Ausstellung „Wildlife Photographer of the Year“: Zwischen Eis und Abgrund: Die Wildnis zu Gast in Reutlingen

Am Abgrund: Hunderte junge Kaiserpinguine stehen am Rand eines rund 15 Meter hohen Eisschelfs in der Antarktis. Der Brite Bertie Gregory hielt den Moment vor ihrem ersten Sprung ins eisige Meer fest. Seine Aufnahme „Reise am Eisrand“ ist jetzt im Reutlinger Naturkundemuseum zu sehen.
Bertie Gregory- Reutlingen zeigt „Wildlife Photographer of the Year“ mit rund 100 prämierten Fotos.
- Zu sehen sind u.a. Pinguine am Eisschelf, Hyäne in Kolmanskop und Rettung eines Tigers.
- Ausstellung läuft ab Donnerstag bis zum 25. Januar 2027 im Naturkundemuseum.
- Knapp 60.000 Einsendungen aus 113 Ländern, siebenköpfige Jury wählte die Sieger.
- Neu ist „Pay what you want“; starker Nachwuchs mit 22 Jugendfotos.
Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.
Etwa 15 Meter geht es in die Tiefe. Unten wartet das eisige Wasser des Südpolarmeers. Oben, am Rand eines gewaltigen Eisschelfs, drängen sich Hunderte junger Kaiserpinguine. Noch haben sie den Sprung ins Meer nicht gewagt. Dabei treibt sie der Hunger voran: Zum ersten Mal in ihrem Leben müssen die Küken selbst nach Nahrung suchen. Der britische Fotograf Bertie Gregory hielt diesen außergewöhnlichen Moment in der Antarktis fest. Seine Aufnahme „Reise am Eisrand“ zeigt die Tiere an der Grenze zwischen ihrer bisherigen Heimat und einer ihnen unbekannten Welt — das Foto gehört zu den ausgezeichneten Bildern des Wettbewerbs „Wildlife Photographer of the Year“, die ab Donnerstag, 5. November, zum 21. Mal im Reutlinger Naturkundemuseum zu sehen sind.
Die international renommierte Ausstellung gastiert ab jetzt noch bis zum 25. Januar 2027 im Naturkundemuseum am Weibermarkt 4. In ihr werden die 98 besten Aufnahmen des Wettbewerbsjahrgangs 2025 präsentiert. Knapp 60.000 Bilder aus 113 Ländern wurden eingereicht, eine siebenköpfige Jury aus Fachleuten der Naturfotografie, des Naturschutzes und der Bildredaktionen hatte die Aufgabe, sie zu bewerten.
Dass die Schau längst eine feste Größe im Reutlinger Kulturkalender ist, zeigen die Besucherzahlen. Zwischen 20.000 und 25.000 Menschen kommen nach Angaben von Museumsleiterin Dr. Barbara Karwatzki zu den jeweiligen Ausstellungen. An besonders gut besuchten Sonntagen seien es schon einmal 700 Gäste. Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger sieht gerade in der bevorstehenden Weihnachtszeit einen günstigen Zeitpunkt für die Präsentation. Und obwohl die Ausstellung schon seit zwei Jahrzehnten nach Reutlingen kommt, sei die Vielfalt der Themen immer wieder erstaunlich.
Siegerfoto: Zehn Jahre Arbeit
Die Fotografien führen von der Arktis bis in die Wüste Namibias. Dort gelang es dem Südafrikaner Wim van den Heever nach zehn Jahren eine außergewöhnliche Aufnahme: Eine seltene Schabrackenhyäne streift durch die verlassene Diamantgräberstadt Kolmanskop. Mit Kamerafallen hatte der Fotograf auf diesen Moment hingearbeitet. Das Ergebnis brachte ihm den Gesamtsieg des Wettbewerbs ein.
Andere Bilder zeigen die Schattenseiten menschlicher Eingriffe. Die Britin Amy Jones dokumentiert die Rettung eines völlig abgemagerten Tigers aus einer Zuchtfarm in Thailand. Das Tier war so geschwächt, dass eine Narkose nicht infrage kam. Der Spanier Jon A. Juárez wiederum begleitet die Forschung zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns. Nur noch zwei Weibchen leben, Wissenschaftler versuchen mithilfe künstlicher Befruchtung und Embryonentransfer die Unterart zu erhalten.

