Betrug mit Schockanrufen
: 2024 bereits 1,2 Millionen Euro erbeutet

In der Region Neu-Ulm registriert das zuständige Polizeipräsidium ungewöhnlich viele Anrufe von Betrügern. Viele der Opfer kennen die Masche. Warum es trotzdem gelingt.
Von
Ute Gallbronner
Neu-Ulm
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Schockanruf: ARCHIV - 10.03.2021, Nordrhein-Westfalen, Essen: Eine ältere Dame nimmt in ihrer Wohnung ein Telefongespräch an. Eine Frau in Hofheim zahlte nach dem Anruf eines angeblichen Polizisten 300 000 Euro.   (zu dpa: «Falsche Polizisten erbeuten 300.000 Euro») Foto: Roland Weihrauch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Vor allem ältere Menschen sind derart geschockt, dass sie nicht mehr klar denken können.

Roland Weihrauch/dpa

Noch immer läuft die perfide Masche mit den Schockanrufen hervorragend. Das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West hat eine vorläufige – und erschreckende – erste Bilanz für 2024 gezogen. Demnach wurden bisher 420 Betrugsversuche angezeigt, davon waren 25 erfolgreich. Bei diesen wurden insgesamt 1,2 Millionen Euro erbeutet. Im gesamten Jahr 2023 waren es 690 Fälle gewesen. 21 Opfer wurden um eine Gesamtsumme von 870.000 Euro gebracht.

In den vergangenen Tagen gibt es wieder verstärkte Aktivitäten. Unter anderem übergab eine 76-Jährige aus Vöhringen eine mittlere fünfstellige Summe. Eine Frau hatte weinend angerufen, die angab, dass sie bei der Polizei festgehalten werde. Die Täter suggerierten der Frau, dass es sich um ihre Tochter handle, die bei einem Autounfall zwei Menschen getötet habe.

In dieser Schocksituation glaubte die angerufene Frau tatsächlich, dass ihre Tochter Hilfe brauche. Eine andere Frau übernahm das Gespräch und sagte der 76-Jährigen, dass die Tochter ins Gefängnis müsse, es sei denn, sie bezahle eine hohe fünfstellige Bargeldsumme als Kaution. Die 76-jährige Frau bot eine niedrigere Summe, die sie letztlich an einen Geldabholer übergab. Erst als die Geschädigte anschließend die Tochter selbst kontaktierte, flog der Schwindel auf.

Keine Zeit zur Ruhe zu kommen

Obwohl die Masche inzwischen bekannt sein sollte, ist sie immer wieder erfolgreich. Auch bei Menschen, die hinterher sagen, dass sie natürlich davon gehört hätten. Es ist die Schocksituation, welche die Täter bewusst erzeugen und ausnützen. Das bestätigt ein 86-Jähriger, bei dem es die Betrüger ebenfalls versuchten. „Ich habe am ganzen Körper gezittert und konnte keinen klaren Gedanken fassen“, erzählt er. Sein Glück: Die Tochter wohnt im Haus. Er übergab das Telefon seiner Frau und ging zur Tochter, die aufklären konnte, dass die Enkelin keineswegs einen Unfall verursacht hatte. Als sie das Gespräch übernahm, legten die Betrügerin umgehend auf.

Die meisten Telefonate beginnen mit einem schluchzend-weinerlichen Anruf eines angeblichen Familienangehörigen. Kurze Zeit später übernimmt ein angeblicher Polizeibeamter oder Staatsanwalt. Den Geschädigten erzählen die Betrüger, dass Familienangehörige einen tödlichen Unfall verursacht haben und nun Kaution fällig sei. Durch einen enormen Zeitdruck nehmen die Täter den Geschädigten jede Gelegenheit, in Ruhe nachzudenken.

Die Polizei bittet, dass man mit Angehörigen, Bekannten oder Nachbarn über die Masche spricht. Wichtig sind folgende Dinge:

  • Die Polizei fordert niemals Geld oder Wertgegenstände.
  • Geben Sie niemals am Telefon Auskunft über persönliche oder finanzielle Verhältnisse
  • Legen Sie auf und rufen Sie den vermeintlich betroffenen Angehörigen unter der ihnen bekannten Nummer selbst zurück oder eine andere Vertrauensperson.
  • Rufen Sie beim geringsten Zweifel bei der Behörde an, von der die angebliche Amtsperson kommt. Suchen Sie die Telefonnummer selbst heraus oder lassen Sie sich diese durch die Telefonauskunft geben.
  • Kommen die Betrüger zu ihrem Haus, lassen Sie sie vor der abgesperrten Tür warten.
  • Sie erhalten keine Anrufe von der Notrufnummer 110.
  • Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen! Im Zweifel legen Sie auf und wählen selbst den Notruf 110!
  • Die Frage „XY, bist du es?“ wird von den Betrügern provoziert. So erfahren Sie den Namen des angeblich betroffenen Familienmitglieds.