Ausbildungsmesse „Next Step“: Handwerk, Industrie, Pflege, Hochschule – junge Leute sind so begehrt wie nie
SÜDWEST PRESSE: Frau Lehle, das Handwerk sucht junge Leute, die Industrie sucht junge Leute, das Gesundheitswesen und Hochschulen suchen junge Leute. Waren die Auswahlmöglichkeiten für junge Erwachsene je besser als aktuell?
Margit Lehle: Die Chancen auf einen erfolgreichen Karrierestart sind richtig gut. Im Moment haben wir auf dem Ausbildungsmarkt ein Verhältnis von zwei zu eins – auf einen Bewerber kommen zwei Ausbildungsstellen. Natürlich variiert das je nach Branche, aber es war wohl nie so einfach für junge Menschen, eine duale Ausbildung zu starten.
Am Anfang heißt es: Bereiche ausschließen
Ist das fast schon zu viel Auswahl für die jungen Erwachsenen?
Es gibt rund 320 Ausbildungsbereiche, circa 16 000 Studienfelder und mit Spezialisierung mehr als 20 000 Angebote – da ist es eine natürliche Reaktion, dass das manche Jugendliche überfordert. An dieser Stelle ist die Berufsbegleitung enorm wichtig. Es braucht ein Umfeld, dass den jungen Menschen dabei hilft, die eigenen Interessen zu sortieren und zu ordnen – und am Anfang der Berufsauswahl einfach auch einige Bereiche auszuschließen, die nicht infrage kommen.
Worauf sollten junge Menschen am Anfang des Berufslebens besonders achten?
Die klassische Antwort auf die Frage „Was kannst du gut?“ lautet „Keine Ahnung“. Viele Jugendliche sind so im schulischen Lernen gebunden, dass wenig Raum bleibt, sich selbst zu reflektieren. Junge Menschen sollten sich vor dem Karrierestart über die eigenen Interessen und eigenen Stärken bewusst werden. Es gibt Aufgaben, da vergessen sie komplett die Zeit und sind in einem richtigen Flow. Das könnte eine erste Spur auf der Suche nach dem passenden Beruf sein.
Geld sollte für die Auswahl keine wichtige Rolle spielen
Die eigene Persönlichkeit sollte Ausgangspunkt für den Ausbildungsstart sein?
Definitiv. Angehende Auszubildende müssen den Fokus auf sich selbst richten. Dass es Branchen gibt, in denen man mehr Geld verdienen kann als in anderen, sollte am Anfang kein wichtiger Aspekt sein. Man hat ein langes Berufsleben vor sich, mit dem man zufrieden und glücklich sein möchte. Wenn man für seine Tätigkeit brennt, ist das der passende Beruf, auch wenn es eventuell in einer Nische ist.
Wie sollten junge Menschen damit umgehen, wenn der eingeschlagene Weg sich nicht als richtig erweist?
Die erste Berufsentscheidung muss nicht für das gesamte Leben gelten. Wir empfehlen zwar, eine angefangene Ausbildung zu beenden und nicht abzubrechen, aber der Arbeitsmarkt war noch nie so aufnahmefähig. Man muss nicht an einem Arbeitsplatz verharren – für eine Neuorientierung sind Tür und Tor geöffnet.
„Die Berufsorientierung kam oft zu kurz“
Wie viel Zeit sollten sich Jugendliche und junge Erwachsene für die Berufsorientierung nach dem Schulabschluss nehmen?
Eine gute Berufsorientierung ist ein langer Prozess, der eigentlich nicht erst nach dem Abschluss beginnen sollte, sondern in den letzten beiden Schuljahren startet. Über Praktika, Messen wie „Next Step“ und eine Berufsberatung schärft sich die Vorstellung davon, welchen Beruf man ergreifen möchte. Wie viel Zeit man sich nach dem Schulabschluss nimmt, ist nicht so relevant. Wichtiger ist, dass man die Zeit sinnvoll nutzt.
Vor ein paar Jahren war gefühlt jeder Zweite nach der Schule erst einmal ein Jahr im Ausland. Gibt es diesen Trend noch immer?
Ja, absolut. Viele junge Menschen haben Interesse an einem Auslandsjahr, einem FSJ oder einem Bundesfreiwilligendienst. Und das ist auch vollkommen in Ordnung. Wie gesagt, in der Schulzeit kam, verschärft durch die Pandemie, die Berufsorientierung oft zu kurz. In diesem Jahr Überbrückung nach der Schule sammeln junge Menschen praktische Lebenserfahrungen und können sich Gedanken über ihre Zukunft machen. Sie kommen nicht von einem Hamsterrad direkt in das nächste.
Viele Messen, leider auch Next Step, mussten Corona-bedingt zwei Jahre aussetzen. Wie wichtig sind solche Veranstaltungen noch?
Die zwei Pandemiejahre haben uns schmerzlich gezeigt, wie viel verloren geht, wenn der persönliche Kontakt zwischen Arbeitgebern und möglichen Auszubildenden fehlt. Daher freut es mich riesig, dass Messen wieder möglich sind. Wir spüren eine hohe Nachfrage von den Jugendlichen, die sehr oft gezielte Fragen vorbereiten und dadurch tolle, konstruktive Gespräche mit den Ausstellern führen können.
Arbeitgeber müssen innovativ sein
Was ist aus Arbeitgebersicht entscheidend für eine erfolgreiche Akquise?
Viele Betriebe suchen händeringend nach jungen Leuten, die eine duale Ausbildung beginnen möchten. In unserer Region ist das ein großes Problem – der Fachkräftemangel ist kein drohendes Szenario, sondern Realität. Die Konkurrenz auf dem Markt ist immens. Unternehmen müssen folglich innovativ sein, sich als Arbeitgeber attraktiv gestalten und gewohnte Abläufe überdenken. Oft sind es Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. Beispielsweise, dass Auszubildende einen festen Ansprechpartner, einen Paten, in der Firma haben. Andere Unternehmen zahlen den Führerschein, wenn sich Bewerberinnen oder Bewerber für sie entscheiden. Für andere sind Ausflüge der Mitarbeitenden wichtig, damit das Unternehmen mehr ist als „nur“ ein Arbeitgeber.
Der erste Eindruck kann entscheidend sein
Gibt es Grundregeln für Jugendliche, wie sie sich auf Ausbildungsmessen verhalten sollten?
Die gibt es, auch hier kann der erste Eindruck zählen. Wenn sich jemand gut vorbereitet und dem potenziellen Arbeitgeber gezielte Fragen stellt, bleibt das im Gedächtnis. Die Aussteller notieren unter Umständen den Namen und den Vermerkt „Bitte zum Bewerbungsgespräch einladen“. Hinzukommt: Jugendliche überwinden sich und trauen sich, mit Erwachsenen ins Gespräch zu kommen. Daher sind Messen ein hervorragendes Übungsfeld für junge Frauen und Männer.
2. „Next-Step“-Messe am Freitag, 18. November
Bei der Ausbildungsmesse „Next Step“ der SÜDWEST PRESSE Neckar-Alb am Freitag, 18. November, können sich junge Erwachsene über einen erfolgreichen Karrierestart informieren. 24 Arbeitgeber präsentieren sich und ihre Branche von 13 bis 18 Uhr in der „Alten Färberei“ (Ziegelweg 3) in Reutlingen. Zudem werden ein kostenloser Bewerbungsmappencheck angeboten und Interessierte können kostenlos professionelle Bewerbungsfotos von sich erstellen lassen. Alle Informationen dazu finden Interessierte unter www.swp.de/reutlingen/nextstep




