Grabfunde in Riedlingen: „Ein Glücksfall für die Archäologie“

Am unteren Ende des Tunnels, über den Grabräuber in die Kammer gelangt waren, lagen die verstreuten Reste der Bestattung und der Grabbeigaben.
LAD im RPS/ Jörn Heimann- 2023 entdeckte das LAD bei Riedlingen eine frühkeltische Grabkammer im Großgrabhügel.
- 2024 wurde eine komplett erhaltene Eichenholz-Kammer freigelegt; Alter: 2610 Jahre.
- Grabräuber plünderten Metalle, ließen Holz/Textil zurück; Funde im Schacht gut erhalten.
- Einzigartig: Birkenrindenstreifen mit Hengst in Ritz- und Punkttechnik aus der Kammer.
- Beigaben deuten auf sozialen Elite-Status des 17–19-jährigen; Raub frühestens 200 Jahre später.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Archäologinnen und Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart haben die im Jahr 2023 bei Riedlingen entdeckte keltische Grabkammer näher untersucht. Obwohl diese bereits in der Antike beraubt worden war, konnten im Schacht der Grabräuber einmalige Funde gesichert und ausgewertet werden.
Seit 2023 wird am südwestlichen Ortsrand von Riedlingen ein Großgrabhügel aus frühkeltischer Zeit von Archäologinnen und Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart untersucht. 2024 war durch das interdisziplinäre Forschungsteam um Landesarchäologe Prof. Dr. Dirk Krausse und Heuneburg-Referent Dr. Roberto Tarpini im Zentrum des Hügels eine vollständige Grabkammer aus Eichenhölzern freigelegt worden, die sich durch Grundwasser sensationell gut erhalten hatte. Mithilfe der Dendrochronologie konnte ihr Alter exakt auf 2610 Jahre bestimmt werden. Sie wurde somit im Jahr 584 v. Chr. errichtet.
Von Grabräubern geplündert
Die archäologischen Untersuchungen hatten gezeigt, dass sich Grabräuber bereits in der Antike gewaltsam Zugang zum Inneren der Kammer verschafft und diese geplündert hatten. Dabei hatten sie es aber offensichtlich nur auf die kostbaren Metalle abgesehen, wohingegen Beigaben aus organischen Materialien wie Holz oder Textil achtlos zurückgelassen wurden. „Das war ein Glücksfall für die Archäologie, denn aufgrund der ungewöhnlichen Erhaltungsbedingungen durch Grundwassereinwirkung haben sich Funde erhalten, die unter normalen Bedingungen im Boden spurlos verschwunden wären“, berichtet Landesarchäologe Prof. Dr. Dirk Krausse.
Von Möbeln bis zu Gefäßstücken
Das untere Ende des von den Grabräubern durch den riesigen Grabhügel getriebenen Stollens entfaltete sich 2025 als „Quelle vieler neuer Entdeckungen“, wie Krausse es nennt. Hier lagen die verstreuten Skelettreste eines 17 bis 19 Jahre alten Mannes sowie unzählige Grabbeigaben aus Holz, kleinen Metallfragmenten, Textil, Fell und weiteren organischen Materialien. Diese befanden sich ursprünglich in der Grabkammer und wurden wohl nach der Plünderung von oben in den Schacht zurückgeworfen. „Vermutlich lagen die menschlichen Überreste auf oder in einem Fell, mit dem sie aus der Kammer herausgezerrt wurden“, erläutert Dr. Roberto Tarpini, Referent für die denkmalpflegerische Betreuung der Heuneburg am LAD im Regierungspräsidium Stuttgart.
