Kirche in Reutlingen
: Kirchenaustritte bleiben in Reutlingen auf hohem Niveau

Immer weniger Menschen gehören in Reutlingen einer Kirche an. 2025 haben 934 Bürgerinnen und Bürger ihren Kirchenaustritt erklärt – erneut mehr als im Vorjahr.
Von
Mathias Grimm
Reutlingen
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Die Bänke in den Gotteshäusern, wie hier in der Marienkirche in Reutlingen, bleiben immer öfter leer.

Kirchenaustritte Marienkirche Reutlingen

Die Bänke in den Gotteshäusern, wie hier in der Marienkirche in Reutlingen, bleiben immer öfter leer. Das macht sich in der Bevölkerung bemerkbar: Noch rund 45 Prozent der Menschen gehören einer Kirche an.

Mathias Grimm (Archivfoto)
  • Kirchenaustritte in Reutlingen bleiben hoch: 2025 traten 934 Menschen aus der Kirche aus.
  • Seit 2019 bewegen sich die Austrittszahlen auf hohem Niveau; 2022 markierte den Höchststand mit 1280.
  • Gründe: Kritik an Institutionen, finanzielle Aspekte, schwindende Bindung zur Kirche.
  • Besonders betroffen: junge Erwachsene und Menschen zwischen 30 und 49 Jahren.
  • Reutlinger Gemeinden setzen auf neue Angebote, um Gemeinschaft und Spiritualität zu fördern.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Alle 47 Sekunden trat 2024 ein Mensch in Deutschland aus der evangelischen oder katholischen Kirche aus. Nur noch rund 45 Prozent der Bevölkerung gehören einer der beiden Kirchen an – seit 2021 sind sie damit in der Minderheit. Besonders hohe Austrittszahlen verzeichnete die katholische Kirche 2022, ausgelöst unter anderem durch neue Missbrauchsgutachten und den Umgang führender Kirchenvertreter mit den Vorwürfen.

Die Zahl der Kirchenaustritte in Reutlingen bleibt hoch. Wie das Standesamt mitteilt, traten im Jahr 2025 insgesamt 934 Menschen aus der evangelischen oder katholischen Kirche aus. 2024 waren es 912 Austritte. Bereits in den Jahren zuvor bewegten sich die Zahlen auf hohem Niveau: 2019 wurden 814 Austritte registriert, 2020 – pandemiebedingt – 662, 2021 dann wieder 932. Den bisherigen Höchststand markierte das Jahr 2022 mit 1280 Austritten, 2023 folgte ein Rückgang auf 1062. Seither hat sich die Entwicklung auf einem konstant hohen Niveau eingependelt.

Der Austritt aus der Kirche ist für viele kein spontaner Schritt. Auch aus Sicht der evangelischen Pfarrerin Melanie Scheede, die seit elf Jahren in Reutlingen tätig ist, geht ihm meist ein längerer Prozess voraus. Monatlich verzeichne ihre Gemeinde zwar keine „Massen“, die der Kirche den Rücken kehren, aber doch konstant fünf bis sieben Austritte. „Man merkt im Vergleich zu früher deutlich, dass sich etwas verändert hat“, sagt Scheede als geschäftsführende Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Reutlingen Süd. Die Kirche habe lange Zeit auch für nichtreligiöse Menschen als Institution eine gewisse Selbstverständlichkeit besessen – dieser Effekt verliere jedoch zunehmend an Bedeutung.

Gleichzeitig gibt es weiterhin Kircheneintritte. Diese seien häufig biografisch geprägt, berichtet Scheede: Menschen, die neu nach Reutlingen ziehen, neugierig seien oder über familiäre Lebensstationen wie Geburt oder Tod wieder mit Kirche in Kontakt kämen. Entscheidend sei dabei fast immer der persönliche Bezug. „Beziehungen sind der ausschlaggebende Faktor“, sagt die Pfarrerin.

Die tatsächlichen Gründe für den Kirchenaustritt können vielfältig sein. Neben finanziellen Aspekten wie der Kirchensteuer spielen institutionelle Kritik, Fragen der Gleichberechtigung und eine schwindende Bindung an die Kirche selbst eine Rolle. Scheede beobachtet zudem eine grundsätzliche Veränderung gesellschaftlicher Bindungen. Viele Menschen seien heute mit weniger stabilen sozialen Kontakten unterwegs als früher, sagt sie. Besonders betroffen sind ältere Menschen, deren soziale Netze etwa durch den Tod des Partners oder den Übergang in den Ruhestand brüchig werden. Weniger bekannt ist, dass auch junge Menschen darunter leiden: Jugendliche sowie junge Erwachsene verfügen oft über viele lose Kontakte, aber über wenige tragfähige Bindungen. Nach Angaben einer Kommission der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist weltweit jeder sechste Mensch von sozialer Isolation betroffen.

Unterstützung statt Belehrung

Dort, wo Gemeinschaft bewusst erlebt werde, blieben Menschen hingegen häufig verbunden, erklärt die Reutlinger Pfarrerin. Es gehe weniger um Predigt und Belehrung als darum, gesehen zu werden und einander im Leben zu unterstützen. „Leute wollen nicht angepredigt werden“, sagt Scheede. Das sei ein kirchliches Auftreten, das in den 1960er-Jahren noch funktioniert habe, trage aber spätestens seit den 1970ern schon nicht mehr.

Auffällig ist auch die Altersverteilung der Austritte. Besonders häufig verlassen junge Erwachsene sowie Menschen im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 49 Jahren die Kirche, wie Auswertungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz zeigen. Mit zunehmendem Alter steigt die Kirchenzugehörigkeit wieder an. Regional zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede: Während in Süd- und Westdeutschland vergleichsweise viele Menschen Mitglied einer Kirche bleiben, sind die Anteile in Ostdeutschland traditionell deutlich geringer – ein Befund, der sich auch in den Daten des Statistischen Bundesamts widerspiegelt.

In Reutlingen versuchen die Kirchengemeinden, dem Mitgliederschwund mit neuen Angeboten zu begegnen – etwa durch Jugendarbeit, offene Formate oder niedrigschwellige Begegnungsräume. Entscheidend sei, dass Menschen ihre Themen in der Kirche wiederfinden könnten, sagt Scheede. „Die Formen wandeln sich, aber das Grundbedürfnis bleibt: Gemeinschaft erleben oder Spiritualität finden.“ Ob daraus langfristig eine Trendumkehr entsteht, bleibt offen. Fest steht jedoch: Die Zahl der Kirchenaustritte bewegt sich weiterhin auf einem Niveau, das vor wenigen Jahren noch als Ausnahme galt.