Umbenennung der Mössinger Gottlieb-Rühle-Schule: Wenn Erinnerung nicht gleich Erinnerung ist

Die Alte Pausa im Jahr 1984: Der ehemalige Mössinger Bürgermeister Gottlieb Rühle war daran beteiligt, die 1919 gegründete Firma den Löwensteins zu entreißen.
Klaus Franke/Archiv- Antrag zur Umbenennung der Gottlieb-Rühle-Schule in Mössingen liegt vor.
- Debatte über Erinnerungswege von Täter- und Opfergenerationen.
- Rühle war NSDAP- und SA-Mitglied, beteiligt an der Enteignung der Löwensteins.
- Erste Umbenennungsforderung vor 20 Jahren.
- Ziel: Stärkung der Demokratie, öffentliche Diskussion fördern.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Seit mehr als einem Jahr wird öffentlich erneut die Forderung erhoben, die Gottlieb-Rühle-Schule umzubenennen. In mehreren Runden mahnten engagierte Köpfe umgehend einen Beschluss des Gemeinderates an. Doch eine lebendige Stadtgesellschaft kann einen öffentlichen Meinungsbildungsprozess nicht an ein Gremium abtreten.
Die Bürgerschaft soll ihre Meinungen äußern und Beschlussvorschläge dem Gemeinderat vorlegen. Zu den Voraussetzungen für eine offene Debatte gehören die Erkenntnisse, dass es Zukunft ohne Erinnerung nicht gibt und dass Erinnerung nicht gleich Erinnerung ist.
Aus der Gedenkarbeit des Löwenstein-Forschungsvereins leitet sich die Unterscheidung verschiedener Erinnerungswege ab. Es gibt die Erinnerungswege der Nachkommen der Tätergeneration. Die meisten unter uns sind Teil dieser Gruppe. Sie sind nicht persönlich schuldig, tragen aber Verantwortung für ein „Nie wieder“. Wir alle als Nachfolgende haben eines gemeinsam: Uns prägt kein direktes Erinnerungstrauma. Wir können unsere Bereitschaft zur Erinnerung wie mit einem Lichtschalter abschalten.
Eine Ausnahme ist jener Besucher des Löwensteinplatzes, der zuvor unvorbereitet damit konfrontiert wurde, dass sein von ihm geliebter Vater zu den größten antisemitischen Shoah-Tätern gehörte. Bestürzung mündete in psychischen Schmerz.
Erste Forderung nach neuem Namen vor 20 Jahren
Neben den Nachkommen der Tätergenerationen leben die Nachkommen der Opfergenerationen. Sie tragen in zweiter oder dritter Generation den Shoah-Schrecken in sich. Manche wachen oft schweißgebadet nachts auf in der Angst, die Deportation begänne. Diese Menschen können solches Leid nicht abschalten. Es genügt ein Wort, ein Geräusch, ein Bild, um Verdrängtes wieder akut werden zu lassen.
Das Aufeinanderzugehen von Nachkommen der Täter- und der Opfergeneration benötigt ein Fundament. Dieses fußt auf der klaren Anerkennung, dass ein Verbrechen ein Verbrechen ist. Als die Nachkommen der Familie Löwenstein sich der Bürgerschaft näherten, war Vertrauensbildung unabdingbar. Der Löwenstein-Forschungsverein, Oberbürgermeister Fifka, Oberbürgermeister Bulander und Landrat Walter nannten die erpresste Herausgabe der Pausa ein „antisemitisches Verbrechen“. Damit war der Grundstein für Vertrauen gelegt.
Die erste Aufforderung zur Umbenennung der Schule wurde vor zwanzig Jahren öffentlich geäußert. Ein Autor des Bandes „Das Bauhaus kam nach Mössingen“ erzeugte mit der Beschreibung des Täters Rühle und der Umbenennungsforderung einen Entrüstungssturm. Der Autor hatte das NS-Verbrechen an den Löwensteins aufgezeigt.
