Schicksal in Metzingen
: Querschnittgelähmt nach Herzaussetzer

Der 58-jährige Mann, der regelmäßig mit seinem Rollstuhl an der Kreuzung Nürtinger-Neuffener sitzt, hat viel zu erzählen. Von einem Leben, das keinen Humor zu haben scheint.
Von
Peter Kiedaisch
Metzingen
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Fast jeden Tag sitzt Markus B. an diesem Ort. Er beobachtet den Verkehr und freut sich auf Bekannte, mit denen er ein paar Sätze wechseln kann.

Fast jeden Tag sitzt Markus B. an diesem Ort. Er beobachtet den Verkehr und freut sich auf Bekannte, mit denen er ein paar Sätze wechseln kann.

Peter Kiedaisch
  • Porträt eines 58-Jährigen aus Metzingen: querschnittgelähmt nach Herzaussetzer auf Treppe.
  • Er sitzt häufig im Rollstuhl an der Kreuzung Neuffener/Nürtinger Straße und beobachtet den Verkehr.
  • Hörgeschädigt seit Geburt, Diagnose erst mit sechs Jahren – Hörprothesen prägen seinen Alltag.
  • Nach Herzinfarkt waren Bypässe nötig, ein Defibrillator entfiel wegen Interferenzen mit den Hörprothesen.
  • Er lebt im betreuten Wohnen, kauft selbst ein und hält Kontakt zu Bekannten – Familie hat sich entfremdet.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es geht nicht mehr weiter? Doch. Markus B. rollt vor in Richtung Kreuzung Neuffener Straße/Nürtinger Straße. Dort sucht er sich eine geeignete Stelle, bleibt mit dem Rollstuhl stehen und schaut sich den Verkehr an dieser Hauptverkehrsachse an wie andere Leute die Starts und Landungen von der Flughafenterrasse aus in Echterdingen.

Es geht weiter, mit ihm und mit seinem Leben, das ihm bereits am Tag seiner Geburt Molltöne darbot: Er war eine Frühgeburt und lag im Brutkasten. Vor 58 Jahren war das eine medizinische Herausforderung. Die Eltern rechneten mit dem Schlimmsten, zur Sicherheit wurde er sogar notgetauft. Aber er hat überlebt.

Nottaufe zur Sicherheit

Markus B. wird gegrüßt an der Kreuzung, man kennt ihn. Seine Geschichte aber, die seines Lebens, kennen sie nicht. Dass er verheiratet war, dass er zwei Kinder hat, dass der Kontakt zu Frau und Kind vollkommen abgerissen ist, das sind Wahrheiten, die ihn schmerzen. Die er aber mit so viel Würde annimmt, als wäre ihm nur der Salzstreuer bei Tisch umgekippt. „Aber verstehen“, sagt er, „verstehen, warum sie von mir nichts mehr wissen wollen, das tu ich nicht.“ Er scheint zu überlegen, ob er dieses Kapitel ausführen soll, belässt es aber dabei: „Bis heute nicht.“

Manchmal steht er mit seinem Rollstuhl 100 Meter weiter hinten, wo die Wilhelm-Carl-Straße auf die Straße Im Förstlen trifft. „Je nachdem, wo es besser passt.“ Das ist abhängig von der Stimmung, aber auch vom geplanten Tagesablauf. Er wohnt dort. In eben jener Wilhelm-Carl-Straße. Es ist betreutes Wohnen, denn allein kann er sich kaum versorgen. Morgens kommt jemand von der Diakonie. „Stützstrümpfe anziehen“, sagt er. Dann geht's raus, „und ich stehe hier eine Weile, dann da eine Weile.“

Er hatte einen Herzinfarkt. Das war vor vier Jahren. Bis dahin war die Welt noch fast im Lot. Die Ärzte diagnostizierten eine Herzerkrankung: „Eigentlich wollten sie mir einen Defibrillator implantieren.“ Ging aber nicht, weil Markus B. von Geburt an hörgeschädigt ist und deswegen Hörprothesen trägt. Beides verträgt sich nicht, es kommt zu Interferenzen, also elektromagnetischen Wechselwirkungen. Weil die Gefahr eines weiteren Herzinfarkts durch einige Bypässe jedoch minimiert worden war, empfahlen die Ärzte dem damaligen Autolackierer, auf den Defibrillator zugunsten der Hörprothesen zu verzichten. Er wäre ohne Gehör sonst komplett raus aus dem Alltag gerissen worden.

Zudem sind die Hörprothesen so etwas wie sein zweites Leben. Er kam nämlich fast taub zur Welt. In einer Zeit, da es für Kinder noch keine regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen (die sogenannten U-Untersuchungen) gab, war er deswegen fast verloren. Tragischerweise hatte von seiner Behinderung niemand auch nur die geringste Ahnung. Erst als er sechs Jahre alt war, stellte man fest, dass er nicht hören konnte. Er konnte als Folge davon auch nicht seinem Alter gemäß sprechen. „Ich habe zu lange in einer stillen Welt gelebt.“

Davon ist ihm heute nichts mehr anzumerken. Er redet flüssig, was, wie er betont, auch seine HNO-Ärzte aus Tübingen erstaunt. „Die sind immer hin und weg, weil ich so gut sprechen kann.“ Er glaubt, das seinen Eltern zu verdanken, die ihn auf eine Waldorfschule schickten. Da wurde er optimal gefördert. Endlich konnte er sich auch mit den anderen Kindern unterhalten, war bei den Spielen dabei, durfte lernen, das Leben nahm eine Wende hin zum Guten.

Er heiratete und lebte mit Frau und Kindern in Göppingen. Er arbeitete und hatte Hobbys. Seine zwei Schäferhunde etwa, mit denen er viel trainierte. Und das Bodybuilding, das seinen Körper stählte. Bis eben erst Scheidung und dann Herzinfarkt kamen. Doch fast schien es, als käme er auch damit klar.

Sieben Rückenwirbel brechen bei Treppensturz

Dann aber brach doch noch alles unter ihm zusammen. Der ganze andere Rest. All das, was noch auf ihn wartete, denn das Schicksal hatte eine Spielkarte noch nicht ausgespielt: die mit den Herzaussetzern. Das war vor zweieinhalb Jahren. Er stand gerade auf einer Treppe, als es um ihn dunkel wurde. Als er wieder zu sich kam, lag er ganz unten und konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Sieben Rückenwirbel waren gebrochen, er ist seit dem Unfall querschnittgelähmt, zog dann zurück nach Metzingen, wo er jetzt lieber den Verkehr beobachtet als fernzusehen. „Fernsehen mag ich nicht“, erklärt er. Die Hörprothesen verstärken die Nebengeräusche, die Musik, die Actionszenen, aber sie unterdrücken die Dialoge. Er empfindet es als Folter.

Dennoch wirkt er zufrieden und tiefenentspannt: „Ich war mein ganzes Leben lang ein Kämpfer“, sagt er und lächelt freundlich. Ihm gegenüber, vis-à-vis, wie er sagt, wohnt seine betagte Mutter. Sie teilen sich die Aufgaben. Er, weil er den Rollstuhl hat, kauft keine sperrigen Dinge, rollt aber regelmäßig rüber zum Einkaufen in den Rewe-Markt. Dort frühstückt er. Kurz nach zehn macht er sich mit seinen Einkäufen auf den Rückweg, stellt sich an die Kreuzung und schaut dem immerwährenden Fluss des Kommens und Gehens, des Stoppens und Anfahrens zu. Ampeln werden rot, Ampeln werden grün. Die Welt, so scheint es, hat sich auch noch nicht aufgegeben. Beide halten sie durch.