Mössingen: Andreas Wahl und seine Familie sind dankbar für die Unterstützung, die sie nach dem Brand bekommen

Das Haus ist bis auf die Grundmauern abgebrannt. Andreas Wahl möchte es wieder aufbauen.
KappellerDas alles hätte auch noch viel schlimmer ausgehen können, weiß Wahl. Immer wieder kommt er in den Tagen nach dem Brand zurück zu seinem Anwesen, um zu schauen, was noch zu retten ist. Aber das ist nicht viel. Gutachter der Versicherung nehmen den Schaden ganz genau in Augenschein.
Als das Feuer ausbrach, sei er zufällig noch wach gewesen berichtet der 59-Jährige. Er machte die Fenster im Gewächshaus zu, weil es anfing zu regnen. Anschließend habe er im Internet Öl bei Ebay für die Harley und Zündkerzen bestellt. Irgendwann fing einer der beiden Hunde an zu bellen. Er habe gewartet, bis der Laptop herunter gefahren war, erzählt Wahl. Dann schaute er nach. Es war kurz vor Mitternacht. An der Katzenklappe in der Scheunentür bemerkte Wahl dann „einen feuerroten Ball“. Er öffnete die Tür und erblickte das Inferno. „Da hab ich die Tür schnell wieder zugeschlagen.“
Wahl schrie nach Lebensgefährtin und Tochter, die im Obergeschoss waren, rief die Feuerwehr an, schnappte sich Autoschlüssel, Geldbeutel sowie Laptop und brachte die Hunde in Sicherheit. Retten konnte er auch die beiden Autos. So schnell es ging, waren die Feuerwehrleute mit 15 Fahrzeugen und 71 Helfern vor Ort.
Nach dem verheerenden Brand startete eine Freundin der Familie via Facebook einen Spendenaufruf. „Es ist Wahnsinn, wie sich die Leute engagieren“, freut sich Andreas Wahl. „Das hilft uns über das Unglück hinweg.“ Anfangs meldete er sich noch bei jedem persönlich, der Hilfe leistete oder anbot. Mittlerweile schaffe er das aber leider nicht mehr, weil er sonst zu nichts anderem mehr komme. Kleidung, Möbel, Haushaltsgegenstände: Die Familie wurde mit Spenden überhäuft. Eine Frau wollte Wahl, passionierter Motorradfahrer, gar eine Rennmaschine überlassen.
Wahl und seine Familie sind nach dem Brand in Mössingen untergekommen, im Haus des verstorbenen Schwiegervaters, das mittlerweile der Stadt gehört. Mehr als ein Jahr, schätzt Andreas Wahl, wird es wohl dauern, bis die Familie in ihr Zuhause an der B27 zurückkehren kann. Das Haus soll auf jeden Fall wieder aufgebaut werden. Sachverständige besichtigten in den letzten Tagen den Brandort, auch die Kripo. Laut Andreas Wahl hat die Versicherung bereits Grünes Licht gegeben, dass der Schaden ersetzt wird.
Wohnhaus und Scheune müssen komplett abgerissen werden. Eine Scheuer wird am neuen Einfamilienhaus – das alte war mit 120 Quadratmetern versichert – wohl nicht mehr entstehen. Bis Ende des Monats muss Wahl eine komplette Inventarliste erstellen. Teilweise bekommt die Familie auch schon Vorschuss von der Versicherung, sodass sie sich mit neuer Kleidung und Haushaltsgegenständen eindecken kann. „Wir bleiben realistisch“, sagt Wahl: „Keine Marmorfußböden oder goldenen Wasserhähne.“ Innerhalb von etwa drei Stunden, so lange wüteten die Flammen, ist alles niedergebrannt, was sich Wahl über Jahrzehnte erschaffen hat. „Jetzt müssen wir unser Leben neu aufbauen.“ Verloren sind auch Erinnerungsstücke: „Zwei oder drei Bilder konnten wir noch retten“, erzählt Wahl. „Aber die stinken nach Feuer.“ Jetzt, zwei Wochen nach dem Unglück, bei dem Sachverständige und Polizei laut Wahl „zu 99 Prozent“ von einem Blitzschlag als Ursache ausgehen, kommen die Alpträume.
Beißender Brandgeruch hängt rund um die Überreste des Hauses in der Luft. Die Scheune ist nur noch ein Trümmerfeld aus Verkohltem, Versengtem und Angeschmortem mit einem Gerippe aus angekokelten schwarzen Dachbalken darüber. Motorräder samt einer Menge Ersatzteile sind hier unter anderem verbrannt, Werkzeug und Gerätschaften aus der Töpfer- und Goldschmiedewerkstatt von Wahls Lebensgefährtin. „Da hat das Feuer gewütet ohne Ende“, sagt er. Unter einem Haufen nicht mehr zu gebrauchender Metallteile erspäht Wahl den Goldschmiedetisch seiner Lebensgefährtin, außerdem sein altes Bonanza-Fahrrad.
Komplett zerstört ist auch das Wohnzimmer: Sofa, Schränke, Tisch, Fernseher. Der Hase, der hier im Käfig zu Hause war, konnte nicht mehr gerettet werden. Die beiden Aquarien sind geborsten. Die zwei Katzen der Familie, die anfangs verschwunden waren, sind wieder aufgetaucht. An der Wand hängt noch das letzte Foto vom verstorbenen Schwiegervater, kaum mehr zu erkennen unter einer dicken Rußschicht. Auf dem Tisch stehen „lauter kleine Fläschle“, die Wahls Lebensgefährtin für den Mittelaltermarkt in Hemmendorf herrichten wollte. In der Küche liegen auf dem Boden verstreut Packungen mit Meersalz, „ein Mitbringsel aus Kroatien“.
„Das ist ganz schön traurig das alles“, sagt Andreas Wahl. Aus dem Konzept bringen lässt er sich allerdings nicht durch Gerüchte, die besagen, er wolle nur Geld machen. Solche Behauptungen müsse man ignorieren, erklärt Wahl. So ganz auf sich sitzen lassen konnte er die Vorwürfe dann aber doch nicht: Bei Facebook stellt Wahl klar, was er davon hält. „Ich bin ein kleiner Rebell und lasse mir nichts gefallen.“
Von der Ruine zum Wohnhaus
Vor zwölf Jahren kaufte Andreas Wahl mit seiner Familie den Hof an der B27 samt dem 46 Ar großen Grundstück. „Das war früher die Junkie-Burg von Mössingen“, sagt er. Über dem Eingang hing ein Schild mit der Aufschrift „Villa Sorgenfrei“, sagt Wahl. Das Schild lagerte auf dem Dachboden und wurde beim Brand auch zerstört. „An den Wänden waren überall Blutspritzer, auf dem Boden lagen Nadeln herum“, erinnert sich Wahl: „Das war eine richtige Ruine.“ In Eigenarbeit hat er das 1907 erbaute Haus renoviert.