Bosch investiert 240 Millionen Euro
: Der Standort Reutlingen setzt auf die Elektrifizierung des Automobils und die Konsum-Elektronik

Der Bosch-Konzern ist überzeugt von der Zukunft seines Standorts in Reutlingen und investiert deshalb hier 240 Millionen Euro – so viel wie noch nie. In Kusterdingen entsteht ein dreigeschossiges Entwicklungsgebäude.
Von
Thomas de Marco
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Schwäbisches Tagblatt

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Für die Automobil-Elektronik (Automotive Electronics) ist Reutlingen das Leitwerk im Bosch-Konzern. Gut 80 Prozent des Umsatzes am Standort Reutlingen generiert dieser Bereich. Die Automobil-Elektronik wird wegen der zunehmenden Automatisierung, Vernetzung und Elektrifizierung von Fahrzeugen immer wichtiger, betont Markus Schmidt, im Bereichsvorstand für Märkte und strategische Ausrichtung zuständig. Davon profitiere auch Bosch: „Vernetzung und Automatisierung verlangen nach Sensoric, etwa für Kameras.“

Die drei „3 S“ – Sensoric, Software und Service – seien die neuen Stoßrichtungen, zu der Automotive Electronics stark beitrage. „Die physische und digitale Welt wächst immer mehr zusammen, Bosch will da stark mitspielen“, betont Schmidt. 40 Prozent der Bosch-Produkte seien mittlerweile vernetzungsfähig, in Zukunft sollten es alle sein.

Bosch wachse derzeit sowohl in den USA, Asien als auch in Europa. Das Unternehmen will das Geschäft mit elektrisch betriebenen Kleinfahrzeugen, vor allem Zweirädern wie E-Scooter, stark intensivieren. Dabei rücken neben China auch Vietnam und Indonesien in den Fokus. Zudem orientiere sich Bosch auch verstärkt an regionalen Trends – wie etwa der vernetzten City in Singapur.

Im Reutlinger Halbleiterwerk in der Tübinger Straße wurden bisher 7Milliarden Sensoren (MEMS) produziert – alleine in diesem Jahr bereits 1 Milliarde. Im Bosch-Werk2 in Kusterdingen wird Leistungselektronik für Hybrid- und Elektro-Fahrzeuge hergestellt. „Wir glauben an die Elektrifizierung des Autos“, betont Fischer. „Wir verpennen da garantiert nichts!“ Von Reutlingen aus wird etwa auch die Fertigung von Radarsensoren gesteuert: Intelligente Kameras liefern den Fahrern ein dreidimensionales Bild des eigenen Autos im Verkehr.

Am Standort Reutlingen werden in diesem Jahr 240 Millionen Euro in Maschinen und Einrichtungen investiert – ein Rekord (Vorjahr: 170 Millionen). Dabei lässt Bosch in Kusterdingen derzeit kräftig bauen: Im zweiten Halbjahr 2016 wird die neue Kantine fertiggestellt, im zweiten Quartal 2017 soll das dreigeschossige Entwicklungsgebäude fertig werden. Kurz darauf wird der Anbau des Logistikgebäude abgeschlossen. Diese Gebäude kosten zusammen etwa 25 Millionen Euro.

Aus dem eigentlichen Kerngeschäft Automobil-Elektronik haben sich bei Bosch längst neue Geschäftsfelder entwickelt – mit stetig wachsendem Erfolg. Am Standort Reutlingen ist der Umsatz dieser neuen Felder innerhalb der vergangenen fünf Jahre seit Beginn auf derzeit 10 bis 20 Prozent gewachsen. Folgende Bosch-Tochterfirmen und -Bereiche sind dafür verantwortlich:

Bosch Sensortec: Innerhalb von 11 Jahren ist das Startup zum weltweit führenden Anbieter von MEMS-Sensoren aufgestiegen. Was sich aus der Automobil-Elektronik entwickelte, geht heute zu 75 Pro zent in die Konsum-Elektronik: Weltweit steckt in drei von vier Smartphones ein Bosch-Sensor. Etwa 280 Mitarbeiter sind im Technologiepark Tübingen-Reutlingen (TTR) beschäftigt.

Bosch E-Bike-Systems: Mittlerweile ist dieser Bereich der Automobil-Elektronik Weltmarktführer und wächst seit Gründung jährlich zweistellig. „Die Zahlungsbereitschaft der Kunden ist extrem hoch, weil auch die Qualität hoch ist“, erklärt Schmidt die Erfolge im Premium-Sektor. 60 Fahrradmarken in Europa nutzen die E-Bike-Systeme von Bosch. Seit 2014 hat die Firma Büros in Irvine (USA) und Suzhou (China). Dieser Bereich beschäftigt knapp 200 Mitarbeiter und sitzt ebenfalls im TTR.

Bosch Connected Devices and Solutions: Entwickelt und vermarktet seit der Gründung 2013 vernetzte Sensorgeräte und Komplett-Lösungen fürs Internet. Profitiert stark vom Internet der Dinge. So hat die Tochterfirma zuletzt einen Unfallmeldestecker für Fahrzeuge entwickelt und seit April bereits 500000 Geräte verkauft. Ein „Transport Data Logger“, der Lieferketten effizient steuert, soll im Herbst eingeführt werden. Vor wenigen Wochen ist diese Tochterfirma mit ihren rund 70 Mitarbeitern in das als „Welle“ bekannte Gebäude in Orschel-Hagen umgezogen.

Das Bosch-Personal am Standort Reutlingen in Zahlen

Der Bosch-Geschäftsbereich Automobil-Elektronik (Automotive Electronics) hat seinen Stammsitz in Reutlingen und zählt weltweit 30000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 12500 sind in Deutschland beschäftigt, davon 8000 in Reutlingen – knapp 300 mehr als 2015. Die Reutlinger Belegschaft zählt ungefähr 2000 Frauen. Damit das Unternehmen flexibel auf konjunkturelle Schwächephasen reagieren könne, seien 500 Mitarbeiterbefristet angestellt, erklärt Ingrid Peters, im Bereichsvorstand zuständig für Personal. Alle Auszubildenden (derzeit 180) werden in den Jahren 2016 und 2017 dagegen unbefristet von Bosch übernommen. 66 gewerbliche Auszubildende werden 2017 eingestellt in den Bereichen Mechanik, Mechatronik, Elektronik, Mikrotechnologie sowie Elektronik für Geräte und Systeme. Außerdem werden weitere acht Jugendliche in kaufmännischen Berufen (Büromanagement und erstmals Informatik) ausgebildet. Daneben sind in Reutlingen für 2017 drei neue Ausbildungsplätze für spanische Jugendliche geschaffen worden. Seit Herbst hat Bosch in Reutlingen 200 Stellen in der Leistungselektronik mit externen Fachkräften besetzt. „Wir schlagen uns da international um potenzielle Kandidaten“, sagt Peters. „Aber noch finden wir unsere Spezialisten.“