Rühle war SA Mitglied
Er offenbarte, dass Rühle Mitglied der NSDAP und der SA war. Im Jahr 2013 veröffentlichte der Löwenstein-Forschungsverein eine weitere Recherche. Claudia Nowak-Walz hob die treibende Rolle Rühles bei der Pausa-Enteignung hervor. Als Bürgermeister verkündete Rühle 1933: „Der Führergedanke ist auf der ganzen Linie zum Durchbruch gekommen.“ Rühle schuf die Sprachregelung, dass die Erpressung der Löwensteins ein bloßer „Verkauf“ war.
Im Rückerstattungsprozess der Familie gegen die NS-Täter beschied das Gericht 1950, dass Richard Burkhardt „bösgläubig“ – also vorsätzlich – handelte. Am 12. März 1957 verlieh der Gemeinderat Burkhardt das „Ehrenbürgerrecht“. Claudia Nowak-Walz fand im Stadtarchiv die Rede Rühles bei der Verleihung:
„Hochgeachtet und verehrt in Treue von den Weggefährten einer sturmbewegten Zeit, geschätzt von den Besten, die dem ehrbaren Unternehmer schöngeistiger Prägung Mitarbeiter sein durften, in den Tagen des Glücks und des Leides, geliebt von allen, denen der väterlich besorgte Berater, Helfer und Freund zugleich war in der täglichen Begegnung. Das ist Herr Richard Burkhardt, Fabrikant in Reutlingen, dem wir heute aus Anlass seines 80. Geburtstages in aufrichtiger Verehrung und Dankbarkeit die Glück- und Segenswünsche der Gemeinde Mössingen-Belsen übermitteln.“
Das Zitat ist ein Musterbeispiel. Bei den Nachkommen der Tätergeneration löst die Lektüre der Burkhardt-Beschönigung Zustimmung oder Kopfschütteln aus. Für die Nachkommen der Opfergeneration bedeuten diese Sätze die Erinnerung an Todesangst, Demütigung und Zerstörung von Lebensleistungen.
Es fehlen wichtige Stimmen in der Debatte
Befürworter und Gegner der Umbenennung stammen aus der Gruppe der Nachkommen der Tätergeneration. Stimmen der Nachkommen der Opfergeneration sind nicht erkennbar. Sie werden kaum beachtet.
Zum 80. Jahrestag des Endes des II. Weltkrieges können wir öffentliches Nachdenken über Demokratie und Nachwirkungen des Nationalsozialismus fördern. Wir können Bürgerinnen und Bürger, Gemeinderäte, Lehrende, Lernende und Eltern, Gewerbetreibende und Beschäftigte ermutigen, ihre Meinung zu sagen. Gemeinsam wäre ein Verfahren auszuhandeln, wie man mit Erinnerungen und deren Bewertungen umgeht. Noch immer ist Erinnerung nicht gleich Erinnerung im „Fall Rühle“. Es fehlen wichtige Stimmen. Erweitern wir unsere Perspektive, damit eine gute Lösung reifen kann. Das Ziel ist nicht nur die Umbenennung. Das Ziel ist die Stärkung der Demokratie in der Kommune.
Die Gastautoren und der Löwenstein-Forschungsverein
Das Verleger-Ehepaar Irene Scherer und Welf Schröter sind Mitglieder im Löwenstein-Forschungsverein. Der Verein wurde 2007 gegründet und widmet sich der Erforschung der Geschichte des Textilunternehmens Pausa in Mössingen. Die Firma wurde 1919 von den Brüdern Artur und Felix Löwenstein ins Leben gerufen. Sie wurden später durch Nationalsozialisten ihrer Firma beraubt. Zum 100-jährigen Bestehen der Pausa rief der Verein 2019 gemeinsam mit den Nachkommen sowie mit Unterstützung der Stadt Mössingen und des Landkreises Tübingen die „Forschungs- und Archivstelle Artur und Felix Löwenstein“ ins Leben.
