Lebendiges Mittelalter: Was Ritter in Holzelfingen so alles im Schilde führen

Ein spannender Kampf zwischen Regensburg und Greifenstein (rechts). Und alles mit viel Sinn für Fairness: Verlor im Mittelalter ein Ritter sein Schild, musste es auch der Kontrahent zu Boden legen.
Jürgen Herdin- Mittelalter-Treffen bei Holzelfingen mit „Living History“ am Burgstein nahe der Alb.
- Keine Markt-Show: Als „Ausstellung“ angekündigt – Fokus auf authentisches 13. Jahrhundert.
- 60 Gruppen zeigen Rüstungen, Handwerk, Küche, Musik und Turniere, auch zu Pferde.
- Fairness im Kampf wird erklärt: Fällt ein Schild, legt auch der Gegner es ab.
- Kleine Ausstellung: Uni Tübingen zeigt Funde wie Würfel, Spielsteine und eine Schachfigur.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Den Begriff „Fair Play“ haben die mittelalterlichen Rivalen noch nicht gekannt. Wohl aber, was er bedeutet: Als der Ritter der Truhenlinger nahe Regensburg im erbitterten Kampf zu Boden geht und dabei sein Schild verliert, legt es auch sein Greifensteiner Rivale nieder – eine Frage der Ehre. Das Publikum ist entzückt, zollt dem Lokalmatador Beifall. Die Besucherinnen und Besucher erfahren bei dem mittelalterlichen Treiben nahe dem Holzelfinger Burgstein auch, was „etwas im Schilde führen“ ursprünglich bedeutete: Die Wappen von einst waren so etwas wie Nummernschilder, die Erkennungszeichen der Ritter. Die beharken sich am Wochenende bei Vorführungen immer wieder, auch hoch zu Pferde.
Einen Wink mit dem Zaunpfahl hatten die Veranstalter um Dr. Michael Kienzle schon vor Wochen auf den Einladungs-Plakaten gegeben: „Ausstellung“ steht dort in dicken Lettern – und nicht etwa „Mittelaltermarkt“; dies auch, um die Leute nicht zu enttäuschen, die den üblichen kommerziellen Trubel erwartet hätten. Nein, es bleibt dabei, wie schon vor zwei Jahren in Pfullingen: „Lebendiges Mittelalter, Ritter und Burgen im Echaztal“ und auf der nahen Alb soll so authentisch wie möglich sein.
60 Gruppen präsentieren 13. Jahrhundert pur
Die 60 Gruppen, die teilnehmen, sind als verschworene Gemeinschaft denn auch „dem Echten“ verpflichtet und europaweit vernetzt. Was sie auf dem Leib tragen, was sie kochen oder handwerklich herstellen, ist 13. Jahrhundert pur. Das große, staunende und beeindruckte Publikum freut sich, dass „Living History“ in Holzelfingen dann doch so unglaublich unterhaltsam ist. Ritter, Turniere, Musik, Essenszubereitung nach Rezepten von vor 700 bis 800 Jahren – und eine kleine Ausstellung mit den Originalen der hiesigen Ausgrabungen gibt es auch.
Zeltlager, die Buchkunst lange Zeit vor Gutenberg, Lagerfeuer und Händler, die damals auch Höker hießen, weil sie ja etwas verhökerten: Spannend sind diese Einblicke ins Alltagsleben von einst allemal – Aha-Effekte inklusive. Denn wer weiß schon, dass einige Kämpfer, die sich mit Schwertern und bunten Wappen-Schildern kloppen, oft eine zwölf Kilogramm schwere Kettenhemden-Vollbepanzerung mit sich herumschleppen?
Auch Klaus Menzel. Der Regensburger kommt in seinem Gambeson daher. Dessen dicke Polsterung fängt ein wenig die Wucht gegnerischer Schläge auf. Textilrüstung, Kettenhaube, Eisenhut: „Als mittelschwere Infanterie bin ich Berufssoldat aus dem süddeutschen Raum, ein Traublinger“, sagt Menzel. Das ist ein Ort südlich der Donaumetropole. Sein Vorgesetzter, Andreas Artinger, trägt mit seinem integralen Ringpanzer von oben bis unten das Outfit eines Ministerialen des Niederadels aus der heutigen Oberpfalz.

Die Schachfreunde aus Lichtenstein mit Michael Erbe und der achtjährigen Elvin bewachen die Ausstellung mit den Ausgrabungen der Universität Tübingen.
Jürgen HerdinDie kleine Ausstellung in einem der Zelte „bewacht“ Joachim Erbe. Der 78-Jährige trägt ein großes Schwert und ein grünes Ausgehgewand der Greifensteiner. Er ist Mitglied des Heimat- und Geschichtsvereins Lichtenstein. Erbe gehört zu der Archäologiegruppe, die als passionierte Hobby-Historiker die Ausgrabungen der Experten von der Uni Tübingen begleiten. Was für ein Fund: Zu bestaunen sind auf dem Mittelalter-Event auch die am Burgstein bei Aufgrabungen entdeckten Spielfiguren.
Das Tübinger Forscherteam hat eine Schachfigur gefunden
Hinter Vitrinen zu sehen sind fast 1000 Jahre alte Würfel und Spielsteine – fantastisch gut erhalten sind sie. Sie lagen am Burgstein unter Schutt und Erde nahe einer Mauer. Ins Ausstellungszelt kommt auch Erbes Vereinskamerad Adam Schuler (78). „Als Kinder haben wir zusammen unterhalb des Greifensteins in einer Höhe gespielt“, verrät Erbe.
Eine Schachfigur, ein Springer, gehört auch zu den Funden von Dr. Michael Kienzle und seinem Tübinger Forscherteam. Und damit kommt die achtjährige Elvin ins Spiel. Sie ist, wie Michael Erbe, bei den Schachfreunden Lichtenstein. Die haben vor dem Ausstellungszelt die Spiele aufgebaut, zum Üben für die Besucherinnen und Besucher. Und die erfahren, dass es vor rund 1000 Jahren und später vor allem bessergestellte Kreise waren, die sich auch in Sachen Denksport bekriegten – mit 32 Kämpfern auf den 64 Schlachtfeldern des Schachspiels.