Talheimer Wanderführer über das Lawinen-Unglück am Broad Peak
: „Ein Grollen, als ob ein Güterzug heranrollt“

Bei einem Lawinenabgang Ende Juli sterben am Broad Peak in Nepal der berühmte Bergsteiger Nirmal Purja und 9 andere Personen. Der Talheimer Wanderführer Moritz Steinhilber kennt das Gebiet so gut wie wenige andere Europäer. Ein Gastbeitrag.
Von
Moritz Steinhilber
Mössingen
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Träger vor Broad Peak Anmarsch von Askole

Ein Träger vor dem Broad Peak beim Anmarsch aus Richtung Askole

Moritz Steinhilber
  • Lawinenabgang am Broad Peak Ende Juli: Zehn Menschen starben, darunter Nirmal Purja.
  • Ein Wanderführer schildert das Gebiet und die Lawinenwirkung – Schockwelle und Dunkelheit.
  • Broad Peak liegt nahe dem K2; Normalroute gilt als technisch weniger schwierig.
  • 1957 gelang die Erstbesteigung „by fair means“ durch Schmuck, Diemberger, Wintersteller und Buhl.
  • Purja wurde durch „14 Peaks“ bekannt und bestieg 2021 den K2 im Winter ohne Sauerstoff.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Als sich die Nachricht von der Lawine am Broad Peak am 30. Juli verbreitete, hatte ich sofort die Bilder im Kopf – und vor allem den Lärm im Ohr: Dreizehnmal war ich im Herzen des Karakorums, wo sich neben dem Broad Peak drei weitere 8000er in den Himmel recken. Geht hier eine Lawine ab, ist das ein Naturspektakel Furcht einflößender Urgewalt, das alles in seinem Weg begräbt.

Zuerst hört man ein Grollen, als ob ein Güterzug heranrollt. Der Puls erhöht sich blitzartig, man schaut auf und sieht den aufwirbelnden Schnee, hervorquellend wie Dampf aus dem Kamin eines Heizwerks. Es wird dunkel, als ob sich eine Wolke plötzlich vor die Sonne schiebt. Zuletzt spürt man die Druckwelle, selbst Kilometer entfernt. Dann setzt sich der Schneestaub und alles ist wie vorher – wenn man weit genug weg war.

Erstbesteigung mit Bezug nach Mössingen

Nach dem Unglück postete ich einen Artikel dazu im Whatsapp-Status meines Bruders. Der meinte dann, einer seiner Lastwagenfahrer sei der Großneffe eines der Erstbesteiger des Broad Peak. Der stellte sich als einer meiner Weggefährten heraus, aus heimischen „Jugendbaracke“ und „Untere Halde“-Zeiten in den 80ern: Johnny (Johann) Schmuck aus Nehren, lokale Drummer- und Gitarrengröße, von Beruf Intensivpfleger und im Nebenjob Fahrer der Firma FS Bau.

Der Bruder seines Großvaters väterlicherseits war Marcus Schmuck (1925 bis 2005), Mitglied der österreichischen Karakorum-Expedition 1957, neben Kurt Diemberger, Fritz Wintersteller und der Ikone Hermann Buhl. Marcus Schmuck ist einer der Erstbesteiger des Broad Peak. Außer der Erstbesteigung des Broad Peak gelang Wintersteller und Schmuck die Erstbesteigung des Skilbrum (7410 Meter).

Der Broad Peak

Der zwölfthöchste Berg der Welt (8051 Meter) steht im Schatten seines mächtigen Nachbarn, dem nur acht Kilometer entfernten K2 (8611 Meter), dem zweithöchsten, unbestritten schwersten und für viele formschönsten Achttausender. Wer sich von Concordia, der gewaltigen Kreuzung des Baltoro-Gletschers mit anderen Eisströmen, auf den Weg ins K2-Basislager macht, kommt nach einigen Stunden zuerst zu den Zelten derjenigen, die versuchen, den Broad Peak zu besteigen.

Ehrfürchtig gehen die Blicke immer weiter nach oben, bei gutem Wetter sind die bunten Punkte der Hochlager im Schnee mit bloßem Auge zu sehen. Technisch schwierig ist die Normalroute nicht. Doch fast jedes Mal hörte ich im Vorbeigehen den nahenden Güterzug und war froh, später von keinem Unglück zu hören. Es ist geradezu seltsam, dass erst jetzt eine Expedition durch eine Monsterlawine ausgelöscht wurde.

Nirmal Purja

Auf meiner ersten Nepaltour 1993 kam ich durch den Geburtsort Nirmal Purjas, des weltberühmten Bergsteigers, der mit neun anderen Bergsteigern Ende Juli dieses Jahres am Broad Peak ums Leben kam. Mancher Nepaltourist kennt das kleine Dorf Dana auf der beliebtesten Wanderung des Landes, den „Annapurna Circuit“.

