Bosch in Reutlingen: Partner für „Gehirn und Nervensystem“ der Robotik

Thomas Block, Produktmanager von Bosch Sensortec mit Sitz in Kusterdingen, demonstrierte im April bei der Jahrespressekonferenz von Bosch in Renningen, wie der Konzern dank hochsensibler MEMS-Sensoren aus Reutlingen eine starke Position in der Robotik einnehmen möchte.
Bernd Weißbrod/dpa- Bosch will führender Lieferant für Robotik werden und setzt auf MEMS-Chips aus Reutlingen.
- MEMS-Sensoren geben Robotern Tastsinn – sie registrieren laut Bosch schon ein Moskito-Bein.
- Laut Yole Group wächst der MEMS-Markt bis 2030 voraussichtlich auf über 19,2 Milliarden US-Dollar.
- Bosch nutzt KI in Produkten und Werken, gestützt auf Daten aus über 230 Standorten weltweit.
- Partnerschaft mit Neura Robotics und eigene Robotics-GmbH sollen kognitive Robotik vorantreiben.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Greift ein Roboter nach einem robusten Wasserglas oder nach einem zarten Stielglas? Diese feinfühlige Unterscheidung ist für die Robotik – wohl die wichtigste Zukunftsbranche – enorm wichtig. Und für Bosch ein Markt, auf dem der Konzern seine Stärken ausspielen kann. „Ein Mensch hat vier Millionen Tastsensoren. Würde man Roboter bauen, die ebenso viele Sensoren haben, reichte die weltweite Sensoren-Produktion von vier Jahren gerade einmal für 12.500 Roboter“, sagte Stefan Hartung vor Kurzem anlässlich des Branchentreffs „Bosch Connected World“ (BCW) in Berlin. Diese Zahl verdeutliche das immense Potenzial und die zentrale Rolle von Bosch für die Zukunft der Automatisierung und Robotik.
Damit Roboter – ob nun in der Fabrik oder im Haushalt – sicher und präzise mit ihrer Umwelt interagieren können, brauchen sie einen feinen Tastsinn. Eine winzige, aber unverzichtbare Technologie verleiht Robotern genau dieses Gespür für Berührung: mikroelektromechanische Systeme, sogenannte MEMS-Sensoren. Sie sind der Schlüssel, der es Robotern ermöglicht, Objekte mit der nötigen Finesse zu handhaben und auf physischen Kontakt sensibel zu reagieren. Dass Bosch Weltmarktführer in diesem entscheidenden Technologiefeld der MEMS-Sensoren ist, liegt vor allem am Halbleiter-Standort in Reutlingen. Hier, entlang der Bantlinstraße und der Tübinger Straße, wird die neueste Generation der MEMS-Sensoren gefertigt.
MEMS-Markt steigt bald auf über 20 Milliarden US-Dollar
Bosch positioniert sich laut eigener Pressemitteilung nicht als Hersteller humanoider Roboter, sondern als führender Lieferant und Partner für das „Gehirn und Nervensystem“ moderner Automatisierung und Robotik. Wie das funktioniert, zeigte unter anderem Thomas Block, Produktmanager von Bosch Sensortec mit Sitz in Kusterdingen, im April bei der Jahrespressekonferenz des Unternehmens. Im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE erklärte und demonstrierte er, wie feinfühlig die MEMS-Sensoren aus Reutlingen sind. „Sie würden spüren, wenn ein Moskito auf ihnen landet“, sagte Block gegenüber unserer Zeitung. „Beziehungsweise reicht es schon, wenn ein Bein des Moskitos die Fingerspitze berührt.“
Laut dem Marktforschungs- und Strategieberatungsunternehmen Yole Group wird der Markt für MEMS-Sensoren, in dem Bosch Marktführer ist, bis 2030 voraussichtlich auf über 19,2 Milliarden US-Dollar anwachsen – mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von vier Prozent. Für das Unternehmen Bosch, das in anderen Marktfeldern wie der E-Mobilität zu kämpfen hat, eine Branche, deren Bedeutung man kaum unterschätzen kann.
Bosch sieht in diesem Umfeld folglich das Potenzial, um ein Geschäft in Milliardenhöhe zu entwickeln – und damit hiesige Standorte zu sichern. „Mit unserem Engagement möchten wir auch den Technologiestandort Europa stärken“, sagte Hartung, der seit dem 30. Juni auf eigenen Wunsch nicht mehr Vorsitzender der Geschäftsführung des Technologiekonzerns ist. Durch den gezielten Einsatz von Automatisierung steigere Bosch die Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Werke im globalen Vergleich.
Chips aus Reutlingen, Expertise aus Metzingen
Fortschrittliche Robotik und insbesondere das sehr dynamische Wachstum humanoider Systeme läuten die nächste Stufe der Automatisierung ein. Bosch gestaltet laut eigener Pressemitteilung diese Entwicklung an entscheidenden Stellen mit und hat mit der Robert Bosch Robotics GmbH eine spezialisierte Einheit gegründet, die sich auf die Entwicklung und Industrialisierung neuer Robotik-Lösungen konzentriert.
Ein wichtiger Schritt war zudem die Partnerschaft mit dem Metzinger Roboticunternehmen Neura Robotics. Dessen Firmengründer und -chef David Reger sagte vor Kurzem: „Am Ende geht es dabei nicht nur um Robotik. Es geht darum, Technologien zu bauen, auf die die Welt angewiesen sein wird.“ Neura Robotics skaliere die Serienproduktion auf mehrere Millionen Roboter bis 2030. Nun erklärte Bosch, welche Kompetenzen man selbst in diese Partnerschaft einbringe.
Künstliche Intelligenz (KI) ist der Motor, der Automatisierung und Robotik neue Fähigkeiten verleiht. „Die Verbindung aus hochmoderner Elektronik und Mechanik mit KI ermöglicht erhebliche technologische Durchbrüche in der Automatisierung und Robotik“, sagte Tanja Rückert, Geschäftsführerin des Konzerns für den Bereich Digital Business and Services. „Sie ermöglicht es beispielsweise, dass Roboter ihre Umgebung wahrnehmen, Vorgänge verstehen und aus Erfahrungen lernen.“
Einzigartiger Datenschatz aus über 230 Werken weltweit
Bosch verankert diese Schlüsseltechnologie tief in seiner Strategie und nutzt sie auf zwei Ebenen: Einerseits bringt das Unternehmen KI-Modelle aus der Cloud direkt in seine physischen Produkte, um ihnen automatisiertes Agieren zu ermöglichen. Andererseits setzt Bosch KI bereits umfassend in der eigenen Fertigung ein, beispielsweise bei der Optimierung von Produktionsabläufen, der vorausschauenden Wartung oder der optischen Fehlererkennung. Das Fundament für diese lernenden KI-Systeme bildet ein in der Industrie einzigartiger Datenschatz aus über 230 Bosch-Werken weltweit. „Dieser Datenschatz ist der Rohstoff, aus dem wir die intelligenten Automatisierungslösungen der Zukunft entwickeln“, so Rückert.
Um menschliche Expertise in maschinenlesbare Daten zu übersetzen, nutzt Bosch zudem spezielle Datenanzüge, die komplexe Bewegungsabläufe als Trainingsgrundlage erfassen. Diese Expertise bringt das Unternehmen gezielt in die Partnerschaft mit Neura Robotics ein, um die Entwicklung kognitiver Roboter zu beschleunigen.


