Willkommen in „Dreifürstingen“
: Mössinger Grundschule wird zum inklusiven Shopping-Paradies

Beim Projekt „Schule als Stadt“ lernten Schülerinnen und Schüler der Dreifürstensteinschule, wie Wirtschaft funktioniert – und wurden dabei überraschend geschäftstüchtig.
Von
Nico Nissen
Mössingen
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Der neunjährige Youssef wartet am Bankautomaten darauf, wie sein Arbeitsnachweis in Gutscheine umgetauscht wird. Im Automaten ist ein Kind mit Autismus, das mit der Reizüberflutung an einem Verkaufsstand nicht zurechtkommen würde, aber hier, abgeschirmt in einem Karton, Tätigkeiten mit klarer Reihenfolge ausführen kann.

Der achtjährige Youssef wartet am Bankautomaten darauf, wie sein Arbeitsnachweis in „Dreifürstinger“ umgetauscht wird, die Währung von „Dreifürstingen“ (nachgestellt). Im Automaten ist ein Kind mit Autismus, das mit der Reizüberflutung an einem Verkaufsstand nicht zurechtkommen würde, aber hier, abgeschirmt in einem Karton, Aufgaben mit klarer Reihenfolge ausführen kann.

Nico Nissen

„Wollen Sie kegeln?“ Während sich der Reporter noch orientierungslos umschaut und eigentlich nach seinem Ansprechpartner Michel Schneider fragen möchte, zeigt der Erstklässler Nestor bereits, dass das Konzept von „Schule als Stadt“ bei ihm schon in Teilen aufgeht. In dem Projekt der Dreifürstensteinschule lernten Kinder mit und ohne Einschränkungen, wie Wirtschaft in Grundzügen funktioniert – und die Kundenansprache hat Kegelbahn-Anbieter Nestor offenbar schon drauf.

Auch im übrigen Haus C, dem Grundschulgebäude, herrscht buntes Markttreiben: Kinder mit und ohne Behinderung arbeiten oder dienen als Konsumenten, jeweils in zwei Schichten im Wechsel. So halten sie die Wirtschaft im imaginären Ort „Dreifürstingen“ am Laufen. Als Zahlungsmittel dient ihnen eine eigene Währung, der „Dreifürstinger“, den sie gegen Arbeitsbescheinigungen an einem Bankautomaten aus Karton eintauschen – darin sitzt freilich ein Mitschüler, der das Geschäft händisch durchführt. Die erste Schicht Konsumenten erhielt einen Vorschuss, um auch ohne vorherige Arbeit zu funktionieren. Mitarbeiter und Besucher ohne Arbeitsnachweis bekamen statt Dreifürstingern Gutscheine oder zahlten bar.

Schaffe, shoppe, Kuchen kaue …

Die Kinder shoppen oder kassieren im Laden, sie gehen in ein Fitnessstudio oder helfen den Sportlern, sie entspannen im Café oder bedienen dort, sie verkaufen Pizza oder bestellen sich eine.  In den Gängen geht eine Gruppe mit Bauchladen umher – eine andere hat sich weniger aktiv gezeigt und beschränkt sein Angebot auf das „Ortszentrum“ von Dreifürstingen. Zur Feierabendunterhaltung können die Kinder im Club tanzen und auch nur einen Cocktail trinken, sich im Kino einen Film ansehen oder – wie der Reporter später noch beim geschäftstüchtigen Nestor – kegeln.

Dreifürstingen steht auch Gästen von außen offen. Kinder zeigen ihren Eltern und Großeltern dann, wo sie gearbeitet haben – und sind mächtig stolz: „Am Dienstag haben wir mehr echtes Geld als Spielgeld geschafft“, erzählt der neunjährige Bagelverkäufer Martin dem TAGBLATT.

