Ganztagspflicht in Hohenstein?
: Eltern fühlen sich im Bürgerdialog nicht mitgenommen

Bisher ist die Ganztagsschule in Hohenstein freiwillig. Schulleiterin Tanja Glück nennt das bisherige Modell „kein Programm, das die Kinder wesentlich weiterbringt“.
Von
Pia Holzschuh
Hohenstein
Jetzt in der App anhören
Hohensteinschule, Hohenstein

Die Hohensteinschule: Ab 2027 könnte aus der bisherigen Wahlform eine verbindliche Ganztagsschule werden.

Pia Holzschuh
  • Hohenstein prüft: Soll die Ganztagsschule ab dem Schuljahr 2027/2028 verbindlich sein?
  • Schulleitung wirbt für drei Ganztage mit sieben Stunden – bessere Förderung, feste Struktur, weniger Hausaufgaben.
  • Eltern fühlen sich im Bürgerdialog einseitig informiert und vermissen echte Alternativen.
  • Arbeitskreis mit bis zu 15 Personen berät Optionen und berichtet am Dienstag, 15. September, im Gemeinderat.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Rund 100 Eltern, Lehrkräfte und Gemeinderäte kamen zum Bürgerdialog in die Hohensteinhalle. Die Hohensteinschule ist seit zwölf Jahren eine Ganztagsschule in Wahlform. Eltern entscheiden, ob ihr Kind an drei Tagen bis zum Nachmittag am Ganztagsangebot teilnimmt oder den Unterricht in Halbtagsform besucht. Nun prüfen Schule und Gemeinde Alternativen. Im Mittelpunkt steht dabei eine zentrale Frage: Soll die Hohensteinschule ab dem Schuljahr 2027/2028 zur verbindlichen Ganztagsgrundschule werden?

„Es geht nicht nur um irgendein Modell auf dem Papier, sondern um das Bildungsangebot und unsere Kinder“, sagte Bürgermeister Simon Baier zur Begrüßung. Noch sei keine Entscheidung gefallen. Ziel sei es, die Bedürfnisse der Familien kennenzulernen und dem Gemeinderat eine gute Grundlage für seine spätere Entscheidung zu geben. Schnell wurde am Donnerstag, 9. Juli, klar, dass nicht nur beim Schulmodell selbst, sondern auch beim Ablauf des Abends die Meinungen auseinandergehen.

„Mehr Zeit statt mehr Schule“

Den fachlichen Einstieg übernahm Schulrätin Sibylle Jakober vom Staatlichen Schulamt Tübingen. Sie erläuterte die gesetzlichen Vorgaben und den stufenweise eingeführten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Dabei machte sie deutlich, dass die derzeitige Wahlform der Hohensteinschule in ihrer heutigen Ausgestaltung langfristig nicht den Vorgaben entspricht. Wer sich für die Ganztagsschule entscheidet, muss nach den gesetzlichen Vorgaben am ganztägigen Angebot verbindlich teilnehmen. Zudem soll sich der Schultag mit Unterricht, Lernzeiten und Entspannungsangeboten sinnvoll über den Tag verteilen. Die bisherige zweistündige Mittagspause passe dazu ebenso wenig wie die bisherige Organisation des Ganztagsangebots. Künftig müsse das Modell neu geordnet werden. Die Gemeinde müsste unabhängig davon an den beiden verbleibenden Tagen eine Betreuung anbieten, sobald Bedarf besteht.

Rund 100 Eltern, Lehrkräfte und Gemeinderäte kamen zum Bürgerdialog über die Zukunft der Hohensteinschule in die Hohensteinhalle.

Rund 100 Eltern, Lehrkräfte und Gemeinderäte kamen zum Bürgerdialog in die Hohensteinhalle.

Pia Holzschuh

Anschließend warben Schulleiterin Tanja Glück und Konrektorin Heike Waidmann für eine verbindliche Ganztagsgrundschule an drei Tagen mit jeweils sieben Stunden. Aus ihrer Sicht bringt dieses Modell klare pädagogische Vorteile. Unterricht, Bewegung, Lernzeiten und Freizeitangebote ließen sich sinnvoll über den Tag verteilen. Alle Kinder hätten dieselbe Tagesstruktur, Lehrkräfte könnten gezielter fördern und Projekte besser umsetzen. Auch gemeinsame Mahlzeiten, mehr Sport und weniger Hausaufgaben zu Hause nannten sie als Pluspunkte. Schulende wäre an diesen Tagen um 14.45 Uhr. Auf Wunsch könnte man später auch zu einem Modell mit drei Tagen mit acht Stunden übergehen.