Das ist weit ab vom Mount Everest, der Heimat der Sherpas – und Purja war auch keiner, sondern ein Magar, eine tibetobirmanische Volksgruppe im Westen. Die leben zwar im Schatten von Dhaulagiri (8167 Meter) und Annapurna (8091), sind aber vor allem dafür bekannt, eine von nur vier Volksgruppen (nicht die Sherpa) zu sein, unter denen die Briten bis heute ihre Gurkha-Soldaten auswählen.

Moritz Steinhilber

Moritz Steinhilber

Privatfoto

Das war auch zunächst die Berufswahl Purjas. Erst mit 29 Jahren entschied er sich für die Berge. Als er 2019 verkündete, alle 14 Achttausender in sieben Monaten zu besteigen, glaubte selbst die alpine Elite, sich verhört zu haben, denn Rekord waren acht Jahre.

Jedoch gelten Achttausender schon länger als Medienzirkus und nicht mehr als Fortschritt im Alpinismus. Doch auch das gelang Purja im Januar 2021 mit der ersten Winterbesteigung des K2, und das ohne Sauerstoff. Es war das würdige Ende der Saga, die mit den Franzosen 1950 an der Annapurna begann: Neun Sherpas und ein Magar standen auf dem K2 – zehn Nepali und sonst niemand.

Leistungen der Expedition 1957

Berühmt wurde Purja durch die Netflix-Serie „14 Peaks: Nothing Is Impossible“. Dass lange davor schon alpine Höchstleistungen gelangen, die nur fast vergessen sind, beweist auch die Broad-Peak-Expedition 1957. Sie war eine der ersten „by fair means“, dem Stil, der als eigentlich erstrebenswert gilt: keine Karawane, keine Sherpas, keine Fixseile und kein künstlicher Sauerstoff – bis heute eher die Ausnahme, auch Purja war so nicht unterwegs.

Zusätzlich bestieg das Quartett den Berg im Prinzip sogar zweimal: Er ist berüchtigt für sein weites Gipfelplateau (auch deshalb wurde er, der Berg ohne lokalen Namen, in Anlehnung an das abgeflachte Zermatter Breithorn „Broad Peak“ getauft), auf dem bei schlechter Sicht der höchste Punkt nicht zu finden ist.

Markus Schmuck war einer der Erstbesteiger des Broad Peak. Sein Großneffe wohnt heute in Nehren.

Markus Schmuck war einer der Erstbesteiger des Broad Peak. Sein Großneffe wohnt heute in Nehren.

Privat

Genau das trat ein: Auf dem Plateau, über 8000 Metern, zog der Nebel zu. Anstatt herumzuirren, gab man sich die Hand und begann den Abstieg. Plötzlich hoben sich Wolken und es wurde offenkundig, dass man den Gipfel doch verfehlt hatte. Da vor allem Buhl geschwächt war (wohl noch immer vom Nanga Parbat 1953), blieb man beim Abstieg – und kehrte ein paar Tage, bei besserer Sicht, bis ganz oben zurück! Ein Vorbild an Integrität, die damals schon nicht die Regel war und umso weniger heute. Nur zu typisch war dann der Lagerkoller, den die Gruppe zurück im Basislager ergriff. Man konnte sich nicht einigen, was bis zur Ankunft der Träger zu tun sei. Schmuck und Wintersteller zogen zum Skilbrum, Buhl und Diemberger zur Chogolisa, mit dem bekannten Resultat.

Der Nehrener Johnny Schmuck kannte seinen berühmten Großonkel nur flüchtig. Das letzte Mal sah er ihn 1992 bei der Beerdigung seiner Großmutter. Erzählt wurde ihm, dass die drei Brüder, Großvater und die beiden Großonkel in ganz bescheidenen Verhältnissen zur Welt kamen und außer Haus aufwuchsen – „Verding- oder Kostkinder“ nannte sich das. Dass sich die drei trotz der harten Kindheit gut entwickelten, erfüllt ihn mit einiger Genugtuung und Stolz, wie er mir kürzlich berichtete.

Der Gastautor

Moritz Steinhilber stammt aus dem Mössinger Stadtteil Talheim und ist gelernter Zimmermann. Seit seiner ersten Asienreise 1989 zieht es ihn immer wieder in den Himalaja und den Karakorum. Seit 2005 arbeitet er dort als Reise- und Wanderführer und hat sich auf abgelegene Trekkingrouten spezialisiert. Steinhilber spricht unter anderem Nepali, Farsi und Urdu und veröffentlichte einen Reiseführer über Pakistan sowie eine Landeskunde über Nepal. Trotz vieler Monate in Zentral- und Südasien ist Talheim für ihn Heimat geblieben.