Das „echte Geld“ stammt von Mitarbeitern und Besuchern: Die zahlen einige materielle Dinge, wie Essen und Getränke, in Euro. Die Einnahmen dienen dazu, die Projektkosten zu decken. „Die Veranstaltung ist für die Gäste eine Mischung aus Flohmarkt und Tag der offenen Tür“, erklärt Gernot Schinkmann, der Leiter der Grundstufe der Dreifürstensteinschule. Zudem hätten Eltern Kuchen für das Café und Bekleidung für den Laden gespendet. Der ist gerade schlecht besucht: Verkäufer Leon, zehn Jahre, meint aber, dass an den Vortagen dafür mehr los gewesen sei. Es soll aber nichts weggeworfen werden. Übrige Bekleidung gehe an die Rumänienhilfe, erzählt Schinkmann.

Konsumorientiert oder lieber sparsam?

Nach der Führung durch Schinkmann und Lehrer Michel Schneider und wird im „Weltraumcafé“ eingekehrt. Die Bestellung wird von einer Schülerin mit Behinderung aufgenommen und einem anderen Schüler mit Behinderung an den Tisch gebracht – mit etwas Unterstützung durch Mitarbeiterinnen der Schule und Schulkameradinnen ohne Einschränkung läuft das gut.

Die gegenseitige Hilfe gehört bereits zum Konzept der Schule. Das Projekt, erklärt Schinkmann, dient der Ergänzung des Unterrichts: „Es wird Alltagskompetenz erarbeitet.“ Die Schülerinnen und Schüler seien hoch motiviert, und zum Beispiel Mathe lasse sich im Kontext von Alltagshandlungen, wie Bezahlen und Kassieren, besser vermitteln.

Hinzu kommen Fertigkeiten, die gemeinhin als „Softskills“ bezeichnet werden: In Eigeninitiative Arbeiten und Tätigkeiten im Team aufteilen, mit dem Geld haushalten, auch auf die Mitschüler mit Behinderung als mögliche Kunden zugehen und so weiter. Manche Schüler hätten sich als besonders gute Konsumenten erwiesen und ihr Einkommen ganz bewusst und mit einigem Stolz für Bekleidung ausgegeben; andere hätten sich hingegen gebremst.

Geschäftstüchtige Grundschüler

Die Woche zuvor habe man mit der Vorbereitung der Projektwoche zugebracht. Bei der Zuteilung der Arbeitsplätze werde darauf geachtet, die Schülerinnen und Schüler nach ihren jeweiligen Möglichkeiten zu beschäftigen, besonders die mit Behinderung: Im „Bankautomaten“ zum Beispiel sitze ein Schüler mit Autismus. Mit der Reizüberflutung an einer Kasse würde er nicht zurechtkommen; stattdessen könne er eine Abfolge von einfachen Tätigkeiten durchführen: Ansagen per Knopfdruck auslösen, Arbeitsnachweis annehmen, „Dreifürstinger“ herausgeben, Arbeitsnachweis entwerten – für ihn perfekt.

Während des Gesprächs bieten Schüler auf einem Tablett Popcorn an. Eigentlich sollten sie das an die Besucher des Kinos verkaufen, doch da sei wohl gerade zu wenig los, vermutet Schneider. Solche Abweichungen vom Konzept überraschen, seien aber erwünscht: „Es ist toll zu sehen, wie Kinder von selbst auf Ideen kommen.“ Klar, Vermarktung und Wandel sind Teil der Wirtschaft, und nun hat Dreifürstingen einen Bauchladen mehr. Die Verkäufer im Laden für Second-Hand-Bekleidung haben sich sogar ein Rabattsystem ausgedacht.

Schüler möchten Verlängerung

Die Dreifürstensteinschule ist eine Schule für Kinder mit und ohne körperliche Beeinträchtigung. Gemeinsame Projekte gehören zu ihrem Konzept.

„Dreifürstingen“ sei bei seinen zahlreichen Besucherinnen und Besuchern sowie Schülerinnen und Schülern gut angekommen, schreibt Michel Schneider dem TAGBLATT nach Abschluss der Projektwochen. Das vielleicht größte Lob sei die Forderung einiger Schülerinnen und Schüler gewesen, sie am besten um zwei weitere Wochen zu verlängern – eigentlich sind es zwei.