Greif erhebt sich auf zwei Beinen: Was hat die Blasiuskirche in Holzelfingen mit den Greifensteinern zu tun?

Das Wappen der Greifensteiner zeigt das Fabeltier auf zwei Beinen.
Gabriele Böhm- Blasiuskirche Holzelfingen im Fokus: Greifenstein-Projekt der Uni Tübingen erforscht Bezüge.
- Im Chorgewölbe zeigt ein Schlussstein den Greif auf zwei Beinen, abweichend von Siegeln.
- Kienzle vermutet bewusste Wappenänderung 1493 mit Titel „Freiherr von Greifenstein“.
- Auf dem Friedhof blieb ein Grabstein von 1494 erhalten, unter dem Chor fand man 1909 ein Skelett.
- 1909 entstand das heutige Kirchenschiff im Jugendstil, Chor und Turm blieben erhalten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Aktuell wird die Blasiuskirche in Holzelfingen im Rahmen des Greifenstein-Projekts erkundet, das am neuen Burgenforschungszentrum der Universität Tübingen unter Leitung des Mittelalterarchäologen Dr. Michael Kienzle angesiedelt ist. Das Projekt befasst sich mit den Burgruinen des Adelsgeschlechts der Greifensteiner entlang des Burgenwegs am Albtrauf. Dazu gehören der Obere und Untere Greifenstein, Stahleck, Burgstein und – vermutlich – Hochbiedeck. Erforscht wird außerdem die verschwundene Klosteranlage am Brudersteig, möglicherweise ebenfalls eine Gründung der Greifensteiner.
Laut örtlicher Sagen waren die Greifensteiner Raubritter und wurden deshalb 1311 durch die Zerstörung ihrer Burgen durch die Reichsstadt Reutlingen bestraft. Eine These, die Kienzle seit Jahren anzweifelt und die Vermutung aufwarf, dass die Adelsfamilie mit ihrer stetig wachsenden Herrschaft am Albtrauf eine zu große Konkurrenz für die Reichsstadt darstellte. Während das Schicksal der Burgen besiegelt war, sind die Greifensteiner selbst noch rund 40 Jahre in der Gegend in hohen Ämtern nachzuweisen. Wo sie in dieser Zeit wohnten, ist ebenfalls noch ein Rätsel. 1355 verkauften sie den Rest ihrer Herrschaft an Württemberg.
Hinweis auf die Greifensteiner in Holzelfingen
Zu ihrem Besitz gehörte das Dorf Holzelfingen in der Nähe der Stammburg. Im spätgotischen Chor der Kirche befindet sich ein deutlicher Hinweis auf die Greifensteiner: Auf einem Schlussstein im Netzgewölbe ist der Greif, jenes Fabelwesen aus Adler und Löwe, als Wappentier zu sehen. Allerdings erhebt es sich auf zwei Beinen und steht nicht auf allen Vieren, wie es beispielsweise bei den Siegeln der Greifensteiner üblich war. Die Vier-Fuß-Variante verwendet auch Kienzle, der auf Veranstaltungen anschaulich als Ritter auftritt, auf seinem Schild.
Bleibt die Frage, ob es sich in der Kirche um eine bloße Variante des Wappens handelt oder ob die Modifizierung einen tieferen Sinn hat. Kienzle hält für möglich, dass das alte Wappen bewusst verändert wurde, als Herzog Eberhard von Württemberg seinem unehelichen Sohn Ludwig Wirtemberger den Titel eines Freiherrn von Greifenstein verlieh. Dies geschah 1493, als das Adelsgeschlecht längst seine Bedeutung verloren hatte. Wollte der Graf damit die uralte Verbindung des Hauses Württemberg zum Adel am Albtrauf dokumentieren?