„Den auffälligsten und bislang interessantesten Teil dieses einzigartigen Fundensembles stellen die zahlreichen Reste von erstaunlich gut erhaltenen, teils hochwertigen Holzobjekten dar, die ein breites Spektrum umfassen und Einblicke sowohl in die Grabausstattung sowie in den antiken Grabraub gewähren“, berichtet Tarpini weiter. „Sie reichen von fast vollständigen Möbelstücken, zum Beispiel einem Schemel oder Tischchen, über größere Wagenteile oder Gegenstände wie einen runden Deckel, bis hin zu kleinsten Holzfragmenten mit seltener geometrischer Verzierung.“
Eine Fackel aus Birkenholz und ein kleiner Kienspan dienten den Grabräubern wohl als Leuchtmittel in den dunklen Tiefen des Grabhügels. Auch zwei große Weidenkörbe wurden offensichtlich ebenfalls beim Raub verwendet und in dem Schacht entsorgt. Eine erste Radiokarbondatierung an einem der Körbe ergab, dass die Beraubung noch in keltischer Zeit, frühestens 200 Jahre nach der Bestattung, stattgefunden hat.

Keltische Grabkammer in Riedlingen: Ein ganz seltener Grabfund: Auf einem Birkenrindenstreifen ist ein Hengst in Ritz- und Punkttechnik abgebildet.
LAD im RPS /Marion HassoldEin einmaliger Fund
Zu den kulturhistorisch bedeutendsten Fundobjekten gehört laut den Archäologen ein unscheinbarer Birkenrindenstreifen aus der eigentlichen Grabkammer, der ursprünglich wahrscheinlich Teil eines Gefäßes war. Dieses war mit in Ritz- und Punkttechnik ausgeführten figürlichen Motiven verziert: Zu erkennen sind ein stilisierter Hengst sowie weitere noch nicht eindeutig interpretierbare Motive. „Der Fund ist in mehrfacher Hinsicht einmalig“, erklärt Krausse, „erstens gehören figürliche Motive, insbesondere Menschen- und Tierdarstellungen in der frühkeltischen Kunst des 7. und frühen 6. Jh. v. Chr. zu den Raritäten. Und zweitens handelt es sich bei den bekannten Beispielen um Darstellungen auf Metall- oder Tonobjekten.“ Die neu entdeckte Darstellung aus dem Riedlinger Grab zeige erstmals, dass entsprechende Motive auf Holz oder Birkenrinde bereits im frühen 6. Jh. v. Chr. häufiger waren als vermutet.
Weiter erläutert Krausse: „Die von den Grabräubern zurückgelassenen Objekte zeugen davon, dass die Grabausstattung ursprünglich außergewöhnlich reich war und es sich bei dem bestatteten jungen Mann um einen Angehörigen der sozialen Elite gehandelt haben muss.“
In dem wieder verfüllten Beraubungstunnel muss sich in relativ kurzer Zeit ein luftdichtes und feucht-nasses Milieu gebildet haben, das die hervorragende Erhaltung der verschütteten Grabbeigaben ermöglicht hat. „Man kann hier durchaus von Glück im Unglück sprechen, denn ohne diese ‚Konservierungsmaßnahme‘ durch die Grabräuber wären die organischen Funde sehr wahrscheinlich in stärkerem Maß mit Sauerstoff in Kontakt gekommen und zerstört worden“, so Tarpini.
Hintergrund zum Riedlinger Grabhügel
Der Grabhügel, in dem die Grabkammer entdeckt wurde, hatte einen Durchmesser von 65 Metern und eine Höhe von mindestens sechs Metern. Damit gehört er zu den monumentalsten Grabhügeln in Südwestdeutschland. Die Grabkammer besitzt Innenmaße von circa drei mal vier Metern und eine Innenhöhe von circa einem Meter. Ihr Alter konnte auf 2610 Jahre bestimmt werden, sie wurde im Jahr 584 v. Chr. errichtet. Die Bestattung fällt damit in die Blütephase des Fürstensitzes Heuneburg, der ältesten Stadt nördlich der Alpen, die nur sieben Kilometer südwestlich lag und in frühkeltischer Zeit ein bedeutendes Macht- und Wirtschaftszentrum darstellte.
