Bürgerempfang der Stadt Reutlingen: Ein tragisches Ereignis wird 300 Jahre alt

Reutlinges Oberbürgermeister Thomas Keck begrüßte die Gäste des Bürgerempfangs persönlich.
Stadt Reutlingen- Bürgerempfang 2026 in Reutlingen widmet sich dem 300. Jahrestag des Stadtbrands von 1726.
- Öffentliche Gedenkveranstaltungen und eine Stele erinnern an die Katastrophe und den Wiederaufbau.
- Oberbürgermeister Keck fordert eine strukturelle Neuordnung der Kommunalfinanzen.
- Investitionen trotz Sparzwang: Stadtbahn, Windräder und Bundesgartenschau 2039 im Fokus.
- Verdienstmedaillen für Rainer Ganzner, Susanne Stutzmann und Helmut Thumm für ihr Engagement.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es ist eine lange Pause, die Oberbürgermeister Thomas Keck gleich am Anfang seiner Rede einlegt. Eine Gedenkminute für die Opfer der tragischen Ereignisse im schweizerischen Crans-Montana. Mehr als 40 junge Menschen kamen in der Neujahrsnacht ums Leben, als in einer Bar Feuer ausbrach. „Wir denken heute an die Todesopfer, die vielen Verletzten und ihre Angehörigen“, sagte Keck.
Die schreckliche Brandkatastrophe steht für sich. Auf eine Verbindung solch schrecklicher Art zwischen dem Skigebiet in der französischen Schweiz und Reutlingen hätte Keck gerne verzichtet. Und doch erinnerten die Geschehnisse vor wenigen Tagen Keck an die größte Katastrophe der Reutlinger Historie: den großen Stadtbrand von 1726. Diesen hätte der Oberbürgermeister auch ohne das Feuer in Crans-Montana in seiner Neujahrsrede erwähnt – 2026 jährt sich die Brandkatastrophe zum 300. Mal.
Öffentliches Gedenken, Lichtkunst und eine Stele
„Das ‚Jubiläum‘ des großen Reutlinger Stadtbrands, wenn man bei einer Katastrophe dieses Ausmaßes von einem solchen sprechen kann, werden wir in diesem Jahr mit unterschiedlichen Veranstaltungen und Aktionen würdigen“, sagte Keck am Dienstag vor etwa 1000 Reutlingern und Gästen in der Stadthalle. Dabei geht es auch darum, sich zu erinnern, dass die Vorfahren sich nicht ihrer Verzweiflung hingegeben haben. „Sie haben ihre Stadt nach dem Großen Stadtbrand allen Widrigkeiten zum Trotz wiederaufgebaut. Und zwar weitgehend auf eigene Faust.“ Eine öffentliche Gedenkveranstaltung am 23. September, eine Sonderveranstaltung am 26. September in der historischen Kulisse der Marienkirche mit Musik, Lesung, Performance und beeindruckender Lichtkunst sollen das würdigen.
Eine große Gedenkstele der Reutlinger Künstlerin Susanne Immer wird außerdem dauerhaft an den Brand erinnern. „Und zwar genau dort, wo er vor 300 Jahren ausgebrochen ist: Neben der Nikolaikirche im Haus des unseligen Schusters Dürr, der im Übrigen samt Familie zur Strafe für sechs Jahre der Stadt verwiesen wurde“, sagte Keck. Ob der Schuster Dürr jemals zurückkehrte, sei nicht überliefert.
Harter Sparkurs im Reutlinger Rathaus
Doch was wird das Jahr 2026 Reutlingen darüber hinaus bieten? Ein unabdingbarer Sparkurs im Rathaus, um künftig überhaupt noch genehmigungsfähige Haushalte aufstellen zu können, gehört zu den größten Herausforderungen. Die „Brandbeschleuniger“ für die Finanzmisere der deutschen Städte und Gemeinden seien dabei schnell ausgemacht: steigende Pflichtausgaben, stagnierende Einnahmen sowie wachsende soziale Verpflichtungen und ein Investitionsstau, „der sich vielerorts zu einem Investitionsnotstand auswächst“, so Keck. Der Finanzreport 2025 der Bertelsmann Stiftung sehe ein kommunales Finanzdilemma. „Nach jüngsten Schätzungen beläuft sich das bundesweite Defizit der Städte 2025 auf 30 Milliarden Euro. Und das, nachdem schon das Minus von 25 Milliarden im Jahr 2024 als ‚Rekorddefizit‘ durchgegangen ist!“
An seine Bürgermeisterkollegen in der Stadthalle richtete Keck: „Wir müssen den Mut haben, klar zu benennen, dass Sparen allein keine Lösung ist. Wir müssen den Mut haben, von Land und Bund mehr Verlässlichkeit und Fairness einzufordern. Mit kurzfristigen Hilfsprogrammen kommen wir nicht weiter, wir brauchen eine strukturelle Neuordnung der Kommunalfinanzen, die dauerhaft unsere Handlungsfähigkeit sichert.“ Die eigenen Hausaufgaben erledige man dabei – auch auf schmerzhafte Weise. Ein Stellenabbau von 250 Stellen im Rathaus sei ein Beweis dafür. „Einsparungen, die 2019 noch tabu gewesen wären, sind nun harte Realität.“
Windräder, Stadtbahn und Wohnungsbau
Thomas Keck ging in seiner Rede zudem auf die vom Gemeinderat beschlossenen Windräder am Käpfle ein, auf die Belebung der Innenstadt, auf die Bundesgartenschau 2039, die immer konkreter und wahrscheinlicher wird, sowie auf den wieder schwungvollen Wohnungsbau der GWG. Und natürlich auf die Regional-Stadtbahn, für deren Trasse durch die Gartenstraße der Gemeinderat im Dezember grünes Licht gegeben hat.
