Anschlag auf CSD in Berlin: Organisatoren fürchten Folgen für den CSD in Reutlingen

Die Gedenkveranstaltung am Montagabend auf dem Reutlinger Marktplatz sollte Raum geben für Trauer. Gleichzeitig möchte die queere Community zeigen, dass man sich nicht spalten lasse.
Maik Wilke- Reutlingen gedenkt den Opfern des Anschlags auf den CSD in Berlin – Kerzen und Botschaften.
- Die Community ruft zu Zusammenhalt auf, Spaltung der Gesellschaft soll verhindert werden.
- Maximilian Berg warnt: Der Anschlag könnte unsichere Menschen vom CSD in Reutlingen abhalten.
- Sicherheit ist trotz Konzepten nie komplett gewährleistet, Anpassungen für den CSD 2027 nötig.
- Kritik an der Politik: Sichtbarkeit werde eingeschränkt, Unterstützung und Schutz fehlten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Botschaften sind mit Kreide auf den Belag geschrieben. „Love is more powerful than Hate.“ „Liebe verbindet“ und „Never be afraid to be yourself“. In der Mitte der Schriftzüge liegen zwei Rosen, Kerzen und Teelichter flackern still. Der Reutlinger CSD-Verein gedachte am Montagabend auf dem Marktplatz der Opfer des Anschlags auf den Christopher Street Day in Berlin. „Wir möchten einen Raum für Trauer, Gedenken und Zusammenhalt geben“, sagt Maximilian Berg.
Der Anschlag, bei dem eine Frau getötet wurde und 29 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, erschüttert auch die queere Community in Reutlingen. Berg, Vorsitzender des hiesigen CSD-Vereins, war am Samstag wie viele seiner Freunde in Stuttgart. Seine Gefühle sind daher schwierig zu beschreiben. In die Trauer mischt sich das natürliche und dieser Situation doch befremdliche Gefühl, dass man Glück hatte. „Was in Berlin passiert ist, hätte auch in Stuttgart oder vor wenigen Wochen hier in Reutlingen passieren können“, sagt Berg.
Gesellschaft darf sich nicht spalten lassen
Auch Bo Dauenhauer, nicht-binäre Person und selbst in Berlin geboren, sprach zu den etwa 50 Menschen. „Das Attentat hat mich erschüttert. Eine grausame Tat, verübt aus Hass, Verachtung und Überheblichkeit. Eine solche Tat erschüttert und löst viele andere Gefühle aus.“ Nach diesem Angriff auf eine Veranstaltung, die für Vielfalt und Liebe steht, sei es wichtig, dass sich die Gesellschaft nicht spalten lasse. „Wir müssen zusammenstehen gegen Menschenfeindlichkeit und auch gegen Hetze von Rechten, die dieses Attentat für ihre Zwecke ausnutzen wollen“, sagt Berg vor Ort im Gespräch mit dieser Zeitung.
Im Juni 2023 organisierte der hiesige CSD-Verein den ersten Christopher Street Day in Reutlingen. Über die Jahre schlossen sich immer mehr Teilnehmer der Demonstration für Vielfalt an. Der Demo dafür, dass sich auch die Politik mehr für den Schutz queerer Menschen einsetzen muss. Aber Berg befürchtet: Obwohl man ein Zeichen für Zusammenhalt setzen möchte, könnte der Anschlag Folgen für den CSD in Reutlingen haben.
Anschlag könnte noch unsichere Menschen abschrecken
Berg selbst war vor einigen Jahren zum ersten Mal auf dem CSD in Stuttgart. Noch ungeoutet und unsicher. Die queere Gemeinschaft habe ihm damals das Vertrauen gegeben, „dass ich zu mir stehen kann. Und genau dieses Gefühl möchten wir Menschen mit dem CSD in Reutlingen geben.“ Doch die Demo biete offenbar mehr Angriffsfläche für hasserfüllte Menschen. „Ich befürchte, dass dieser Anschlag in Berlin Menschen abschrecken könnte, die noch ihren Halt suchen“, sagt Berg.
Als Organisator des Reutlinger Christopher Street Days weiß Berg wie schwierig es ist, einen Demozug und die anschließende Kundgebung im Bürgerpark komplett abzusichern. „Berlin hatte ein starkes Sicherheitskonzept. Vielleicht gab es eine Lücke, aber letztlich bleibt immer ein Risiko.“ Noch sei das Team nicht in den Planungen für den CSD 2027 in Reutlingen, aber Berg ist sicher, dass man die Sicherheit nochmals erhöhen muss und der Anschlag in den Köpfen mancher Teilnehmer bleiben wird.
Zusammenhalt in der Gesellschaft, Schutz für die queere Community, Vielfalt und Freiheit. Der Reutlinger CSD werde trotz Anfeindungen und Gewalttaten weiter zu seinen Werten stehen. „Angesichts der Tat ist es umso wichtiger, dass wir uns nicht trennen lassen. Uns nicht durch Ideologien gegeneinander aufhetzen lassen“, betonte Bo Dauenhauer.
„Sicherheit wird verweigert, unsere Probleme kleingeredet“
Bo Dauenhauer und Maximilian Berg sprachen in Reutlingen auch über fehlende Unterstützung der Politik für die queere Community. „Der politische Wille fehlt immer noch“, sagte Berg. Dauenhauer wurde noch deutlicher: „Von vielen Seiten und in erheblichem Maße von Politikern wird es uns immer schwerer gemacht, sichtbar zu sein und gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft zu werden. Sichtbarkeit wird eingeschränkt, Unterstützung entzogen, Sicherheit an vielen Stellen verweigert und unsere Probleme werden kleingeredet.“ Die Bemühungen, die queere Community zu spalten und „damit kraftlos zu machen“, nähmen zu.


