerwehrleute nehmen sie in Betrieb und zeigen, wie die Menschen vor 300 Jahren mit Muskelkraft und einfachen Mitteln gegen die Flammen kämpften.

