Feuerwehren im Landkreis Reutlingen
: Lebensrettendes Engagement

Im Landkreis Reutlingen absolvierten die Gemeindefeuerwehren im vergangenen Jahr mehr als 4200 Einsätze. Bemerkenswert: Die Zahl der Aktiven und der Nachwuchsretter steigt.
Von
Alexander Thomys
Reutlingen
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In Magolsheim (Bild oben) brannte im vergangenen Jahr eine Scheune nieder, in der eine Werkstatt eingerichtet war. Die Feuerwehrleute schützten das angrenzende Wohnhaus. Schwere Unfälle gab es auf der Bundesstraße zwischen Metzingen und Reutlingen (kleines Bild links). Ende vergangenen Jahres verunglückte der Reutlinger Feuerwehrkran bei Pfronstetten. ⇥

Freiwillige Feuerwehr Münsingen

Normalerweise pflegen die Feuerwehren im Landkreis Reutlingen bei der Verbandsversammlung des Kreisfeuerwehrverbandes ihre Leistungsbilanz des Vorjahres zu ziehen. In diesem Jahr ist alles anders — die Versammlung in Pliezhausen fiel coronabedingt aus. Nun hat der Kreisfeuerwehrverband seinen Jahresbericht für 2019 veröffentlicht — mit beeindruckenden Zahlen und Fakten rund um die Brandbekämpfer, die längst weit mehr tun, als „nur“ Feuer zu bekämpfen.

Personal Die überwältigende Mehrheit der Feuerwehrleute im Kreis engagiert sich ehrenamtlich. Insgesamt gibt es 3168 Angehörige in den Einsatzabteilungen, 76 Beamte zählt die Berufsfeuerwehrabteilung in Reutlingen. Die Zahl der Feuerwehrleute wächst langsam, aber stetig: Im vergangenen Jahr kamen 55 Brandbekämpfer hinzu. Die Zuwächse sind aber auch wichtig, denn nicht überall stehen tagsüber genügend Feuerwehrleute für den Einsatz zur Verfügung. Pendler etwa fallen dann weg, sodass mancherorts mehrere Feuerwehren kooperieren und gemeinsam alarmiert werden. Als größte Feuerwehr im Landkreis zählt die Feuerwehr Reutlingen 517 Angehörige in den Einsatzabteilungen. Es folgen die Freiwilligen Feuerwehren Münsingen (336), Trochtelfingen (157), Sonnenbühl (147), St. Johann (140) und Bad Urach (138). Es folgen: Hohenstein (131), Engstingen (128), Pfronstetten (122), Zwiefalten (118), Metzingen (117), Pliezhausen (104), Hayingen (102), Römerstein (94), Pfullingen (89), Eningen (76), Lichtenstein (73), Dettingen (65), Gomadingen (59), Walddorfhäslach (55), Riederich (47), Grafenberg (46), Mehrstetten (42), Wannweil (41), Hülben (36) und Grabenstetten (34).

Einsätze Die Gemeindefeuerwehren wurden im vergangenen Jahr zu 4216 Einsätzen gerufen. Dabei gab es 678 Brandeinsätze, 2473 technische Hilfeleistungen, wie Nottüröffnungen oder Verkehrsunfälle, sowie 347 „sonstige Einsätze“. Hinzu kamen 718 Fehleinsätze, etwa durch automatische Brandmeldeanlagen. 13 Mal wurden die Feuerwehren böswillig alarmiert, ohne das tatsächlich ein Notfall vorlag.

Menschenleben Bei einem Wohnungsbrand in Reutlingen kam eine Bewohnerin ums Leben. Insgesamt konnten bei Bränden 94 Personen gerettet werden. Bei technischen Hilfeleistungen wurde 493 Menschen geholfen, für 78 Personen kam dagegen jede Hilfe zu spät.

