Gesundheitsreport Reutlingen und Tübingen: 4200 Euro pro Jahr für Behandlung – und 9 Euro für Prävention

Alisa Hartmann (links) und Geschäftsführerin Marion Rostam präsentierten am Mittwoch in den Räumen der AOK Reutlingen den Gesundheitsreport 2025 für die Region Neckar-Alb.
Maik Wilke- AOK-Report 2025: 4200 Euro/Jahr für Behandlung, 9,20 Euro für Prävention.
- AOK Neckar-Alb fordert mehr Vorsorge: weniger „Reparaturbetrieb“, mehr Lebensqualität.
- Prävention kann Muskel-/Skelett- und Herz-Kreislauferkrankungen stark reduzieren.
- Langzeit-AUs: 3,1 % der Fälle, aber 40,3 % der Krankheitstage; Ursache oft Lebensstil.
- 2025: 5,6 % Krankenstand, Ø 20,5 Tage; unter Landes- (5,8 %) und Bundeswert (6,4 %).
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es ist eine einfache Folie, die Marion Rostam zu Beginn präsentiert. Zwei Kategorien und zwei Zahlen stehen sich gegenüber. Die Ausgaben für Behandlungen aller Art: 4200 Euro pro Person im Jahr. Die Ausgaben für Prävention pro Person: 9,20 Euro. „Wir leisten uns in Deutschland nach wie vor das teuerste Gesundheitssystem in Europa – befinden uns damit aber überwiegend in einem ‚Reparaturbetrieb‘.“ Es braucht eine Trendwende, so die Geschäftsführerin der AOK Neckar-Alb. Mehr Vorsorge, weniger Nachsorge. „Das ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern ein Faktor für eine deutlich höhere Lebensqualität.“
Das Potenzial ist enorm. Frauen könnten im Durchschnitt 10,7 Jahre länger gesund leben, Männer 7,6 Jahre. „Dafür müssen wir die Umstände ändern, in denen wir leben und arbeiten“, sagte Rostam am Mittwoch bei der Präsentation des Gesundheitsreports 2025 der AOK Neckar-Alb. Und das Bewusstsein muss sich wieder ändern: Was bedeutet Gesundheit? Was bedeutet Entspannung?
„Die meisten verbinden damit sitzende und liegende Tätigkeiten“, sagt Alisa Hartmann, Koordinatorin Betriebliches Gesundheitsmanagement. Auf dem Sofa liegend fernsehen, auf dem Sessel sitzend ein Buch lesen. Nach einem langen Arbeitstag bedeutet das für viele Menschen abschalten. Aber: „Wer bereits während der Arbeit viel sitzt, braucht Bewegung. Das Gehirn muss bewegt werden, um zu entspannen“, erklärt Hartmann. Also lieber spazieren gehen, Sport treiben, Yoga, Pilates und Co. für sich entdecken. „Wir müssen aktiv werden. Nur so kann auch das Gehirn abschalten.“
Betriebliches Gesundheitsmanagement als Wirtschaftsfaktor
9,20 Euro für Prävention: Diese Zahl ist erschreckend niedrig. Dabei ist Prävention nicht schwierig und wird im Idealfall in den Büroalltag integriert. Gesündere Arbeitnehmer bedeuten weniger Krankheitstage – betriebliches Gesundheitsmanagement ist längst ein Wirtschaftsfaktor. Das nehmen zwar immer mehr Unternehmer wahr, aber trotzdem gibt es noch viel Verbesserungsbedarf.
19,5 Prozent der Krankheitstage von Arbeitnehmern im Landkreis Reutlingen waren 2025 auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurückzuführen; für weitere 4,7 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage waren Herz- und Kreislauferkrankungen ursächlich. In beiden Kategorien ist Prävention der X-Faktor. „Cardiotraining, richtige Haltung und Muskelaufbau: 70 bis 80 Prozent dieser Krankmeldungen können vermieden werden“, sagt Hartmann.
