Trockenheit in Mössingen: Die Steinlach bleibt – ihr Leben verschwindet

Trockenheit in Mössingen: Wo früher ein Fluss war, gibt es jetzt nur noch den Tod.
Benjamin Breitmaier- Massive Trockenheit lässt die Steinlach bei Mössingen streckenweise austrocknen – Tiere sterben.
- Fische ersticken in 28 bis 30 Grad warmen Gumpen, auch Insekten und Larven verschwinden.
- Kreisfischer retten per Elektrofischen einige Tiere, doch spärlicher Regen bringt kaum Entlastung.
- Vorsitzende fordern mehr Schatten an Böschungen und sehen kalte Arten wie Forelle im Rückzug.
- Warmtolerante Arten wie Flussbarsch könnten zunehmen, die Steinlach bleibt, fällt aber öfter trocken.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die ersten Tropfen, endlich. Kleine Pfützen erheben sich über die Kiesel an der Steinlach-Mauer. Über Tage und Wochen brannte die Sonne auf das Flussbett ohne Fluss. Nach den jüngsten Regenfällen bedeckt zaghaftes Wasser Zentimeter um Zentimeter den heißen Stein neben der Falltorstraße – und die Toten.
Die Trockenheit fordert ihren Tribut in Mössingen. Daran ändert der spärliche Regen in den vergangenen Tagen wenig. „Tatsächlich sterben auch die ganzen Insekten, die Unterwasserlebewesen, Bachflohkrebse, Köcherfliegenlarven. Das ist fast noch schlimmer, das hängt alles miteinander zusammen. Leider hört der Naturschutz oft an der Wasseroberfläche auf, aber die Flora unter Wasser ist genauso wichtig“, sagt Alexander Truncali, einer der Vorsitzenden des Tübinger Fischereivereins und als Mössinger zuständig für die Steinlach.
Die Körper der Toten sind sichtbare Zeugen einer sich wandelnden Welt, auf wenigen Metern, wo einst die Steinlach sich ihren Weg bahnte. Anstelle des Flusses, der dem Tal seinen Namen gibt – nur heißer Kies.
Ganz neu ist die Situation nicht. Truncali erinnert sich daran, dass vor drei oder vier Jahren das Steinlach-Bett in Mössingen schon einmal trocken lag. Doch die Abstände werden geringer: Allein innerhalb der vergangenen sechs Jahre seien dreimal Zuflussbäche der Steinlach ausgetrocknet.
Der Teich am Mühlegärtle, wo vor nur wenigen Wochen aufwendig mit Strom gefischt wurde, um das Leben darin zu schützen, wird zur lauwarmen Falle. Die Schwanzflosse einer Forelle ragt aus dem Gewässer, mehr Tümpel denn Teich. Ab 20 Grad Wassertemperatur wird es für die Fische gefährlich. Ab 20 Grad fehlt Sauerstoff. „In den Gumpen stand 28 bis 30 Grad warmes Wasser. Da ersticken die Fische schlichtweg“, so Truncali.
Glück im Unglück. Durch die Fangaktion vor wenigen Wochen konnten die meisten Fische weiter unten im Fluss eingesetzt werden.
Eigentlich ist die Steinlach ihr Refugium. Der Fischerverein angelt hier nicht, erst ab Dußlingen/Nehren, dann stark reguliert. Die Steinlach soll als Kinderstube dienen. Totholz, Äste und natürliche Strukturen im Fluss seien dabei erwünscht: Sie bieten Jungfischen Verstecke und Schutz etwa vor Reihern und Kormoranen. Die Rampe am Steinlachstrand ermögliche den Jungspunden zudem den Aufstieg.
Den Kamberkrebs ereilt ein ähnliches Schicksal wie die Forellen. Trocken, hohl, leblos – sein Körper, wie er im wasserlosen Flussbett sitzt. Durch die Linse der Kamera mutet die Szene friedlich an, als säße das Tier in einem Aquarium. Doch statt Wasser umgibt den Krebs die Hitze des Augusts.
Über ihn wird der Fischereiverein keine Tränen vergießen. Er gehört hier nicht in die Steinlach. Der Kamberkrebs stammt ursprünglich aus Nordamerika. Der Fischzüchter Max von dem Borne setzte die Art 1890 an der unteren Oder aus, von wo sie sich in den folgenden Jahrzehnten über die europäischen Gewässersysteme ausbreitete. Die Art verdrängt heute vielerorts heimische Krebsarten – und bringt Unheil über sie, in Form einer Krankheit, die sich Krebspest nennt.
Bald gibt es keine Forellen mehr bei uns
Bei den Mitgliedern der Fischereivereine ist die Sorge groß. Sie sehen sich der eigenen Machtlosigkeit ausgesetzt, im Angesicht des übermächtig scheinenden Gegners Klimawandel.
„Die drei Tropfen haben gar nichts gebracht. Es müsste mindestens eine Woche kontinuierlich regnen“, sagt Truncalis Kollege Klaus Baumgartner, ebenfalls Vorsitzender bei den Kreisfischern. Wohin wird der Weg führen? Was wird mit der Steinlach werden?
Umsiedelung per Elektrofischen? Langfristig keine Option. Kaltwasserzonen, die an Zuläufen gestaltet werden, ebensowenig. Baumgartner hat eine klare Forderung an die Politik: Hochwasserschutz ist wichtig, aber auch dabei darf die Natur nicht ignoriert werden. „Es darf an den Böschungen nicht alles abgeholzt werden“, so Baumgartner. Mehr Schatten, weniger Temperatur – so die Rechnung.
Am Ende wird dem Fischereiverein wenig anderes bleiben als die Akzeptanz der Veränderung – zumindest vor Ort. Truncali: „Die Forelle und die Esche, die werden sich weiter zurückziehen, in höher gelegene Gebiete, in den globalen Norden, in Bergflüsse. Die Schwäbische Alb reicht da nicht.“ An ihre Stelle treten wärmeverträglichere Arten wie der Flussbarsch.
Bleibt die Frage, was diese Veränderung für die Menschen bedeutet. Am Ende findet Truncali Worte, die zu denken geben. Sind es Worte der Hoffnung? Worte der Mahnung? Eines steht für den Mössinger fest: „Die Steinlach wird nicht sterben. Die wird es weiterhin geben. Aber sie wird häufiger trockenfallen und weniger Leben beinhalten.“










