Umfrage „BaWü-Check“
: Ärztemangel trifft besonders Menschen auf dem Land

Vor allem in Dörfern blickt die Bevölkerung zunehmend skeptisch auf die ärztliche Versorgung. Die neue Umfrage zeigt auch: Viele Patienten müssen lange auf eine Behandlung warten.
Von
Moritz Clauß
Stuttgart
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OP am Universitätsklinikum Tübingen: ARCHIV - 06.05.2024, Baden-Württemberg, Tübingen: Ein Chirurg des Universitätsklinikums Tübingen operiert an der Frauenklinik minimalinvasiv eine Frau am Unterleib. (zu dpa: «Kasse: Ärzte sollten mehr über zweite Meinung informieren») Foto: Bernd Weißbrod/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Eine Operation am Universitätsklinikum Tübingen: Die Bevölkerung in Städten bewertet ihre medizinische Versorgung besser als Menschen auf dem Land.

Bernd Weißbrod/dpa
  • Umfrage zeigt: 66 % der Menschen in BaWü bewerten die Gesundheitsversorgung als gut – Rückgang seit 2010.
  • Besonders betroffen ist das Land: 58 % positive Bewertung, 41 % kritisch.
  • Lange Wartezeiten, Ärztemangel und Medikamentenengpässe belasten Patienten stark.
  • 48 % fordern eine einheitliche Krankenversicherung, 65 % wollen Pflegeberufe attraktiver machen.
  • Krankenhausschließungen: 53 % auf dem Land sehen große Probleme, MVZ als mögliche Lösung im Gespräch.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Lange Wartezeiten, Arzneimittel-Engpässe, gestresstes Pflegepersonal: Seit Jahren fragen sich viele Menschen im Südwesten, ob die Qualität der Gesundheitsversorgung in Baden-Württemberg künftig aufrechterhalten werden kann. Bisher blickt eine Mehrheit zwar positiv auf die medizinische Versorgung in ihrer Region – doch die Zahl der Skeptikerinnen und Skeptiker nimmt zu. Das ist ein Ergebnis des neuen BaWü-Checks, der repräsentativen Umfrage im Auftrag der baden-württembergischen Zeitungsverlage. Die Auswertung zeigt: Während im Jahr 2010 noch 82 Prozent der Bevölkerung die medizinische Versorgung bei sich vor Ort als gut oder sehr gut bewerteten, sind es inzwischen nur noch 66 Prozent.

Besonders hoch ist der Anteil der kritischen Stimmen auf dem Land. So bewerten 58 Prozent der Bevölkerung in Dörfern die Gesundheitsversorgung in ihrer Region als gut oder sehr gut, während 41 Prozent eine negative Bilanz ziehen. Mehr als jeder dritte Erwachsene in Baden-Württemberg findet außerdem, dass er oder sie in den vergangenen drei Jahren schlechtere Erfahrungen mit der ärztlichen Versorgung gemacht hat als früher. Etwas mehr finden, dass sich an den Erfahrungen nicht viel verändert hat.

Bei den persönlichen negativen Eindrücken fällt allem voran das Thema Wartezeiten auf. So geben 83 Prozent der Befragten an, dass sie selbst oder jemand aus ihrer Familie in den vergangenen Jahren lange auf einen Arzttermin oder eine Untersuchung warten mussten. 66 Prozent fanden es sogar schwierig, „einen Arzt zu finden, der einen als Patient aufnimmt“. Auch Sorgen vor einem Ärztemangel haben – vor allem auf dem Land – stark zugenommen. 40 Prozent der baden-württembergischen Bevölkerung beobachten in ihrer Gegend demnach schon jetzt einen Mangel an Ärztinnen und Ärzten, während 25 Prozent erwarten, dass diese Engpässe in den nächsten Jahren eintreten werden. Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach, das den BaWü-Check durchgeführt hat, zeigen bundesweite Untersuchungen, dass in Deutschland immer mehr Menschen von medizinischen Personalengpässen in ihrer Region berichten.