Elegante Verrenkung: Ein Rosaflamingo kratzt sich mit seinem langen Bein am Kopf. Die 17-jährige Schweizerin Leana Kuster hielt den ungewöhnlichen Moment in der südfranzösischen Camargue fest. Ihr Foto „Pink Pose“ wurde beim Wettbewerb „Wildlife Photographer of the Year“ in der Altersklasse der 15- bis 17-Jährigen besonders gewürdigt.
Leana KusterDie Ausstellung werde zunehmend politischer, beobachtet Karwatzki. Andere Bilder zeigen die Schattenseiten menschlicher Eingriffe. Die Britin Amy Jones dokumentiert die Rettung eines völlig abgemagerten Tigers aus einer Zuchtfarm in Thailand. Das Tier war so geschwächt, dass eine Narkose nicht infrage kam. Der Spanier Jon A. Juárez wiederum begleitet die Forschung zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns. Nur noch zwei Weibchen leben, Wissenschaftler versuchen mithilfe künstlicher Befruchtung und Embryonentransfer die Unterart zu erhalten.
Die Ausstellung werde zunehmend politischer, beobachtet Karwatzki. Fotografen dokumentierten immer häufiger, wie sich Lebensräume verändern. Mit „Bedrohte Erde“ widmet sich inzwischen ein eigener Wettbewerbsbereich Umweltzerstörung und Artenschutz in zwei Unterkategorien.
Affen und Experimentierfreude
Für heitere Momente sorgt der Inder Nayan Khanolkar Eigentlich wollte er Tiger fotografieren, doch neugierige Hanuman-Languren zerlegten seine Kamerafallen, bevor er sie einschalten konnte. Statt Raubkatzen hielt er schließlich die Affen selbst fest. Der Titel: „Affenbande“.
Die Deutsche Simone Baumeister verwandelte dagegen eine gewöhnliche Radnetzspinne in ein psychedelisches Kunstwerk. Dafür drehte sie ein Glaselement ihres alten analogen Objektivs um. Die Lichter vorbeifahrender Autos verschwimmen so zu kaleidoskopartigen Mustern. Das Bild gewann in der Kategorie „Komposition und Form“.
Auch ungewöhnliche Techniken kommen zum Einsatz: Der Thailänder Sirachai Arunrugstichai zeigt auf einer Röntgenaufnahme die Skelette von Fischen aus mehr als 20 Familien und macht damit auf die bedrohte Artenvielfalt der Korallenriffe aufmerksam. Ein von hinten beleuchteter Haiembryo in seiner Eikapsel und sieben Giraffen in einer märchenhaften Waldlandschaft gehören zu den weiteren Motiven.

Gefährliche Nahrungssuche: Ein wild lebender Elefant durchstreift eine riesige Müllhalde im Osten Sri Lankas. Immer wieder fressen die Tiere Plastik und andere Abfälle, die zu schweren Verdauungsproblemen und sogar zum Tod führen können. Die Luftaufnahme zeigt die Folgen unsachgemäßer Müllentsorgung für bedrohte Wildtiere.
Lakshitha KarunarathnaBei aller Kreativität gelten strenge Regeln. Die Fotografen müssen ihre Originaldateien einreichen. Zwei zunächst ausgezeichnete Bilder wurden in diesem Jahr wegen unzulässiger digitaler Retuschen nachträglich ausgeschlossen, darunter ein Kategoriesieger. In Reutlingen fehlen sie, im bereits gedruckten Begleitbuch sind sie noch enthalten.
Erstmals Eintritt zahlen — wenn man möchte
Auffällig ist der starke Nachwuchs: 22 Bilder stammen aus den Jugendkategorien, rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. „Das Format geht auf“, sagt Karwatzki. Neu ist zudem das Eintrittsmodell. Seit Januar gilt im Naturkundemuseum „Pay what you want“: Jeder zahlt, was ihm der Besuch wert ist. Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger hält das für sozialverträglich. Ein klassischer Eintritt würde zusätzliche Mitarbeiter erfordern. Ganz von ungefähr kommt die Maßnahme gegen Reutlingens klamme Stadtkasse aber nicht: Mindestens 70.000 Euro jährlich sind im städtischen Haushalt durch das neue Eintrittsprinzip zur bekannten Ausstellung eingeplant.
