Transferpolitik im Amateurfußball: „Wir werden zu Tätern gemacht“

Setzen sich für die Einführung der Entschädigungssummen ein: Andreas Beck, Bernd Müller und Peter Slavic (von links). In der Vergangenheit hat es sich für den Verein und ihre Arbeit äußerst nachteilig ausgewirkt, dass es im Württembergischen Fußballverband keine einheitliche Entschädigungsregelung gibt.
Larissa Renz- TSV Sondelfingen fordert Entschädigungssummen für Vereinswechsel im Amateurfußball.
- Seit 2019 massive Abgänge von Spielern ohne Entschädigung, finanziell belastend.
- Antrag auf verpflichtende Entschädigungshöhen im April 2024 eingereicht.
- Verband versprach Gespräche, hielt dies nicht ein.
- Entschädigung könnte Transferverhalten regulieren und Fairness sichern.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Der Verband lässt uns im Stich, der Verband lässt die Basis komplett im Stich.“ Peter Slavic kratzt sich am Kopf, die Enttäuschung in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Seit vielen Jahren ist Slavic der Sportliche Leiter beim TSV Sondelfingen. An sich mache ihm und seinen beiden Kollegen, Bernd Müller und Andreas Beck, ihre Vereinsarbeit Spaß, doch in den vergangenen sechs Jahren hätte sich in beunruhigender Deutlichkeit gezeigt, wie hart im Jugend- und Amateurbereich zwischenzeitlich um Spieler und Trainer gerungen würde. Da es keine einheitliche, verpflichtende Regelung im württembergischen Verband (WFV) gibt (wir berichteten), mit verheerenden Konsequenzen für den TSV Sondelfingen. Im April 2024 zog der Verein die Konsequenz und reichte den Antrag auf die Einführung von verpflichtenden Entschädigungshöhen ein.
Doch der Weg dahin war lang, und leicht habe sich der Verein die Entscheidung nicht gemacht. Im Jahr 2019 habe alles angefangen, berichten die drei Männer. „Innerhalb von nur vier Wochen waren zehn unserer Spieler aus dem Jahrgang 2004 mit einem Mal weg – gewechselt zu zwei Vereinen“, sagt Beck, der sich beim TSV unter anderem um das Passwesen kümmert. Der TSV musste nicht nur diesen massiven Personalschwund verarbeiten, sondern „wir mussten einen Jahrgang als A-Jugend melden, der rein theoretisch nicht gepasst hat. Insgesamt hatten 15 Spieler uns verlassen“, macht Beck deutlich. Handlungsspielraum? Wohl kaum. Eine Abmeldung der Mannschaft haben die Verantwortlichen mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Doch die Kette der Folgen sei lang und voller Tücken: „Die Leute waren weg, niemand ist in die aktive Mannschaft nachgerutscht. Da haben sich zwei Vereine relativ einfach so massiv bei uns bedienen können“, erzählt Beck. Dass der Verein alle Jugenden anbieten könne, darauf ist der TSV sehr stolz.
Die Rechnung des Verbands geht nicht auf
Besonders frustrierend ist es somit, dass er davon nichts hatte. Der TSV Sondelfingen musste in dieser Zeit in einem finanziellen Ausmaß Spieler transferieren, der nicht gewollt war. Der Gipfel war dann, dass der TSV zwei ehemalige Spieler zurückgeholt hat, und „wir haben damals Ausbildungsentschädigung an einen Verein bezahlt, der mit der Ausbildung eigentlich nichts zu tun gehabt hat“, berichtet Müller. Dass andere Vereine Spieler holen und diese sich dort verbessern würden, sei der Gang der Dinge, darüber herrsche auch beim TSV Klarheit, aber „diese Massen an Leuten, die gehen, da würden diese Statuten vorgreifen“, sagt Slavic. Obwohl 2019 Gespräche mit den entsprechenden Vereinen geführt worden seien, habe es den TSV 2023 noch einmal erwischt. „Wir waren damals in der Landesstaffel bärenstark“, erzählt Beck, „das scheint die Vereine angelockt zu haben. Damals waren besonders die Jahrgänge 2008 und 2009 betroffen.“ Insgesamt 11 Abgänge aus 2008 und 9 Abgänge aus 2009 galt es hinzunehmen. Sportlich seien zwei Abstiege die Folge gewesen, die verbleibende Mannschaft hätte sich danach aufgelöst. Das sei dann nicht mehr sehr attraktiv.
