Musik
: „Immer Ärger mit Luther“

Lebendige Geschichte: Am Sonntag gibt es zwei Orgelkonzerte für Kinder in der Mössinger Peter- und Pauls-Kirche.
Von
Claudia Jochen
Mössingen

.

Nicht gesetzt

„Gott hat uns die Seuche als Strafe für unsere Sünden geschickt! Zahlt der Kirche Ablass, so werden eure Sünden vergeben und eure Seele wird gen Himmel steigen!“ – so lautete die Devise vor 500 Jahren. Zu dieser Zeit lebte auch Martin Luther, der sich mit diesen und weiteren Vorgaben der Kirche nicht abfinden wollte.

Ein ganz besonderes Schmankerl erwartet die daheimgebliebenen Kinder am jetzigen Sonntag: Bereits im Frühjahr fand ein pfiffiges Orgelkonzert für Kinder ab fünf Jahren in der Nehrener Veitskirche großen Anklang, und so entschieden sich die Ausführenden Anja Schmid (Orgel) und Jörg Conrad (Sprecher) für eine Neuauflage des Stücks „Maaartin!“. Diesen Sonntag jedoch gemeinsam mit dem Mössinger Organisten Günther Löw und den Sprecher(inne)n Urte Rathfelder, Sandra Ruoff, Dieter und Gabriele Stoll: In der zweiten Konzerthälfte zeigen sie den Weg vom kleinen Martin hin zum großen Luther. Da dies mitunter zu spannend für die Kleineren werden könnte, ist das zweite Stück „Immer Ärger mit Luther“ für Kinder ab acht Jahren geeignet.

Rund 40 Minuten dauert ein Stück, je nach Mitmach-Intensität des Publikums, denn dieses ist auch gefragt: Hier herrscht keine Unterhaltung durch Berieselung, die Akteure lassen das Publikum mitmachen und tief in die Welt des Mittelalter blicken. Über die Musik an der Orgel und die eindrücklichen Erzählungen erfahren die jungen Zuhörer etwas über eine Kindheit vor 500 Jahren, als der Buchdruck eine moderne Erfindung war und es noch keine Schulpflicht für alle gab.

Inhalt des ersten Konzerts „Maaartin!“ ist also das Leben des kleinen Martin Luther: Wie Kinder zu dieser Zeit groß wurden und vor allem - das ist die Schlüsselszene - wie Martin Luther während eines Gewitters gelobte, Mönch zu werden. „Auf der Orgel spiele ich da ein Gewitter mit allen Registern“, erzählt die Nehrener Kantorin Anja Schmid. „Es donnert und blitzt und tobt, die Kinder dürfen noch den Wind dazu machen.“ Nach dem Konzert in Nehren bestätigten die Zuschauer Schmid die Eindrücklichkeit des Geschehens. „Auf der deutlich klangvolleren Orgel in der Peter-und-Pauls-Kirche in Mössingen macht das bestimmt noch viel mehr Spaß und Eindruck“, freut sich Schmid. Die Erzählungen von Pfarrer Conrad werden immer wieder durch die Musik unterbrochen oder untermalt. Mit kräftigen „Nein“-Rufen im Rhythmus zur Musik, wenn es um den Ablasshandel geht, dürfen die Kinder ebenfalls mitwirken. Auch ein Mönchsgesang wird eingeübt. Am Schluss des ersten Konzerts dürfen alle bei einem der bekanntesten Lutherlieder „Vom Himmel hoch“ mitsingen.

Auch im Anschluss-Konzert „Immer Ärger mit Luther“ zeigt manche Begebenheit nicht nur die damals herrschenden Umstände auf, sie erinnern mitunter an heutige Verhältnisse: Wenn der Ablasshändler im Stück den Kindern entgegenposaunt: „Drei Sünden zum Preis von nur sechs Talern!“ – dann kommen einem moderne Methoden des Handels mit der Angst in den Sinn. Dazu ertönen düstere Orgelklänge, die durch Mark und Bein gehen. Wir befinden uns im dunklen Mittelalter, wo es nach verbranntem Fleisch stinkt und die Menschen aus Angst vor der Pest zu allem bereit sind.

Martin Luthers Leben, spannend wie ein Krimi: Vom vorbildlichen Mönch zum theologischen Urheber der Reformation bis hin zum Vogelfreien, vom Junker Jörg zum Familienvater – Luthers Vita ist höchst abenteuerlich und lehrreich, auch für Kinder von heute. Weil er mutig das aussprach, was er und viele andere an den damaligen kirchlichen Gebräuchen kritisierten, wurde er verfolgt und geächtet.

Die jungen Zuhörer erfahren nebenbei etwas über die Erfindung des Buchdrucks und Einführung der Schulpflicht. Sie lernen Begriffe wie Reliquie, Ablass und Bulle kennen und dürfen sich durch Vorlesen, Mitzählen oder Zwischengespräche an der Geschichte beteiligen, mitunter auch erschaudern bei der Vorstellung der Lebensumstände vor 500 Jahren. In einer musikalisch klangvollen Kombination aus spätmittelalterlichen und frühbarocken Abschnitten nebst dem Luther-Choral „Ein feste Burg“ ist das Konzert mit modernen Klängen nach einer Vorlage von Christiane Michel-Ostertun aufbereitet worden.