Gastbeitrag
: Die Pausa war ein Mikrokosmos der demokratischen Moderne

Fachleute des Löwenstein-Forschungsverein und des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb untersuchen seit mehr als einem Jahr die Bedeutung jüdischen Unternehmertums. Dabei nahmen sie auch die Fabrik der Löwensteins in den Fokus.
Von
Welf Schröter und Martin Ulmer
Mössingen
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(ohne Überschrift): Vorsicht: Dieses Foto ist möglicherweise nur für den einstigen Verlag Schwäbisches Tagblatt verwendbar. Licht und Schatten am Pausa-Verwaltungsgebäude
Bild ULi Rippmann

Das Pausa-Verwaltungsgebäude. In der Fabrik ging es laut Forschern des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb stets auch um kulturelle, soziale und politische Visionen in ihrem Profil, das sich heute als „Kreativwirtschaft“ bezeichnen lässt.

Uli Rippmann (Archiv)
  • Experten erforschen seit über einem Jahr jüdisches Unternehmertum und seine Bedeutung für die Region.
  • Pausa-Fabrik der Löwensteins symbolisierte kulturelle, soziale und politische Visionen, ähnlich der heutigen Kreativwirtschaft.
  • Nach 1933 wandelte sich die Pausa-Fabrik unter NS-Herrschaft; jüdische Unternehmer wurden verfolgt.
  • Weitere untersuchte Fabriken: Haarfabrik Bergmann in Laupheim und Mechanische Buntweberei Bronnweiler.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Welche Leistungen haben jüdische Unternehmerinnen und Unternehmer in den 20er-Jahren vor 1933 erbracht? Wie sind sie mit Modernität und Innovation umgegangen? Welche Bedeutung hatten sie für die Region? Diesen und weiteren Fragestellungen sind Fachleute des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb in Kooperation mit dem Löwenstein-Forschungsverein seit mehr als einem Jahr anhand von vier Beispielfirmen nachgegangen.

Im Hinblick auf die nähere Umgebung gilt der Geschichte der Buntweberei Bronnweiler bei Reutlingen und der Entwicklung der Löwenstein’schen Pausa nun besondere Aufmerksamkeit. Die Expertise beschäftigte sich mit der Herkunft, der Entwicklung der Fabriken, den unternehmerischen Modernisierungsstrategien, dem Verhältnis der jüdischen Leitungen zur Belegschaft und zu den Gemeinden sowie mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen jüdischen und nichtjüdischen Unternehmern.

Flora und Artur Löwenstein

Flora und Artur Löwenstein

Löwenstein Forschungsverein

Der Löwenstein’schen Pausa ging es unter der Führung von Flora und Artur sowie Helene und Felix Löwenstein stets auch – so Welf Schröter – um kulturelle, soziale und politische Visionen in ihrem Profil, das sich heute als „Kreativwirtschaft“ bezeichnen lässt. Die Löwensteins hatten die Fabrikinfrastruktur zur Gründung der Pausa von der Familie Bernheim erworben. Die vom Ersten Weltkrieg traumatisierten Löwensteins sahen in der Pausa einen Weg zu einer besseren Gesellschaft.

Neue Technologien, neue Farben, neues Design, neue Materialien sollten neue Lebenschancen bringen. Die Verbindung zum Bauhaus ließ mit der Pausa ein Mikrokosmos der demokratischen Moderne wachsen. Diese „Mössinger Moderne“ kombinierte Kunst, Emanzipation und neues Denken mit technischen Innovationen. Sie wurde künstlerisch geprägt von den Bauhaus-Frauen Friedl Dicker, Ljuba Monastirskaja und Lisbeth Oestreicher. Die starke Rolle kompetenter Frauen zeigte sich als Kultur des Erneuerns. Ihr Ziel war, „alle feststehenden Anschauungen über Leben und Dinge einzureißen.“ Dadurch sehe „sich jeder vor die Aufgabe gestellt, eine neue Welt in sich aufzubauen.“

Mit der Machtübertragung an Hitler wurde die „Mössinger Moderne“ vollständig zerstört. 1937 wandelte sich die Pausa in eine NS-Pausa. Deren Führungspersonal Burkhardt, Greiner, Häussler ließ die Bauhaus-Kunst ab- und das Hakenkreuz aufhängen. Die Löwensteins, die Generalstreikenden, die Bauhaus-Frauen, das selbstständige Denken wurden verfolgt, inhaftiert oder ins Exil getrieben. Manche von NS-Tätern ermordet.

Weitere Fabriken in Laupheim und Bronnweiler

Doris Muth erforschte die Haarfabrik Bergmann in Laupheim. Der Fabrikant Max Bergmann spezialisierte seine Firma auf das Bleichen von menschlichem Haar. Die Firma war international bekannt durch ihre Vielfalt von Produkten wie Perücken, Haarnetzen etc. und setzte wichtige Modetrends. Heinz Högerle recherchierte den Aufstieg und die Enteignung der Kleiderfabrik Stern in Horb und die Verfolgung der Familie Stern. Die auf Alltagskleidung spezialisierte Nähfabrik war in der Kleinstadt im Schwarzwald gut verankert.

Felix und Helene Löwenstein

Felix und Helene Löwenstein

Löwenstein Forschungsverein

Der Entwicklung der Mechanischen Buntweberei Bronnweiler der Familie Bernheim mit mehr als 100 Beschäftigten wandte sich Martin Ulmer zu. Sie wurde Teil der Textilindustrie in der Region Neckar-Alb. In Bronnweiler waren die drei Fabrikantenbrüder Bernheim die größten Steuerzahler. Ihre Buntweberei galt als touristisches Markenzeichen. Es gab über drei Generationen eine starke Familientradition, was zur Risikominimierung, familiärer Solidarität und Diversifizierung der Talente führte.

Der Senior und die Juniorchefs folgten in ihrem Unternehmenskonzept den Leitsätzen Professionalität, Internationalität und Bodenständigkeit, vorsichtige Innovationen, soziale Betriebsgemeinschaft. Die Basis dafür bildete eine moderne, arbeitsteilige Geschäftsführung. Die Firma befand sich mit nichtjüdischen Textilunternehmern, Zuliefern und Abnehmern in Süddeutschland, in Frankreich, Schweiz und Dänemark in enger Vernetzung.

Die Bernheims besaßen professionelle Kompetenz mit betriebswirtschaftlichen und technischen Wissen. Die Buntweberei produzierte gewebte Textilien in verschiedenen Farben, Kleidung, Bett- und Stoffüberzüge sowie Webstühle. Die Beschäftigen waren überwiegend Arbeiterbauern aus Bronnweiler und aus den Nachbarorten.

Die Autoren

Welf Schröter ist Mitglied des Vorstands des Löwenstein-Forschungsvereins in Mössingen. Dr. Martin Ulmer ist Geschäftsführer des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb und Vorstand der Geschichtswerkstatt Tübingen.