In Holzelfingen waren die Greifensteiner wohl nie in Vergessenheit geraten. In der Beschreibung des Oberamts Reutlingen von 1824 ist von der Erinnerung an mehrere Grabsteine des Adelsgeschlechts auf dem Friedhof die Rede. Übrig war damals jedoch nur ein einziger. Er befindet sich heute an der Nordseite des Kirchenschiffs.
Ein Skelett unter dem Chor
In umlaufender gotischer Minuskelschrift heißt es darauf: „anno. dom. mcccclxxxxiiii. jar. starb. tilgen. gocsin. von. holzelfingen. der. got. gnedig. sin. well“(„Im Jahre des Herrn 1494 starb Tilgen [Ottilie] Gocsin von Holzelfingen, der Gott gnädig sein möge“). In der Literatur wird die Frage aufgeworfen, ob Ottilie die Mutter des Ludwig Wirttemberger war. 1909 wurde unter dem Chor ein Skelett gefunden, das aber niemandem zugeordnet werden konnte. Die Grabplatte zeigt seit 1717 einen zweiten Text. Pfarrer Sehner meißelte in der Mitte eine Trauerinschrift für seine verstorbenen drei Töchter ein.
Sicher belegt ist eine Holzelfinger Kirche ab 1275, sie könnte jedoch schon früher existiert haben. Die Gründung soll durch das Domstift Chur erfolgt sein. Davon ausgehend, dass Kirchen früher oft als Landmarken dienten, könnte auch ein Vorgängerbau an derselben markanten Stelle wie die heutige Kirche gelegen haben. Vorstellbar wäre ein romanischer Bau, an dessen Nordostwand man mittig den spätgotischen Chor ansetzte, wodurch er sich in etwa lokalisieren ließe.
In der Literatur wird das Erbauungsjahr des Chores mit 1494 angesetzt, das jedoch nicht belegt ist. Laut Akten des Denkmalamts Tübingen wurde in der großen Renovierungsphase in den 1960er Jahren die „massig wirkende Tuffsteinbrüstung“, die den Chor und die Kirche trennte, abgebrochen und nach Fresken im Chorgewölbe gesucht. Dabei kamen die heutigen Pflanzendarstellungen zutage.

Der Blick nach oben lohnt sich. Im Netzgewölbe des Chores sind zwei Wappen zu sehen.
Gabriele BöhmDie Schlusssteine im Chorscheitel zeigen von Südwest nach Nordost in drei- und vierpassförmigen Medaillons den Drachentöter Georg, der Kirchenpatron St. Blasius mit Abtsstab sowie Maria mit dem Jesusknaben. Auf den seitlichen Gewölberippen präsentieren tartschenförmige Steintafeln die Leidenswerkzeuge Christi. Die Tartsche ist eine besondere Form des Turnierschilds mit seitlicher Auflagefläche für den Speer und wurde hier als Form für die Wappen sowie die Konsolsteine der Gewölberippen gewählt.
Saalkirche aus Tuffstein und im Jugendstil
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wünschte sich die Gemeinde eine Vergrößerung der baufällig gewordenen Kirche. Chor und Turm sollten jedoch erhalten bleiben. Sie waren auf Fels gegründet, wobei jedoch die bröckelige Albkante häufiger für Probleme sorgte. Architekt Martin Elsaesser ließ das alte Kirchenschiff abbrechen, das ein hohes Satteldach sowie kleine und große hochrechteckige Fenster mit Segmentbögen zeigte und 1893 (Oberamtsbeschreibung Reutlingen) ohne „ausgesprochenen Stil“ beschrieben wird.
Elsaesser schuf 1909 in acht Monaten die heutige Saalkirche aus Tuffstein und in Jugendstilmanier. Die Kirche wurde nach Westen um vier und nach Norden um 4,5 Meter vergrößert, der Fußboden um einen Meter erhöht. War das Dach des Schiffs früher kaum höher als der Chor, wie Fotos ausweisen, reicht es heute deutlich darüber hinaus.
Die Kirche ist sonntags von 9 bis 18 Uhr geöffnet.