Deutliche Worte fand Schulleiterin Glück für das bisherige Ganztagsangebot, das im aktuellen Schuljahr 106 Kinder – und damit fast 70 Prozent – nutzen: „Diese Form ist eine Betreuungsform, kein Unterricht. Das hat nichts mit Qualität zu tun.“ Es sei „kein Programm, das die Kinder wesentlich weiterbringt“. Eine verbindliche Ganztagsschule biete dagegen ein durchgängiges pädagogisches Konzept aus einer Hand. „Es bedeutet nicht mehr Schule, sondern mehr Zeit“, sagte sie.

Eltern vermissen echte Alternativen

Mehrere Eltern kritisierten, dass fast ausschließlich die verbindliche Ganztagsschule vorgestellt worden sei. Sie hätten erwartet, auch andere Modelle kennenzulernen, hauptsächlich Möglichkeiten, wie die bisherige Wahlform zeitlich umgestaltet werden könnte. „Wenn es klar ist, dass es verbindlich wird, braucht es diesen Abend nicht“, sagte ein Vater. Diesen Punkt griffen Eltern im Verlauf des Abends mehrfach wieder auf. Einige hatten den Eindruck, dass der Bürgerdialog zwar ergebnisoffen angekündigt worden sei, tatsächlich aber nur für die verbindliche Ganztagsschule geworben werde. Eine Mutter sagte, für sie klinge das so: „Ich bin eine schlechte Mutter, und es ist gut, wenn mein Kind nicht zu Hause betreut wird.“ Andere verwiesen darauf, dass ein Wechsel an eine andere Grundschule im Umkreis für Familien, die keine Ganztagsbetreuung wünschen, kaum praktikabel sei.

Auf die Frage, was aus pädagogischer Sicht gegen eine verbindliche Ganztagsschule spreche, antwortete Schulrätin Sibylle Jakober ausdrücklich in ihrer Rolle als Vertreterin des Landes: „Pädagogisch gar nichts.“ Studien bescheinigten Ländern mit verbindlichen Ganztagsschulen bessere Bildungsergebnisse. Dass einige Eltern zögern, erklärte sie unter anderem damit, dass viele das Schulsystem aus ihrer eigenen Kindheit anders kennen oder sich mehr persönliche Entscheidungsfreiheit wünschen.

Arbeitskreis soll Optionen prüfen

Wie es weitergeht, soll nun ein Arbeitskreis mit maximal 15 Personen beraten. Darin sollen Eltern, Lehrkräfte, Schulleitung, Gemeinde und Vereine vertreten sein. Das Gremium wird sich in zwei Sitzungen mit den verschiedenen Möglichkeiten befassen und seine Ergebnisse am Dienstag, 15. September, dem Gemeinderat vorstellen. Zum Abschluss des Bürgerdialogs konnten die Teilnehmer ihre Ansichten, Fragen und Sorgen auf Plakaten festhalten. Diese Hinweise sollen ebenso in den weiteren Prozess einfließen wie eine geplante Online-Umfrage. Sie richtet sich an Eltern von Kindergarten- und Grundschulkindern. Neben Fragen zum Betreuungsbedarf soll es auch die Möglichkeit geben, eigene Anmerkungen einzutragen. Die Teilnahme ist bis einschließlich Donnerstag, 23. Juli, möglich. Den Link wird die Gemeinde direkt an die Familien verschicken und außerdem über ihre eigenen Kanäle veröffentlichen. Erst auf dieser Grundlage soll der Gemeinderat über die künftige Form der Hohensteinschule entscheiden.

Familie

Alles, was Eltern beschäftigt und für Kinder wichtig ist, sammeln wir für Sie auf dieser Seite. Wir gehen den Facetten der modernen Erziehung auf den Grund, schreiben darüber, ob und wie Familie und Beruf vereinbart werden können und beantworten mit Experten, Ärzten und Beratern die Alltagsfragen vieler Eltern.