Professor Frank Gansauge arbeitet mit dendritischen Zellen, die als Verfahren bei der Therapie von Krebserkrankungen hinzugezogen werden können. Heute spricht er über den aktuellen Stand der Behandlung, die er als Begleitpfad zu Standardtherapien sieht.
In Deutschland gibt es nur eine Handvoll anerkannter Anbieter der dendritischen Zelltherapie. Auch weltweit fristet das Verfahren, das seinem Erfinder, dem kanadischen Wissenschaftler und Immunologen Ralph Steinman 2011 posthum den Medizin Nobelpreis einbrachte, ein Schattendasein.
Dendritische Zellen werden aus dem Eigenblut des Patienten hergestellt und nach einem speziellen Laborverfahren wieder gespritzt. „Eine Immunisierung außerhalb des Körpers“, erklärt Professor Gansauge. „Die dendritischen Zellen zurück im Körper agieren wie eine Mischung aus Geheimdienst und Militär, denn sie erkennen den Feind, die Tumorzellen, schleichen sich an und rücken dem Krebs dadurch zu Leibe. Gleichzeitig bilden sie im Körper weitere Immunzellen aus, die dann ebenfalls zu Killerkrebszellen werden.“
Der Begleitpfad zur Standardmedizin
Gansauge betont: „Wir verlassen den Pfad der Standardmedizin nicht.“ Die dendritische Zelltherapie gilt lediglich als begleitendes Verfahren, das bei austherapierten Patienten oder während der Chemotherapie, Bestrahlung oder medikamentösen Behandlung angewandt werden kann. „Ein effektives zusätzliches Werkzeug, das allerdings in der Herstellung sehr umfangreich ist. Um dendritische Zellen herzustellen, bedarf es eines Labors mit einem Qualitätsmanagement vom Feinsten“, sagt Gansauge. „Wir sind weltweit übrigens das einzige Labor, das nicht mit eingefrorenen Zellen arbeitet. Wenn die Zellen eingefroren und wieder aufgetaut werden, ergibt sich ein Funktionsverlust.“ Das Setting: „Ein Reinraum der Klasse A – das bedeutet Null Partikel in der Luft. Das Zellprodukt ist während der gesamten Herstellung, bis es zurück in den Patienten injiziert wird, keine Sekunde lang unbeobachtet.“
Rund 6000 Patienten hat Professor Gansauge in den vergangenen Jahren mit dendritischen Zellen behandelt. Auch wenn durch die Behandlung zusätzliche Heilungschancen gegeben sind, geht es dem Mediziner in erster Linie darum, Patientenleben in der Palliativsituation zu verlängern und die Wiedererkrankungsrate nach erfolgter Operation zu senken. Bei schwarzem Hautkrebs und Eierstockkarzinomen seien die Erfolge „sensationell“, bei Bauchspeicheldrüsenkrebs habe man die mittlere Überlebensrate von sechs auf zwölf Monate erhöhen können.
„Bei Darmkrebs bricht die Krankheit bei etwa 45 Prozent der Patienten wieder aus. Mit einer einmaligen dendritischen Zelltherapie konnte die Wiedererkrankungsrate auf elf Prozent gesenkt werden. Diese Daten haben wir uns zunächst einmal selbst nicht geglaubt und deshalb Experten von außerhalb prüfen lassen. Eine Woche prüften die Experten der belgischen Non-Profit-Organisation „Reliable Cancer Therapies“ im Labor mit kritischem Auge jegliches winzige Detail. Am Ende dann der Beweis: Die Zahlen waren echt.“
Ein junger Mann mit Enddarmkrebs aus der Region gilt seit Kurzem als geheilt, ebenso eine Patientin mit einer Eierstockkrebserkrankung aus Südamerika und eine Patientin aus Polen, die mit einem Analkarzinom und Lungenmetastasen das Behandlungsverfahrung als Unterstützung in Anspruch genommen hatte. Doch noch immer erfährt die dendritische Zelltherapie als begleitendes Verfahren seitens Kritikern Gegenwind. „Der klassische schulmedizinische Onkologe mag der neuen Therapieform immer noch kritisch gegenüberstehen, dennoch stimmen inzwischen rund 30 Prozent der gesetzlichen und 80 Prozent der privaten Krankenkassen dem begleitenden Verfahren in der Krebstherapie zu“, gibt der Krebszellenforscher zu verstehen.
