Pinselohr am Albtrauf reißt Reh: Luchs „Tello“ geht derzeit in den Wäldern über Mössingen auf Pirsch

Fachleute rüsteten den betäubten Luchs Tello im Frühjahr mit einem Sender aus.
FVAGestern riss Tello eine Rehgeiß, auf einer abgelegenen Wiese in der Umgebung von Mössingen. Jäger hatten das vierjährige Wildtier gefunden und wurden misstrauisch: Diese präzisen Bissspuren am Hals – die deuteten nicht auf einen Hund als Täter hin. Nach ihrem morgendlichen Anruf in Freiburg stieg Fachmann Herdtfelder mit Assistentin Linda Kopaniak flugs in den Luchs-Bus – und war am Mittag am Albtrauf, Spuren sichern.
Für die Fachleute war ziemlich schnell klar, dass ein Luchs das Reh gerissen haben muss: Das zierliche Wildtier wurde offensichtlich beim gemütlichen Äsen überrascht, das zeigte ein kurzer Blick in den Rachen. Luchs-typisch ist das – denn Katzen wie Tello bürden sich nicht gerne die anstrengende Hatz nach aufgescheuchtem Wild auf. Ebenfalls typisch ökonomisch ging Tello beim Töten vor: Ein unangeleinter Hund im Jagdfieber stürze sich meist weitaus wahlloser und brutaler auf das Wild, so Herdtfelder – und das komme gar nicht so selten vor, wie er ergänzt.
Letztes Indiz: Die FVA-Wissenschaftler hatten Tello sowieso in der Gegend vermutet. Die Positions-Daten für den Luchs kommen seit Wochen aus einem gerademal 40 Quadratkilometer messenden Areal zwischen Mössingen, Hechingen und Burladingen. „Hier wird der Luchs auf Nahrungssuche derzeit offenbar gut fündig“, sagt Herdtfelder. Das muss allerdings nicht so bleiben: Übers Jahr gerechnet durchstreift ein Luchs gut und gerne 150 bis 300 Quadratkilometer Natur.
Luchse wie Tello sind in Baden-Württemberg noch immer eine Seltenheit. Das macht sie wertvoll für die Wissenschaft, aber auch zum Thema für Naturschutz, Umweltpolitik – und Hobby-Luchsologen. Deshalb nennt das TAGBLATT nicht den genauen Punkt, an dem sich Tello aufhält. „Wir haben schlechte Erfahrungen mit Luchs-Tourismus gemacht“, sagt Herdtfelder.
Stattdessen knoteten die FVA-Fachleute gestern eine automatische Wildtier-Kamera an einen Stamm im Dickicht am Albtrauf und legten das zuvor gerissene Reh direkt darunter. Sie gehen davon aus, dass Tello nicht auf seine frische Beute verzichten will – und sich noch einmal blicken lässt. Örtliche Jäger prüfen die Kamera künftig und melden geglückte Schnappschüsse nach Freiburg. „Die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering“, sagt Micha Herdtfelder: „Wir gehen davon aus, dass sich Tello nur kurz in die Umgebung in ein Tageslager zurückgezogen hat.“