Tief verschneit sind die Wege in der Kleingartenanlage in Nersingen am Samstagnachmittag, das Thermometer zeigt Minusgrade. Wer würde sich bei diesem Wetter zu einem vogelkundlichen Rundgang herauswagen? Ralf Schreiber vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) ist zuversichtlich: „Es wird schon jemand kommen. So kalt ist es ja gar nicht.“ Im Rahmen der Aktion „Stunde der Wintervögel“, bei der versucht wird, den Vogelbestand in Deutschland zu erfassen, hat die LBV-Kreisgruppe Neu-Ulm Interessierte an den Nersinger Ortsrand eingeladen, um Tipps und Infos rund um die Vogelwelt zu vermitteln. „Das Wetter könnte natürlich idealer sein“, gibt Schreiber zu.

„Gucken, gucken, gucken“

Trotzdem finden sich sechs Vogelfreunde zur Exkursion ein, ausgestattet mit Ferngläsern und warmem Schuhwerk. „Wir haben einen sehr naturnahen Garten, aber es sind dort keine Vögel zu sehen“, berichtet ein Ehepaar aus Leibi. Woran das liegen könne? „Die Donau ist dort sehr nah“, sagt Schreiber. Zudem läge der Ortsteil in der Natur, die Vögel würden daher auch außerhalb von Gärten Futter finden.
Obwohl so mancher Piepmatz in der Kleingartenanlage herumflattert, ist beim Rundgang nur wenig Gezwitscher zu hören. „Es gibt zwar Vögel, die jetzt schon anfangen, Reviere zu besetzen und zu kennzeichnen, aber das ist die Ausnahme“, erklärt Schreiber. Wenn man im Winter Vögel beobachten wolle, bleibe daher nur eins: „Gucken, gucken, gucken.“
Es dauert nicht lange, bis die Spaziergänger in den kahlen Bäumen und der schneebedeckten Landschaft Kohlmeisen, einen Zaunkönig und einen Klaiber ausmachen. Auch ein Turmfalke überfliegt die Anlage am Nersinger See. Als die Gruppe vor einer Hecke stehen bleibt, fliegt ein Dutzend Spatzen auf: „Die hocken im Winter gern da unten drin, wo es nicht schneit“, sagt Schreiber. In großer Zahl sind auch Amseln zu entdecken. „Die finden immer was zu fressen, auch im Schnee, Hagebutten oder Ligusterbeeren etwa.“ An den Ästen eines Apfelbaums picken mehrere Amseln an hängengebliebenen Früchten herum. „Das ist natürlich ideal, wenn die noch da sind. Die Amseln haben hier ein gutes Leben.“
Ob es sinnvoll sei, Futterstellen für Wintervögel einzurichten, fragt eine Besucherin. Zwingend notwendig sei es nicht, könne aber hilfreich sein, antwortet Schreiber: „Wenn die Lebensräume wenig ergiebig sind, kann das nicht schaden.“ Oft würden Vögel die Futterhäuschen zwar nicht gleich als solche erkennen: „Bei einem Haus mit Dach können sie aus der Luft nicht sehen, was es ist.“ Aber Vögel seien lernfähig, würden durch Beobachtung allmählich verstehen, wo es etwas zu Fressen gäbe.
Eine Stunde lang trotzen die Spaziergänger der Kälte, dann endet die Führung. Die Füße werden langsam kalt, zudem hätten sie so gut wie alle Vogelarten gesehen, die zu erwarten waren, sagt Schreiber: „Ein Rotkehlchen hatte ich mir noch erhofft oder eine Wacholderdrossel.“
Auch Wasservögel ließen am Nersinger See an diesem Nachmittag auf sich warten. Schreiber schlug den Besuchern daher einen Ausflug an den Gerlenhofer Plessenteich oder den Wullenstetter Natursee vor: „Der hat sich zu einem echten Vogelparadies entwickelt.“ Zum Abschied gab er noch eine Bitte mit auf den Weg: „Versuchen Sie, Ihre Gärten natürlich zu halten und unterstützen Sie die Bio-Landwirtschaft.“ Das käme Natur und Vogelvielfalt entgegen.

Menschen zählen Vögel

Aufruf Zum neunten Mal haben LBV und NABU am Wochenende bundesweit dazu aufgerufen, Vögel in Gärten oder Grünanlagen zu zählen, in Bayern fand die Mitmachaktion zum 14. Mal statt.
Bilanz 2018 beteiligten sich laut NABU 136 000 Menschen. Aus den Ergebnissen sollen etwa Erkenntnisse über die Folgen von Klimawandel und Winterfütterung gewonnen werden.