Großbrände Am Neujahrstag schlugen Mitten in der Nacht meterhohe Flammen aus dem Dachstuhl eines Mehrfamilienhauses in Reutlingen. Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren Stadtmitte und Betzingen sowie der Berufsfeuerwehr konnten die Nachbargebäude schützen und das Feuer auf den Dachstuhl begrenzen. Im März rettete die Freiwillige Feuerwehr Dettingen zwei Personen über Leitern aus höchster Not, als deren Dachgeschosswohnung lichterloh brannte. In Bad Urach kam es im Mai zu einem Dachstuhlbrand in der Altstadt. Zusammen mit der Freiwilligen Feuerwehr Dettingen, die zur Überlandhilfe anrückte, gelang es den Wehrleuten den Brand auf das betroffene Gebäude zu begrenzen. In der dichten Bebauung der Altstadt eine beachtliche Leistung. Im Juli war dann die Freiwillige Feuerwehr Münsingen gefordert: In Magolsheim brannte eine als Werkstatt genutzte Scheune ab. Mehrere darin abgestellte Fahrzeuge fielen ebenfalls den Flammen zum Opfer, das angebaute Wohnhaus dagegen konnte geschützt werden. Im Dezember folgte ein dramatischer Einsatz in der Reutlinger Altstadt: Ein Kleintransporter geriet in unmittelbarer Nähe eines Wohn– und Geschäftsgebäudes in Brand, die Flammen griffen in kürzester Zeit auf das Gebäude über. Die Einsatzkräfte waren stundenlang gefordert, da sich Glutnester tief in das Fachwerkhaus rein gefressen hatten.

Unfälle Wie ein Schlachtfeld sah die Bundesstraße 312 bei Metzingen im Januar vergangenen Jahres aus. Der Fahrer eines Sattelzuges hatte die Kontrolle über seinen Lastwagen verloren, geriet ins Schleudern und auf die Gegenfahrbahn. Es kam zum Frontalcrash mit einem Kleintransporter, dessen Fahrer noch an der Unfallstelle verstarb. Anschließend prallten noch zwei Autos auf den umgekippten Lastwagen — es gab weitere Verletzte. Der Unfallverursacher wurde ebenso wie der verstorbene Kleinlasterfahrer in seinem Fahrzeug eingeklemmt, die Feuerwehren aus Reutlingen und Metzingen hatten alle Hände voll zu tun. Außerdem, so heißt es im Jahresbericht, sei es häufig zu Unfällen mit verunglückten Motorradfahrern gekommen.

Unwetter Von großen Unwetterlagen blieben die Feuerwehren im vergangenen Jahr weitgehend verschont. Im Januar allerdings galt es aufgrund von Schneebruch auf der Alb zahlreiche Dächer freizuschaufeln und umgestürzte Bäume von Straßen zu entfernen. Insgesamt kam es 2019 zu 480 Einsätzen nach Sturm und Hochwasser, im Vergleich zum Vorjahr sind das 157 Einsätze weniger. Im Juli 2019 kam es zu Starkregenereignissen im Ermstal, wobei unter anderem die Bundesstraße 28 überspült wurde.

Gefahrguteinsätze Einige Male bekamen es die Feuerwehren auch mit Gefahrstoffen zu tun. Bei klirrender Kälte kamen die Freiwilligen Feuerwehren Römerstein und Bad Urach sowie die Berufsfeuerwehr und die Gefahrstoffeinheit der Feuerwehr Reutlingen zu einem vermeintlichen Gasaustritt in Zainingen zum Einsatz. Der Fahrer eines mit Flüßiggas beladenen Tankzuges war bei einem Betankungsvorgang plötzlich zusammengebrochen und verstorben. die Feuerwehren konnten allerdings keine gefährlichen Gaskonzentrationen feststellen. Gleich zweimal mussten die Feuerwehren Grafenberg und Metzingen eingreifen, als in einem Grafenberger Gewerbebetrieb die Kohlenstoffdioxid–Löschanlage ausgelöst hatte. Die Feuerwehrleute sorgten mit ihrem Überdrucklüfter für Sicherheit. Im Oktober musste das Pfullinger Rathaus durch die Freiwillige Feuerwehr geräumt werden, nachdem es dort zu einem gefährlichen Gasaustritt am Hausanschluss gekommen war.

Werkfeuerwehren Im Landkreis Reutlingen gibt es auch drei Werkfeuerwehren: Bei der Firma Bosch in Reutlingen, bei Sika in Bad Urach und am Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten. Die Werkfeuerwehren zählten im vergangenen Jahr 996 Einsätze. Die Bosch–Werkfeuerwehr zählt 118 Einsatzkräfte, am ZfP gibt es 20 und bei Sika 16 Werkfeuerwehrangehörige.

