Trauer in der Metzinger Redaktion
: Peter Swoboda lebt nicht mehr

Der frühere Redakteur des Metzinger-Uracher Volksblatts/Der Ermstalbote erlag kurz vor seinem 69. Geburtstag einer schweren Krankheit. Der in Tübingen lebende Ruheständler hinterlässt menschlich eine große Lücke. Ein Nachruf.
Von
Peter Kiedaisch
Metzingen
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Peter Swoboda war 23 Jahre lang Redakteur in Metzingen.

Thomas Kiehl

Die Redaktion trauert um einen langjährigen Weggefährten und geschätzten Kollegen. Peter Swoboda ist am Montag, 2. September, gestorben. Nach einigen Monaten des Unbehagens, der Ungewissheit und der Ernüchterung darüber, dass sich Krankheiten bisweilen anschleichen und im Verborgenen ihr Werk verrichten, war es ihm dennoch vergönnt, seine letzten Tage und Nächte in der eigenen Wohnung zu verbringen. Umsorgt von seiner Frau. Friedlich, fast zufrieden, sei er eingeschlafen. Ein ungutes Gefühl hatte uns zuvor seit Wochen beschlichen. Der in Tübingen lebende Swobi, wie wir ihn nannten, kam immer seltener zu Besuch nach Metzingen. Selbst treueste Whats-App-Kontakte schienen wie verödet, die Antworten wurden spärlicher, die Euphorie seiner Nachrichten wich einer ungewohnten Sachlichkeit. Endlich hat uns diese Woche eine Whats-App von ihm erreicht. Mit Freude öffneten wir die Botschaft, versehen mit seinem Konterfei. Doch nicht er schrieb uns, sondern seine Frau Doro, um uns auf diesem Weg mitzuteilen, die Liebe ihres Lebens habe sie verlassen, „ganz friedlich, ganz glücklich“.

Ein Freund des Menschseins

Das mit der Liebe hat auf Gegenseitigkeit beruht. Manchmal hat er Kollegen gefragt, ob sie schon Weihnachtsgeschenke für Frau oder Freundin, für Mann oder Partner haben. So eine Frage ist Mitte, Ende Dezember üblich, verbunden mit hektischer Unruhe. Aber Peter Swoboda kam damit auch im Sommer um die Ecke. Geschenke für seine Doro hat er nämlich das ganze Jahr über gekauft. Kleinigkeiten, aber handverlesen und schön verpackt.

Swobi war ein Ruhepool in unserer aufgeregten Redaktionswelt. Er hat sich weder am Türenzuschlagen noch am Spott über anderer Leute schlecht geschriebene Artikel beteiligt. Da griff er lieber zur Süddeutschen Zeitung, um das Streiflicht zu lesen, eine Glosse, die an manchen Tagen, wie er es nannte, „wunderherrlich“ ist. Derlei Wortschöpfungen waren ihm ein Spaß, zumal er durchaus die geistige Lizenz besaß, mit Worten zu spielen. Belesen wie kaum ein anderer Kollege, gab er immer wieder auch Tipps für die Lektüre am Feierabend. Eckhard Henscheid: Geht in Ordnung – sowieso – genau. Dieses Buch, das viele von uns anschließend verschlungen haben, wirkt heute wie ein Vorbote auf das, was noch auf ihn, Peter Swoboda, zukommen sollte: „Alois Säger war es, der beim Abschied den Patienten behutsam darauf ansprach, was ihm denn eigentlich fehle. Leobold machte eine Handbewegung, die wohl Lächerlichkeit ausdrücken sollte. Nichts fehle ihm – es gehe alles in Ordnung; und der Kranke biss auf die Zähne.“

Unseren Lesern ist Peter Swoboda bestimmt in Erinnerung, weil er über viele Jahre der geistige Kopf der Kolumne „Spätlese“ war. So schrieb er beispielsweise: „Eines ist auch drei Tage nach der Landtagswahl klar, Immanuel Kant hat mit dem Ausgang dieser Wahl nichts zu tun. Vielleicht aber mit den Begleitumständen in der Zeit nach dem Ende aller Hochrechnungen. Da hatte doch so mancher Politiker Probleme damit, die Realität richtig einzuschätzen.“ So zeitgemäß diese Zeilen auch sind, sie bezogen sich nicht auf die jüngsten Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen, sondern auf jene im Jahr 2016 in Baden-Württemberg. Und warum die etwas mit Kant zu tun haben, wie vermutlich so viele Wahlen? „Hier kommt der große deutsche Philosoph ins Spiel. Folgt man dem berühmten Sohn der Stadt Königsberg, existiert die Realität um uns herum nämlich nicht. Der Mensch hat lediglich eine Vorstellung von der Welt und all den Gegenständen.“ Immer schwebte in den Artikeln von Peter Swoboda ein Hauch von Philosophie, von Tiefgang und Weitsicht. Weltlich wurde er, wenn es um den VfB ging, der ihn erdete, ob aus dem Tal eines Abstiegskandidaten oder von der Spitze der Tabelle. Eines Sonntags, er hatte Dienst, während sein Lieblingsclub auswärts antrat, berichtete ihm ein freier Mitarbeiter von Geschehnissen während einer Veranstaltung. Plötzlich sprang Swobi auf, reckte die Hände in die Höhe und brüllte „Toooor“. Der freie Mitarbeiter zog mit seinen investigativen Rechercheergebnissen ab. Ob er geahnt hat, dass Stuttgart einen Treffer erzielt hatte?

Geerdet hat ihn, Peter Swoboda, auch sein Leben. Hauptschule, danach eine Lehre in der metallverarbeitenden Industrie, dann hat er das Abitur nachgemacht und schließlich in Tübingen Empirische Kulturwissenschaften studiert.

Oft kam er mit Neuanschaffungen in die Redaktion. Dann hielt er ein Schreibetui in den Händen, öffnete es, zog einen Stift hervor, und es sah aus, als streichele er ihn. Kein sündhaft teurer Montblanc, die Dinge, die er wertschätzte, mussten nicht viel kosten. Mit ihnen hat er auf Papier geschrieben. Papier. Als wäre es inzwischen ein Ding aus einer anderen Welt. Auf Papier hat er seine Telefonkartei angelegt, auf Papier hat er Bilder und Karikaturen gezeichnet, auf Papier hat er seine Gedichte geschrieben. Andere Menschen hat er genommen, wie sie waren. Da gab es nie etwas zu mäkeln oder zu verbessern, es sei denn, jemand war hartnäckig darin, sich bei ihm unbeliebt zu machen. Wenn er, was selten vorkam, mit einem Redaktionsmitglied Streit hatte, verging in der Regel kein halber Tag und er kam mit ausgestreckter Hand auf die Person zu: „Lass uns wieder gut sein.“ Jetzt ist er gestorben. Wir trauern um ihn. Um einen wunderherrlichen Menschen, dem das Menschsein so wichtig war.