300 Jahre Stadtbrand: Wie Reutlingen an die Katastrophe von 1726 erinnert

Zeitgenössische Darstellung des Großen Stadtbrands von Reutlingen im September 1726: Innerhalb von drei Tagen wurden vier Fünftel der Stadt zerstört. Die Ansichten dienten auch dazu, Spenden für den Wiederaufbau zu sammeln.
Stadtarchiv Reutlingen- Reutlingen erinnert 2026 mit Themenjahr „Reutlingen brennt“ an den Stadtbrand von 1726.
- 1726 zerstörte ein Feuer in drei Tagen vier Fünftel der Stadt, 882 Häuser, 1200 Familien obdachlos.
- Programm: Ausstellungen, Vorträge, Kunst; zentrale Gedenkfeier am 23. September auf dem Marktplatz.
- Highlights: „FEUEREIFER“ in der Marienkirche (19.9.–3.10.), Stahlstele an der Nikolaikirche.
- Ungewöhnlich: Schnaps „Stadtbrand“ (17,26 Euro), monatlich 30 Flaschen im Verkauf.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der Himmel über Reutlingen war rot. Zeitgenössische Berichte erzählen, dass man in den Brandnächten des Septembers 1726 noch weit außerhalb der Stadt eine Münze auf dem dunklen Boden habe erkennen können. Vom 23. bis zum 25. September wütete das Feuer, ausgelöst wohl im Haus des Schuhmachers Friedrich Dürr nahe der Nikolaikirche. Als es erlosch, lagen vier Fünftel der Stadt in Schutt und Asche: 882 Häuser waren zerstört, fast alle öffentlichen Gebäude verbrannt, mehr als 1200 Familien obdachlos. Es war das einschneidendste Ereignis in der Geschichte Reutlingens.
Zum 300. Jahrestag dieses Stadtbrands erinnert Reutlingen mit einem breit angelegten Themenjahr an die Katastrophe. Unter dem Titel „Reutlingen brennt“ verbindet das Programm historische Aufarbeitung, künstlerische Annäherungen und aktuelle Fragen von Sicherheit und Prävention. Zwei Jahre lang wurde daran gearbeitet, die Veranstaltungen reichen von März bis Ende November.
„Der Stadtbrand ist kein fernes historisches Detail, sondern eine Zäsur, die unsere Stadt bis heute prägt“, sagt Oberbürgermeister Thomas Keck. Ziel des Themenjahres sei es, Erinnerung nicht museal zu verwalten, sondern sichtbar und erfahrbar zu machen – im Stadtraum, in der Kirche, im Alltag.
Eine treibende Kraft hinter dem Programm ist Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger. „Ich habe den Stadtbrand seit 25 Jahren auf dem Plan“, sagt sie. Bereits zum 275. Jahrestag hielt sie einen Vortrag in der Nikolaikirche. Das Jubiläumsjahr sei nun eine konsequente Weiterführung dieser Auseinandersetzung – breiter, öffentlicher und sehr viel vielfältiger.
Ein zentrales historisches Projekt ist die sogenannte „Bettelmappe“, die zum Jubiläum in einer limitierten Auflage von 120 Exemplaren erscheint. Sie enthält ausgewählte zeitgenössische Darstellungen des Brandes und einen Kunstdruck der Künstlerin Susanne Immer, die 120 Unikate mit dem Logo zum 300. Jahrestag des Stadtbrandes erstellte. Nach der Katastrophe verbreitete sich im Heiligen Römischen Reich und darüber hinaus eine wahre Flut an Berichten und Bildern. Die Stadt selbst ließ Darstellungen anfertigen, um Anteilnahme zu wecken und Spenden für den Wiederaufbau zu sammeln. Auf Vermittlung des Augsburger Kaufmanns Thomas von Rauner wurden Künstler aus Augsburg beauftragt, darunter der Kupferstecher Gabriel Bodenehr der Ältere. Seine Ansicht des brennenden Reutlingen prägte das Bildgedächtnis der Stadt nachhaltig – eindringlich, moralisch aufgeladen, wirksam. Eine hochwertige Kopie davon ist Teil der Bettelmappe. Sie soll 390 Euro pro Stück kosten.