Medieninteresse Überregionale Schlagzeilen machte ein Einsatz zu Beginn des Jahres, als die Freiwilligen Feuerwehren Römerstein, Grabenstetten und Münsingen eine Notwasserversorgung nach Strohweiler legten. Bei starken Minusgraden drohte das Wasser in den Schläuchen einzufrieren, die Wehren waren tagelang im Dauereinsatz und halfen damit den Landwirten, mehrere hundert Tiere vor dem Verdursten zu retten. Im Juli war die Grabenstetter Wehr erneut im Fokus, als zwei Personen in der Falkensteiner Höhle von Starkregen überrascht und eingeschlossen wurden.

Spinne In die Kategorie „Kurioses“ zählt ein Einsatz der Feuerwehren aus Riederich und Metzingen. In einem Riedericher Lebensmittelmarkt entdeckte ein Mitarbeiter beim Auspacken von Bananen eine möglicherweise gefährliche Spinne — in Schutzanzügen und unterstützt von der Tierrettung Unterland fahndeten die Feuerwehrleute nach dem Tierchen, das anschließend zur Bestimmung an ein Institut geschickt wurde. Kurios auch ein Einsatz in Walddorfhäslach: Die dortige Freiwillige Feuerwehr wurde zu einem Fahrzeugbrand alarmiert — der über 100 Jahre alte Oldtimer war aber nicht mehr zu retten.

Eigenunfall Im November verunglückte der Feuerwehrkran der Feuerwehr Reutlingen auf der Rückfahrt von einem Einsatz. Die eigenen Kameraden sowie die Freiwilligen Feuerwehren aus Hohenstein und Engstingen halfen den beiden Verunglückten, die wie durch ein Wunder nur leicht verletzt wurden. Die Bergung des umgestürzten 48–Tonnen–Krans dauerte einen ganzen Tag — inzwischen ist das reparierte Fahrzeug wieder einsatzbereit.

Technik Insgesamt 294 Einsatzfahrzeuge zählt der Kreisfeuerwehrverband bei den Wehren im Landkreis. Neu in Dienst gestellt wurden unter anderem zwei Drehleitern in Reutlingen und Metzingen, in der Kreisstadt zudem ein Rüstwagen. Neue Löschfahrzeuge wurden in Seeburg, Wilsingen, Ohnastetten, Metzingen, Ödenwaldstetten, Degerschlacht und Ohmenhausen in Dienst gestellt. Die Abteilung Unterhausen der Freiwilligen Feuerwehr Lichtenstein erhielt einen Schlauchwagen 2000, die Freiwillige Feuerwehr Pliezhausen einen Gerätewagen–Logistik. Die Werkfeuerwehr Bosch stellte ein Wechselladerfahrzeug, einen Kommandowagen und ein Kleineinsatzfahrzeug in Dienst. Die Feuerwehr Reutlingen zudem einen Kommandowagen und vier Mannschaftstransportwagen für die Abteilungen Stadtmitte, Betzingen, Bronnweiler und die Gefahrstoffeinheit. Die Abteilung Stadtmitte in Metzingen erhielt ein Löschunterstützungsfahrzeug und einen Abrollbehälter Hochvolt für Brände an Elektrofahrzeugen.

Gerätehäuser Auch die Sanierungen und Erweiterungen an einigen Feuerwehrhäusern wurden 2019 fertiggestellt: Freuen können sich darüber die Wehrleute in Upflamör, Oferdingen und Ohmenhausen.

Nachwuchs In den Kinder– und Jugendfeuerwehrgruppen sind derzeit 831 Nachwuchsretter organisiert, drei Prozent mehr als im Vorjahr. In Münsingen wurde 2019 eine Kinderfeuerwehr gegründet. Die meisten der heute Aktiven kommen aus den Jugendfeuerwehren, aber auch Quereinsteiger im Erwachsenenalter können sich jederzeit engagieren.

Lob Landrat Thomas Reumann ist mit seinen Feuerwehren zufrieden: „In seiner Struktur und Leistungsfähigkeit ist das Feuerwehrwesen stabil und intakt. Die Menschen im Landkreis können sich zu jeder Zeit darauf verlassen, dass sie — in jeder Notlage — qualifizierte Hilfe erwarten können.“ Den zumeist ehrenamtlichen Feuerwehrleuten dankte Reumann für deren „selbstlosen Einsatz“.