Ballonfahrerin Susanna Obieglo: „Unser Leben hängt an Stahlseilen und Karabinern“
Susanna Obieglo schaut in den Himmel. „So viel Wind war nicht vorhergesagt“, sagt die 25-Jährige. Das sei ein Klassiker beim Ballonfahren. „Es sind immer nur Prognosen, mit denen man fährt.“ Trotzdem, an diesem Nachmittag in Seligweiler herrscht bestes Ballonwetter. Der hellblaue Himmel ist vereinzelt mit Schleierwolken verziert – ein Glück für Jens und Julia Gebhard, die eine Fahrt gebucht haben. Pilotin Obieglo fährt den Ballon dieses Mal allerdings nicht allein: Pilotenschüler Markus Kindl hat am nächsten Tag Prüfung, also: Ein letztes Mal Üben ist angesagt. „Hier stehen wir nachher alle kuschelig drin“, sagt Kindl und deutet auf den Korb, den er und Kollege Max Vogt zuvor aus dem Anhänger gezogen haben.
Susanna Obieglo: Mit dem Ballon „in den Himmel“
„Die Leute wollen fahren“, sagt Susanna Obieglo über die Auftragslage ihres Unternehmens „Passion Ballooning“, das sie gemeinsam mit einem Freund gegründet hat. Es gibt nicht viele ausgebildete Ballonfahrer. „Man kommt auch nicht einfach so dazu“, sagt Obieglo. „Selbst wenn Menschen Ballons am Himmel sehen, sagen die wenigsten: Ich will Pilot werden.“ Die Weißenhornerin kam durch ihren Großcousin dazu. Der nahm sie einst mit auf ein Jugendlager der Ballonsportgruppe Stuttgart. Zunächst habe sie die Gemeinschaft unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern beeindruckt. „Wir saßen abends am Lagerfeuer, es wurde Gitarre gespielt, wir haben zusammen gesungen und gekocht“, erinnert sich Obieglo.
Dann lässt sie ein belgischer Jungpilot bei einem internationalen Jugendlager das erste Mal an den Brenner. „Seit diesem Moment wusste ich: Ich will den Pilotenschein machen“, sagt Obieglo. 2018 ist es soweit. Noch während des Studiums legt sie die Prüfung ab. Heute arbeitet die Wirtschaftsingenieurin hauptberuflich bei Daimler Buses in Ulm.
Ballonfahrt: Das Leben hängt an „Stahlseilen und Karabinern“
Markus Kindl zieht den Hüllensack aus dem Anhänger und schleift ihn übers Gras. „Das sind 136 Kilo Stoff“, erklärt er seinen Gästen. Die Hülle wird ausgebreitet, ist circa 22 Meter lang. Obieglo stellt währenddessen einen Lüfter auf. Dann legen alle gemeinsam den Korb um, die Hülle wird durch Karabiner am Korb befestigt. „Letztendlich sind es die Stahlseile und Karabiner, an denen unser Leben hängt“, sagt Obieglo. Bei ihren Fahrten ist noch nie etwas passiert. Sie ist schon über die Wüste in Saudi-Arabien gefahren, über Kokosplantagen in Indien. Auch innerhalb Deutschlands sehe die Landschaft überall etwas anders aus. „Alles hat seinen Reiz“, sagt Obieglo.
Seit diesem Jahr reizt die 25-Jährige auch der internationale Wettbewerb. Im Sommer trat sie bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Polen an, kurz darauf bei der Frauenweltmeisterschaft in Australien. In Polen belegte sie Platz 38 von 45. „Da war einfach der Wurm drin“, sagt Obieglo. „Aber es war unglaublich lehrreich.“ Gelerntes konnte sie direkt in Australien anwenden: Dort schaffte sie Platz 15 von 30. Wohin es im Sport für die Weißenhornerin noch gehen soll? „Hoch in den Himmel“, antwortet sie und lacht. Auf einer Stehleiter könnte die 25-Jährige nicht auf der höchsten Sprosse stehen, denn sie hat Höhenangst. Beim Ballonfahren sei das anders: „Da gibt es keine Höhenangst“, sagt Obieglo. „Weil man in die Weite schaut und keine Verbindung zum Boden hat.“ Und direkt runtergucken müsse man ja nicht.
Hoch in den Himmel wollen jetzt auch Jens und Julia Gebhard. Markus Kindl stellt den Lüfter an. Langsam füllt sich die Hülle mit kalter Luft, die Gebhards halten den Stoff fest. Obieglo geht an den Brenner. Sie erhitzt die Luft im Ballon, immer wieder strömt eine Flamme aus dem Brenner. Die Hülle mitsamt Korb richtet sich auf, bis der Ballon steht. Jens und Julia Gebhard steigen gemeinsam mit ihren Piloten ein. Langsam hebt sich der Korb vom Boden. „Es ist jedes Mal ein Abenteuer“, sagt Obieglo über die vielen Fahrten, die sie bereits gemacht hat. „Es gibt immer Prognosen, aber am Ende musst du mit dem arbeiten, was du in der Luft hast.“ Das ist eine Sache, die ihr am Ballonfahren so gefällt. Am schönsten sei aber das Gefühl der „unendlichen Freiheit“.
Tradition beim Ballonfahren: Angesengte Haarsträhnen
Der Ballon steigt weiter vom Boden auf. Markus Kindl steht am Brenner, Susanna Obieglo winkt ihrem Kollegen Max Vogt zu, der am Boden bleibt. Der Ballon wird irgendwann zu einem kleinen Punkt auf der Wolkendecke. „Die Richtung kann sich jederzeit ändern“, sagt Vogt, der mithilfe einer App den Standort des Ballons verfolgt und ihm mit dem Auto nachfährt. Circa eine Stunde später landet der Ballon hinter Langenau. Obieglo ist zufrieden: „Er hat alles richtig gemacht“, sagt sie über Ballonschüler Markus Kindl. Jens und Julia Gebhard werden mit ihrer ersten Fahrt nun in die Ballonfamilie aufgenommen – und müssen dafür, ganz der Tradition nach, ein paar Haarsträhnen opfern: Die werden angesengt und mit Sekt abgelöscht.
Den Hauptberuf aufgeben, ausschließlich als Pilotin arbeiten – das kommt für Obieglo nicht infrage. „Ich möchte niemals in die Situation kommen, dass ich fahren muss, um die Miete bezahlen zu können“, sagt die 25-Jährige. Denn das könnte dazu führen, dass ein Pilot größere Risiken beim Wetter eingeht. „Es hat als Hobby angefangen und das soll es auch bleiben“, sagt sie. Nur im Wettkampf geht es kommendes Jahr weiter: Obieglo wurde bereits zum Coup d’Europe nach Frankreich eingeladen.
Was wird bei einem Ballonfahr-Wettbewerb gewertet?
Ballonfahrerinnen und Ballonfahrer, die an einem Wettbewerb teilnehmen, bekommen unterschiedliche Aufgaben, die sie in einem festgelegten Zeitraum lösen müssen. Im Wettkampf fahren die Teilnehmer mit GPS: Höhe und Standort werden also genau aufgezeichnet. „Eine Aufgabe ist das klassische, physische Zielkreuz“, erklärt Susanna Obieglo. „Das Zielkreuz liegt auf Koordinate X, in dessen Wertungsraster muss man fahren.“ Dort angekommen werfen die Athleten dann einen Sandsack auf das Zielkreuz – je präzisier, desto besser. „Im Wettbewerb kommt es viel auf Erfahrung an“, sagt Obieglo.





