Lebenshof in Reutlingen
: Wo Kühe und Ochsen frei und glücklich leben

Kühe müssen keine Milch abgeben, Ochsen werden nicht geschlachtet: Auf dem Lebenshof in Mittelstadt können Rinder ein unbeschwertes Leben führen.
Von
Maik Wilke
Reutlingen
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Lebenshof Rinderglück269 in Reutlingen-Mittelstadt Kühe Rinder Ochsen Hof Stall

Essenszeit auf dem Lebenshof in Mittelstadt. Die Kühe entwickeln ein Sozialverhalten als Herde. Gehen die Leitkühe ans Futter, kommen die anderen nach. Ein Verhalten, das in Anbindehaltung nicht möglich ist.

Emil Schmid
  • Lebenshof in Reutlingen-Mittelstadt rettet Kühe und Ochsen aus Milch- und Mastbetrieben.
  • Kühe leben dort frei, ohne Milchproduktion; Ochsen werden nicht geschlachtet.
  • Verein „Rinderglück269“ ermöglicht tierfreundliches Leben, gegründet im März 2022.
  • 120 Paten finanzieren die Haltung – bereits 50 Rinder leben auf dem Hof.
  • Zahl „269“ erinnert an ein gerettetes Kalb und steht gegen Nutztierhaltung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Mit Ria hat die Geschichte von „Rinderglück269“ in Mittelstadt begonnen. Dabei wusste Ria selbst lange nicht, was Glück bedeutet. Zehn Jahre lebte die Kuh in Anbindehaltung. Eine Metallkette am Hals fixierte sie so, dass sie nur stehen und liegen, aber nicht laufen konnte. Der Lebensraum auf die eigenen Körpermaße begrenzt. Ihre acht Kälber wurden Ria kurz nach der Geburt weggenommen. Nie konnte sie eine Verbindung zu ihnen aufbauen. Heute bedeutet Glück für Ria: Lebensraum und Freiheit. Und eine Herde mit sozialen Kontakten zwischen den Rindern.

Ria ist eins von etwa 50 Rindern, die auf dem Lebenshof in Reutlingen-Mittelstadt ein unbeschwertes Kuhleben führen. Und eins von 28, die der Verein „Rinderglück269“ aus Milchvieh- und Mastbetrieben befreit hat. „Wenn Rinder hier ankommen, sind sie oft überwältigt. Sie wollen toben und rennen – können das aber gar nicht, weil sie über Jahre angekettet waren“, berichtet Sibylle Ott. „Und doch sind es rührende Momente, wenn sie zum ersten Mal in ihren Leben Gras unter den Hufen spüren. Wenn sie sich trauen, zur Herde zu gehen.“

Ria und Moggel von einem Milchviehbetrieb abgekauft

Ott ist Vorsitzende und Mitgründerin von „Rinderglück269“. Gemeinsam mit Claudia Franke und Dušica Ceran hat sie den Verein im März 2022 auf den Weg gebracht. Das Ziel: Rinder aus Milchvieh- und Mastbetrieben zu retten und ihnen ein tierfreundliches Leben ohne Ausbeutung ermöglichen. „Ich habe fünf Jahre im Milchviehbetrieb eines Nachbarn ausgeholfen und eine enge Verbindung zu den Tieren aufgebaut“, erzählt Franke im Gespräch auf dem Lebenshof. „Irgendwann habe ich den Nachbarn gefragt, ob ich ihm zwei Kühe, Ria und Moggel, abkaufen kann.“ Weil den drei Frauen schnell klar war, dass sie mehr Rinder auf den Lebenshof in Mittelstadt bringen möchten, gründeten sie den Verein.

Kühe müssen keine Milch abgeben, Ochsen werden nicht geschlachtet: Wie so ein unbeschwertes Kuhleben aussieht? Das macht ausgerechnet Ria vor, als die SÜDWEST PRESSE den Lebenshof besucht. Sie leckt sich vergnüglich am Hinterbein. Eine kleine Bewegung, die aber viel aussagt. „Allein das wäre in Anbindehaltung nicht möglich. Die Kühe können sich nicht umdrehen, keinen Schritt laufen. Es ist einfach grausam“, sagt Sibylle Ott.