Ein Leben für die Umsetzung der Forschung
Der Prozess im Reinlabor in der Sedanstraße ist perfekt automatisiert. Von der Blutabnahme an sind nicht nur laborinterne, sondern auch externe Qualitätsmanagementbeauftragte im Verfahren involviert. „Ich habe in meinem Leben sehr viel geforscht“, sagt Gansauge. „Doch die Prozessautomatisierung hin zur Reproduzierbarkeit unter perfekten Bedingungen ist so viel umfangreicher und damit auch aufwändiger als die Forschung.“
Die dendritische Zelltherapie ist sein Steckenpferd. Dieses Verfahren möglichst vielen Patienten zu ermöglichen seine Herausforderung. „Ein Leben reicht gerade einmal dafür aus, sagt der 56-Jährige. „Von den Kinderschuhen bis zur Reproduzierbarkeit.“
Das Therapieprinzip der dendritischen Zellen
Krebs entsteht, wenn sich eine Zelle im Körper der strengen Kontrolle von Wachstum, Größe und Beweglichkeit entzieht, sich ungehemmt zu vermehren beginnt und Abkömmlinge produziert, die in umliegendes Gewebe eindringen können. Diesem Invasionsstadium kann, wenn sich die entarteten Zellen über Lymph- und Blutbahnen ausbreiten, die Metastasierung, die Bildung von Tochtergeschwülsten, folgen.
Rund einhundert verschiedene Krebsarten sind beim Menschen bekannt und alle unterscheiden sich voneinander. „Das Immunsystem ist unser körpereigenes Abwehrsystem gegen schädigende Erreger sowie gegen Zellen, die entartet sind und sich unkontrolliert teilen. Jeden Tag entstehen etwa acht bösartige Zellwucherungen im Körper. Trotzdem entsteht im Schnitt auf 200 Lebensjahre nur ein Krebs. Das zeigt, dass das menschliche Immunsystem nahezu alle Zellen erkennt und vernichtet, die Veränderungen aufweisen, aus denen sich Krebs entwickeln könnte. Menschen mit gut funktionierendem Immunsystem haben ein circa vierzig Prozent geringeres Risiko, an Krebs zu erkranken. Dennoch kann es passieren, dass unser Immunsystem diese Zellen gerade aufgrund ihrer Veränderung nicht erkennt. Zudem können Tumoren ab einer gewissen Größe Botenstoffe produzieren, die zu einer Schwächung des Immunsystems führen. Deshalb ist bei einem Großteil der Patienten mit Krebserkrankungen das Immunsystem geschwächt. Aufgrund dieser Erkenntnis versuchen Ärzte durch Medikamente, Vitamine und Spurenelemente, aber auch durch komplementärmedizinische Behandlungsformen das Immunsystem von Krebspatienten zu stärken. Durch intensive Forschung ist das Wissen um das Immunsystem, die einzelnen Faktoren und Zelltypen, die eine entscheidende Rolle in der Abwehr schädlicher Erreger oder Zellen spielen, in den letzten Jahren stark gewachsen. Heute weiß man, dass eine ganz besondere Rolle in diesem System den dendritischen Zellen zukommt.„
Bisher konnte die Effektivität einer Therapie mit dendritischen Zellen bei Haut-, Nieren-, Brust-, Bauchspeicheldrüsen- und Prostatakrebs nachgewiesen werden. Auch bei Darmkrebs und Eierstockkrebs hat sich gezeigt, dass Patienten von einer Behandlung mit dendritischen Zellen profitieren.
Die Laboratories Dr. Gansauge (LDG) wurden 2021 als „best dentritic cell therapy laboratory“ mit dem German Business Award ausgezeichnet.
Zur Person
Prof. Dr. med. Frank Gansauge studierte Medizin in Tübingen und Cardiff. Der Facharzt für Chirurgie habilitierte 2000 an der Universität Ulm in der chirurgischen Onkologie mit Chemo- sowie Folgetherapien. 2002 gründete er das LDG – Laboratories Dr. Gansauge. Mit Professor Bertram Poch und Priv. Doz. Michael Schwarz betreibt er das GPS-Zentrum für onkologische, endokrine und minimalinvasive Chirurgie in Neu-Ulm. Er ist Gastprofessor an der Technischen Universität Lianing, China, sowie an der Medizinischen Universität Belgrad und Professor an der Shanxi Universität für Biosciences, China. Er hat mehr als 160 wissenschaftliche Publikationen verfasst.
Kontakt
LDG - Laboratories Dr. Gansauge Silcherstraße 36, 89231 Neu-Ulm