„Jenen, die immer noch ein mulmiges Gefühl in Bezug auf die Umsetzung des 2,5-Milliarden-Euro-Gesamtprojekts Regional-Stadtbahn haben, möchte ich heute noch einmal meine Überzeugung mit auf den Weg geben, dass wir als Oberzentrum im Herzen des Streckennetzes im hohen Ausmaß von diesem regionalen Projekt profitieren werden“, betonte Keck. „Ich persönlich bin überzeugt davon, dass wir vor dieser Investition in unsere Stadt auch in Zeiten einer schwierigen Haushaltslage nicht zurückschrecken dürfen, sondern aktiv handeln und unsere Stadt zukunftsorientiert aufstellen müssen.“
Verdienstmedaillen für Rainer Ganzner, Susanne Stutzmann und Helmut Thumm
Traditionell überreichte der Oberbürgermeister beim Bürgerempfang Verdienstmedaillen. Rainer Ganzner war jahrelang Leiter des Gönninger Postamts; zu seinen Kunden gehörten zahlreiche Samenhändler, die ihre Samen und Zwiebelpakete bei ihm zum Versand aufgegeben haben. Sein Interesse für den Samenhandel war geweckt und er war maßgeblich an der Gründung und am Aufbau des Samenhandelsmuseums im Jahr 1994 beteiligt.
Dabei geht es um mehr als schöne Tulpen, wie Keck in seiner Laudatio sagte: „Es ist eine Geschichte von Pioniergeist, von Risikobereitschaft, von botanischer Leidenschaft und von internationalem Austausch. Die Reisen der Samenhändler in weit entfernte Länder waren oft alles andere als komfortabel und einfach. Dass wir heute so viel über dieses Leben und Wirken wissen, verdanken wir Ihrem Engagement.“

Oberbürgermeister Thomas Keck mit den Empfängern der Verdienstmedaille (von links): Helmut Thumm, Susanne Stutzmann und Rainer Ganzner.
Stadt ReutlingenSusanne Stutzmann ist seit 2003 Mitglied und seit mittlerweile 20 Jahren Sprecherin des Familienforums. 2013 gründete sie den Förderverein Familienforum, dem sie bis heute als Vorsitzende vorsteht. „Sie haben die Vielfältigkeit der Familien und ihre Bedürfnisse im Blick – egal, um welche Familienmodelle es sich handelt und welche kulturellen Lebensformen zu berücksichtigen sind“, sagte Keck. Mit Einfühlungsvermögen gehe Stutzmann auf die unterschiedlichen Situationen der Menschen ein und suche nach passenden Lösungsansätzen. „Das gilt für den lebenspraktischen Alltag genauso, wie für die strukturelle, politische Ebene.“
Darüber hinaus engagiert sich Stutzmann im „Netzwerk Familie Baden-Württemberg“, in Ferda international, im Frauenforum und im Integrationsrat der Stadt und ist zudem im Türkischen Kultur- und Integrationsverein und im Quartiersarbeits-Projekt „Plattform lebenswert“.
In akribischer Kleinarbeit Ortsfamilienbücher erstellt
In mühevoller Kleinarbeit hat Helmut Thumm die damals nur auf Mikrofilm zugänglichen Kirchenbücher der Nordraumgemeinden ausgewertet, Schriften entziffert und mühsam einzelne Puzzleteile zusammengefügt. „Sie haben unentgeltlich und unermüdlich mit großer Sorgfalt daran gearbeitet, Licht in Abstammungs- und Verwandtschaftsverhältnisse zu bringen“, lobte der Oberbürgermeister. Aus dieser jahrelangen akribischen Kleinarbeit sind die Ortsfamilienbücher Rommelsbach, Oferdingen, Altenburg sowie Sickenhausen und Degerschlacht entstanden. Darin enthalten sind der Gesamtbestand der dortigen Familien sowie Geschichten und Begebenheiten aus diesen Stadtbezirken.
Von dieser Arbeit profitieren laut Keck alle Reutlinger. Die Ortsfamilienbücher können in der Bibliothekszweigstelle Rommelsbach und im Stadtarchiv eingesehen werden. Thumms Arbeit habe zudem über die lokalen Grenzen hinaus Anerkennung gefunden. „Ihre Ortsfamilienbücher stehen in der Stuttgarter Landesbibliothek einer breiten Leserschaft zur Verfügung und der südwestdeutsche Verein für Familien- und Wappenkunde hat die Publikationen ausdrücklich gewürdigt“, so Keck.