Auf Elend in der Nutztierhaltung aufmerksam machen

Die Aktiven von „Rinderglück269“ möchten auf das Elend in der Nutztierhaltung aufmerksam machen. Jedes Rind in Fleisch- und Milchindustrie leidet. Den einzelnen Tieren, die freigekauft werden können, stehen elf Millionen Rindern gegenüber, „die in diesem tierverachtenden System verbleiben“, sagt Ceran, die wie Ott und Franke vegan lebt. „Von einer Rinderpatenschaft zu erzählen, bringt Menschen dazu, ihren Fleisch- und Milchkonsum zu überdenken.“

  • Lebenshof Rinderglück269 in Reutlingen-Mittelstadt Kühe Rinder Ochsen Hof Stall

    Dušica Ceran (von links), Sibylle Ott und Claudia Franke mit Kuh Moggel auf dem Lebenshof in Reutlingen-Mittelstadt. Moggel war eine der beiden ersten von „Rinderglück269“ geretteten Kühe.

    Emil Schmid
  • Lebenshof Rinderglück269 in Reutlingen-Mittelstadt Kühe Rinder Ochsen Hof Stall

    Im Offenstall können sich Ochsen und Kühe wie hier Christrose frei bewegen.

    Emil Schmid
  • Lebenshof Rinderglück269 in Reutlingen-Mittelstadt Kühe Rinder Ochsen Hof Stall

    Oder sich einfach von den Paten des Vereins „Rinderglück269“ streicheln lassen.

    Emil Schmid
  • Lebenshof Rinderglück269 in Reutlingen-Mittelstadt Kühe Rinder Ochsen Hof Stall

    Die Bullen werden kastriert und dann als Ochsen von den Kühen getrennt.

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  • Lebenshof Rinderglück269 in Reutlingen-Mittelstadt Kühe Rinder Ochsen Hof Stall

    Auf dem Lebenshof in Mittelstadt leben die Rinder selbstbestimmt und entscheiden als Herde, wann sie fressen.

    Emil Schmid
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Die besten Botschafter für glückliches Rinderleben sind aber die Kühe und Ochsen selbst. „Wer einen Nachmittag mit diesen sanften Riesen verbracht hat, wird ihnen ihre Würde und ihr Lebensrecht nicht mehr absprechen“, schreibt der Verein auf der Homepage. Sanft sind die 800 bis 1000 Kilogramm schweren Rinder, wenn sie ihre Köpfe nach vorne beugen, um gestreichelt zu werden. Oder um einen Apfel oder eine Karotte von der Hand zu futtern. Rau ist lediglich die Zunge, die dabei die Hände abschlabbert. Auf dem Lebenshof suchen viele der Kühe und Ochsen engen Körperkontakt zueinander. Sie schmusen, laufen frei herum, sowohl im Offenstall als auch auf der großen Weidefläche.

Paten treffen sich und essen Waffeln mit „Apfel-Muhs“

An diesem kühlen Samstag sind die Kühe und Ochsen eher im Stall; das Stroh unter den Hufen wärmt. Aber: Es ist ihre freie Entscheidung, ob sie drinnen oder draußen sein möchten. „Jedes Rind ist anders und hat seine Eigenarten“, erklärt Gotlob Knecht. Er und sein Sohn Jochen betreiben den Lebenshof in Mittelstadt – der Senior als Neurentner und der Junior neben seinem Vollzeitjob. Ein Hobby, bei dem Knechts 50 Rinder versorgen und sich um sie kümmern. „Wir haben unsere Mutterkuhhaltung im Jahr 2000 ökologisch aufgestellt und sind Mitglied bei Bioland geworden“, sagt Jochen Knecht. „Aber 2018, als wir das erste Mal von der Idee eines Lebenshofs gehört haben, haben wir uns entschieden, keine tierischen Produkte mehr herzustellen.“

Neben dem Verein „Rinderglück269“ (siehe Infokasten) haben auch Einzelpersonen Rinder auf dem Aussiedlerhof in Mittelstadt. Sie zahlen den Unterhalt, Knechts übernehmen die Betreuung. 120 Paten hat „Rinderglück269“ aktuell. Einmal im Monat treffen sie sich auf dem Lebenshof, umarmen sich zur Begrüßung, trinken Kaffee und Punsch, essen Waffeln mit „Apfel-Muhs“. Die Paten gehen zu den Rindern und streicheln sie – wenn diese es wollen. Es ist eine schöne Gemeinschaft, die die Einstellung gegen schlechte Haltung und Tierausbeutung eint.