Gesetzliche Krankenversicherung: Viele haben das Gefühl, es wird gespart

Neben dem Ärztemangel und weiteren Engpässen hat ein Teil der Patientinnen und Patienten laut den Umfrage-Ergebnissen außerdem den Eindruck, dass mitunter bei den Behandlungskosten gespart wird. 35 Prozent der Bevölkerung im Südwesten hatten schon mal das Gefühl, dass ihnen „aus Kostengründen eine bestimmte Behandlung oder ein bestimmtes Medikament vorenthalten wurde“. Bei dieser Frage zeigen sich allerdings große Unterschiede: Bei gesetzlich Versicherten hatten 38 Prozent diesen Eindruck – bei Privatversicherten nur 13.

Dass im Gesundheitssystem überhaupt zwischen Menschen mit gesetzlicher und privater Krankenversicherung unterschieden wird, ist aus Sicht vieler Menschen in Baden-Württemberg nicht gut: 48 Prozent finden, dass es eine einheitliche Krankenversicherung für alle geben sollte. Etwas weniger Zustimmung erhält die Forderung, dass die Beiträge zur Krankenkasse nicht erhöht werden sollten – tatsächlich stiegen die Beitragssätze in diesem Jahr wieder bei dutzenden Kassen.

Pflegeberuf attraktiver gestalten – große Mehrheit ist dafür

Andere Forderungen nach Veränderungen am Gesundheitssystem stoßen auf mehr Unterstützung. So finden 51 Prozent der Befragten, dass Ärztinnen und Ärzte verpflichtet sein sollten, „jeden Patienten zu behandeln, egal wie er versichert ist“. 55 Prozent sprechen sich dafür aus, die Gesundheitsversorgung auf dem Land zu verbessern, 58 Prozent fordern weniger bürokratische Verpflichtungen für Krankenhäuser und Arztpraxen. Besonders viel Zustimmung erhält der Vorschlag, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten – 65 Prozent der Bevölkerung finden diesen Ansatz richtig. Rund vier von zehn Erwachsenen unterstützen außerdem die Forderung, dass man Kassenbeiträge zurückerstattet bekommen sollte, wenn man zum Beispiel regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen geht oder Sport treibt.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) spricht sich seit längerem dafür aus, Kliniken in Deutschland zu schließen, um die Finanzierung der verbleibenden Krankenhäuser sicherzustellen – und gleichzeitig die medizinische Versorgung auf dem Land zu garantieren. Die Pläne sind umstritten, auch ein nicht unerheblicher Teil der baden-württembergischen Bevölkerung steht der Zusammenlegung oder Schließung von Kliniken kritisch gegenüber. Auf Dörfern finden 53 Prozent, es wäre ein großes Problem, wenn in ihrer Region mehrere Krankenhäuser zusammengelegt würden. In Großstädten liegt dieser Anteil lediglich bei 38 Prozent.

Die meisten Menschen hoffen zudem, dass Medizinische Versorgungszentren (MVZ), in denen Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen arbeiten, dabei helfen können, die Folgen von Krankenhausschließungen in den Griff zu bekommen. Etwas weniger als zwei Drittel denken, MVZ könnten diese Folgen nicht ganz auffangen, aber abmildern. Knapp ein Viertel der Bevölkerung glaubt, MVZ könnten die Folgen von Krankenhausschließungen überhaupt nicht auffangen – nur jeder Zwanzigste denkt, dass die Versorgungszentren wegfallende Kliniken vollständig ersetzen könnten.

BaWü-Check: Die Umfrage der Tageszeitungen

Wie zufrieden sind die Menschen in Baden-Württemberg mit der Gesundheitsversorgung? Welche Probleme sehen sie – und welche Lösungen? Das wollten die Tageszeitungen in Baden-Württemberg in ihrer gemeinsamen Umfrage, dem BaWü-Check, genauer wissen. Im Auftrag der Zeitungen befragt das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) viermal im Jahr rund 1000 Menschen im Land zu einem bestimmten Thema, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten. Für die Umfrage zur Gesundheitsversorgung wurden im August 2024 insgesamt 1010 Interviews mit Erwachsenen aus Baden-Württemberg geführt. Die gedruckten Tageszeitungen im Südwesten erreichen jeden Tag mehr als fünf Millionen Menschen, hinzu kommen die Leserinnen und Leser auf den reichweitenstarken Online-Portalen.