Chronische Erkrankungen: mehr Menschen sind lange arbeitsunfähig
An der „Spitze“ der Ursachen für Krankschreibungen liegen erneut die Atemwegsinfekte. „Da gibt es zwar einen leichten Rückgang, aber wir sind immer noch auf Vor-Corona-Niveau“, erklärt Rostam. Dass Atemwegsinfekte seit 2022 ein höheres Niveau bei den AU-Fällen erreicht haben, liegt zudem an der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Während vor dieser Änderung viele Krankheitsfälle von ein bis drei Tagen in der Dunkelziffer verschwanden, weil sich Arbeitnehmer und -geber auf kurzem Weg informierten, sind die Zahlen nun transparenter und zuverlässiger. Bei den AU-Tagen liegen die Atemwegserkrankungen im Landkreis Reutlingen mit 15 Prozent aller Krankheitstage dennoch hinter den Muskel- und Skeletterkrankungen. Das bedeutet: Grippe, Erkältung und Co. sind für viele Krankschreibungen ursächlich, sorgen aber nicht für lange Ausfallzeiten.
Genau andersherum ist die Diskrepanz bei den Langzeit-Arbeitsunfähigkeiten. Diese machen nur 3,1 Prozent der Fälle aus – aber 40,3 Prozent der Krankheitstage. „Das bereitet uns Sorge. Diese Entwicklung zeigt, dass ‚normale‘ Erkrankungen häufiger chronisch werden“, sagt Alisa Hartmann. Psychische Belastung, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung verursachen die Langzeit-AUs. Was erneut zeigt, wie groß das Potenzial für Prävention ist.
Vergleich der Kreise Reutlingen und Tübingen
Im Vergleich der beiden Landkreise Reutlingen und Tübingen fällt auf: Ab 40 Jahren sind Frauen in Reutlingen öfter krank als Männer, in Tübingen ab 45 Jahren. Ab 60 Jahren sind es dann wieder die Männer, die den Krankenstand in beiden Landkreisen anführen. Betrachtet man die Aufteilung nach Berufsgruppen, sind im Kreis Reutlingen Beschäftigte im produzierenden Gewerbe am häufigsten krankgeschrieben (Textilreinigung, Maurerhandwerk, Lebensmittelherstellung und Stuckateurarbeiten). Im Kreis Tübingen sind es medizinische Fachangestellte, Beschäftigte in der Haus- und Familienpflege sowie in der spanlosen Metallbearbeitung.
Und die „gesündesten“ Menschen? Beziehungsweise die, mit den wenigsten Krankmeldungen? Das sind in Tübingen Beschäftigte an der Hochschule, in der Forschung und der Biologie. Und in Reutlingen: Geschäftsführer und Vorstände.
Beschäftigte waren im Schnitt 20,5 Tage krankgeschrieben
Die 130.141 in den Landkreisen Reutlingen und Tübingen beschäftigten AOK-Mitglieder waren im Jahr 2025 an 5,6 Prozent aller Kalendertage krankgeschrieben. Das sind etwa 20,5 Krankentage pro Beschäftigten im Jahr. Damit hat sich der Krankenstand in beiden Kreisen um 0,2 Prozentpunkte oder um einen halben Krankheitstag im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Mit dem aktuellen Wert liegen die Regionen sowohl unter dem Landesdurchschnitt von 5,8 Prozent als auch deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 6,4 Prozent. Die durchschnittliche Krankheitsdauer pro Fall lag in beiden Landkreisen bei 9,8 Kalendertagen.
Grundlage für den Gesundheitsreport sind Krankheitsdaten aus dem Jahr 2025 von 79.523 im Landkreis Reutlingen und 50.618 im Landkreis Tübingen beschäftigten AOK-Mitgliedern. Ausgewertet wurden diese vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO). Die Daten der AOK BW mit einem Marktanteil von über 53 Prozent in der Region gelten als repräsentativ.