Doch bis sich die Tiere an ihr neues Leben gewöhnt haben, braucht es Zeit und Geduld. Ria fürchtete sich monatelang, Naturboden zu betreten. Noch immer hat sie eine Fehlstellung der vorderen Beine. „Bei vielen Rindern aus schlechter Haltung sind die Sehnen verkürzt und sie haben nach wenigen Bewegungen Muskelkater“, erklärt Gotlob Knecht. Am Anfang werden die Kühe und Ochsen daher in einem Stall mit Tiefstroh untergebracht – um dort nach Jahren der Gefangenschaft laufen zu lernen.

Mit 10 Euro im Monat helfen – und „Kuh-Kuscheln“

Und Tierschutz benötigt Geld. Mit 150 Euro im Monat kann ein Rind auf dem Lebenshof versorgt werden. Manche Paten von „Rinderglück269“ zahlen diesen Betrag gerne komplett, „aber die meisten Paten unterstützen uns mit Kleinbeträgen, was auch sehr wertvoll ist“, sagt Dušica Ceran. Bereits mit 10 Euro im Monat können Menschen dem Verein helfen und weiteren Kühen und Ochsen ein neues Leben ermöglichen. Knechts hätten Fläche für 85 Rinder. Auch wenn man die Fläche nicht ausreizen möchte, wäre noch für ein paar Kühe Platz. „Aber aktuell haben wir einen Aufnahmestopp, bis wir weitere Paten finden“, sagt Ceran. Auf die Paten muss Verlass sein. Wenn die Aktiven ein Rind aus der Nutztierindustrie freikaufen, soll dieses über Jahre auf dem Hof in Mittelstadt leben. „Wir können keine Tiere nur aus Mitleid aufnehmen, wenn wir sie dann nicht füttern können, weil Geld fehlt“, betont Sibylle Ott. „Damit ist niemandem geholfen.“

Dass die finanzielle Unterstützung der Paten mehr ist als ein monatlich überwiesener Betrag, wird beim Besuch auf dem Lebenshof deutlich. Die Paten haben eine Bindung zu den Rindern aufgebaut. „Unsere Rinderkinder fassen schnell Vertrauen zu den Menschen und dann ist es kein Problem, sich beim Wiederkäuen zu ihnen dazuzulegen“, sagt Ceran und lächelt. „Das Kuh-Kuscheln tut richtig gut. Man bekommt so viel von den Tieren zurück und es ist Balsam für die Seele.“

Spendennummer und woher kommt die Zahl 269?

Um die geretteten Kühe versorgen zu können, ist der Verein „Rinderglück269“ auf Patenschaften und Spenden angewiesen. Das Konto des Vereins lautet „Rinderglück269 e.V.“, Volksbank Mittlerer Neckar, IBAN: DE 20 6129 0120 0503 8940 01; Verwendungszweck „Spende“ (oder den Namen des Rinds). Wer eine Patenschaft übernehmen möchte, findet alle Informationen auf der Homepage www.rinderglueck269.de ; dort ist auch das Formular für eine Patenschaft hinterlegt.

Die Bedeutung der Zahl 269 hat ihren Ursprung im Oktober 2012. Israelische und russische Aktivisten retteten ein Kalb vor der Schlachtung in Israel – dieses Kalb trug das Brandzeichen 269 und wurde zum lebenden Symbol der anonymen Existenz von Tieren in der Fleischindustrie. „Die Zahl steht auch gegen die Nutztierhaltung und ist ein Aufruf zu einem veganen Lebensstil. Unter anderem repräsentiert sie das Leid der Tiere, die als Nummern und nicht als Individuen, behandelt werden“, sagt Dušica Ceran.