„Der Verband rechnet hier immer mit einem Spieler“, sagt Slavic, er hält den entsprechenden Artikel der SÜDWEST PRESSE aus dem Februar 2025 in der Hand, „doch wir hatten Abgänge in ganz anderen Dimensionen.“ Dann würden die Entschädigungssummen eine Schutzfunktion erfüllen, so das Kalkül des TSV. „Vergleichbar große Vereine hätten kaum die anfallenden Summen bezahlen können“, vermutet Beck, „sondern sie holen dann die Spieler, die ihnen wirklich wichtig sind.“ Finanziell sei das nicht unfair, weil die Vereine im Bezirk, mit wenigen Ausnahmen, alle über ähnlich große Portemonnaies verfügten.
Die Statuten und der Status quo
Auf Seite 62 der WFV-Jugendordnung ist die Tabelle zu finden, um die es konkret geht. In ihr werden konkret Wechselszenarien mit Entschädigungszahlungen verknüpft. Ausschlaggebend für die Höhe dieser Zahlungen ist, in welcher Liga die erste Mannschaft des aufnehmenden Vereins spielt. Während in allen anderen Verbänden mit diesen Summen gehandelt wird, genießen baden-württembergische Vereine (noch) die Freiheit, sich individuell einig zu werden.
Alle drei zeigen sich betroffen, wie aggressiv und intransparent um Spieler und Trainer inzwischen geworben würde. Nicht einmal Bambini seien außen vor – und „wir als Verein erfahren oft als Letztes, dass ein Spieler gehen wird“, macht Slavic deutlich. Auf Wunsch des Verbands habe der TSV den Antrag im vergangenen Sommer ruhen lassen, ihnen sei ein Gespräch mit den Verantwortlichen versprochen worden. „Tja, das hat nie stattgefunden. Der Verband hat sein Wort gebrochen“, stellt Slavic nüchtern fest.
Da sich weder die Einführung noch das versprochene Gespräch andeuten, sei der Verein zu anderen Mitteln übergegangen. „Wir erteilen prinzipiell erstmal keine Freigabe mehr, dass ein Spieler wechseln darf“, sagt Slavic. Ein unangenehmes Dilemma, denn nun sehe so aus, als würde sich der Verein zwischen den Spieler und seine Interessen stellen. „Wir sind eigentlich die Opfer und wir werden zu Tätern gemacht“, sagt Slavic, „wir kriegen den Schwarzen Peter zugeschoben. Da heißt es dann den Spielern gegenüber, dass der TSV nicht mitmacht und sie nicht gehen lässt.“
Mit der Einführung der Entschädigungssummen wäre das alles vorbei: das Anwerben, das Ausbooten und die verzweifelten Maßnahmen allerorts. „Dann hätten die Vereine endlich Werkzeuge an der Hand und dieses Gebaren und diese Streitigkeiten sind vorbei“, erhofft sich Slavic. Sollten sich Vereine über einen Wechsel einig sein, würde diese Entschädigung auch niemand erzwingen, aber es sei eine Option und für Beck und die Verantwortlichen der Weg zurück in die Normalität.
Der Antrag des TSV ruht noch immer, doch Slavic will sich schlaumachen, wie er wieder aktiviert werden könnte. „Das Thema gehört auf den Tisch und es gehört ausgefochten“, macht er den Standpunkt des TSV deutlich. Die Entschädigungssummen, die übrigens sonst deutschlandweit bereits gültig sind, zu lancieren wäre auch ohne Verbandstag möglich, dort müssten sie nur in drei Jahren bestätigt werden. „Wir wollen allgemeingültige sportliche Fairness, gegenüber uns Vereinen und gleichzeitig auch den Spielern“, machen die drei Männer deutlich – und das im Optimalfall nicht erst in drei Jahren oder nach dem nächsten Personalschwund.
Ein Rechenbeispiel zu den Entschädigungssummen
Ein C-Junior wechselt von einem Landesligisten zu 1860 München. Da die erste Mannschaft in der 3. Liga spielt, ist laut der Aufstellung in der Jugendordnung eine pauschale Zahlung von 750 Euro an den Landesligisten fällig. Außerdem müsste 1860 München den Landesligisten für die Jahre entschädigen, in denen der Spieler ihm angehört hat. Pro Jahr wären das 200 Euro. Es werden maximal sechs Jahre Vereinszugehörigkeit berücksichtigt, was trotzdem 1200 Euro entsprechen würde, die 1860 München erbringen müsste. Der Wechsel, in diesem Rechenbeispiel, würde demnach insgesamt 1950 Euro in die Kasse des Landesligisten spülen.