Stahlstehle bei Nikolaikirche wird an Brand erinnern
Immer ist auch für ein dauerhaftes Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum verantwortlich. Neben dem Chorraum der Nikolaikirche wird eine 3,5 Meter hohe Stahlstele aufgestellt, die das geschwungene Logo des Themenjahres aufgreift – eine rote Flamme. Enthüllt werden soll sie im Rahmen eines Festakts unter Beteiligung der Feuerwehr. Die Kosten von rund 70.000 Euro konnten vollständig über die Bürgerstiftung finanziert werden. Deren Vorsitzender Dr. Hans Hammann zeigt sich zufrieden: Weil die Bürgerschaft das Projekt trage, sei es eine Win-win-Situation für Stadt und Gesellschaft.
Neben historischen Formaten setzt das Programm bewusst auf künstlerische Zugänge. In der Marienkirche zeigt die Gruppe Casa Magica im September die Projektion-Licht-Ton-Installation „FEUEREIFER“. Ausstellungen im Heimatmuseum („Wer rennt, wenn’s brennt?“) und im Naturkundemuseum („Die Macht des Feuers“), Vorträge, Konzerte und szenisch-multimediale Annäherungen ergänzen das Themenjahr.
Auch der Blick auf die Gegenwart fehlt nicht. Beim „Tag der Sicherheit“ im Oktober informiert die Feuerwehr über Brandverhütung und moderne Einsatzstrategien. „1726 war man dem Feuer weitgehend ausgeliefert“, sagt Feuerwehrkommandant Stefan Hermann. Heute könne man sehr viel schneller und präziser handeln. Doch: „Trotzdem bleibt Feuer eine reale Gefahr“, sagt der Kommandant.
„Stadtbrand“ zum Trinken: bestechende Milde
Selbst eine ungewöhnliche, augenzwinkernde Form der Erinnerung findet Platz: der flüssige „Stadtbrand“. Der Schnaps wurde von der Brennerei Schaal hergestellt – aus 900 Flaschen alten Portugiesers, eines Reutlinger Stadtweins. Der Vorrat brachte Oberbürgermeister Keck auf die Idee, daraus eine eigene Spirituose zu entwickeln. Monatlich sollen jeweils 30 Flaschen in den Verkauf gehen. Keck beschreibt den Brand als Spirituose mit „absolut bestechender Milde“. Der Preis: 17,26 Euro – angelehnt an das Jahr des historischen Unglücks.
Der Himmel über Reutlingen wird heute nicht mehr rot, wenn irgendwo eine Kerze umfällt. Doch die Erinnerung an den Stadtbrand von 1726 ist geblieben. – und steht im Themenjahr „Reutlingen brennt“ im Mittelpunkt zahlreicher historischer, künstlerischer und öffentlicher Formate.
Das Themenjahr im Überblick
Das Themenjahr „Reutlingen brennt“ beginnt am 4. März mit einem Vortrag zum Wiederaufbau nach dem Stadtbrand in der Stadthalle. Von Mai bis Oktober widmet sich das Heimatmuseum in einer Sonderausstellung der Frage „Wer rennt, wenn’s brennt?“, parallel zeigt das Naturkundemuseum von Juli bis Oktober die Ausstellung „Die Macht des Feuers“. Im September verdichten sich die Veranstaltungen rund um den historischen Brandzeitraum: Neben Vorträgen und Konzerten steht vom 19. September bis 3. Oktober die Projektion-Licht-Ton-Installation „FEUEREIFER“ in der Marienkirche im Mittelpunkt. Am 23. September findet die zentrale Gedenkveranstaltung zum 300. Jahrestag auf dem Marktplatz statt, gefolgt von der szenisch-multimedialen Annäherung „Aus der Asche“ in der Marienkirche. Der bekannte „Tag der Sicherheit“ mit Schwerpunkt Brandverhütung und Brandbekämpfung folgt wie gewohnt im Oktober. Hierbei soll es laut Stadtmarketing-Chefin Anna Bierig auch einen Löschwettbewerb geben. Den Abschluss des Themenjahres bildet Ende November die verkaufsoffene Nacht „Reutlingen leuchtet“ in der Innenstadt, bei der ebenfalls auf den Brand Bezug genommen werden soll.
Weitere Infos zum Brand und den Veranstaltungen des Themenjahres finden sich auf www.reutlingen.de/stadtbrand.

