Richter im Reitsport: Der Sport muss seine schwarzen Schafe loswerden

War und ist dem Reitsport in verschiedenen Funktionen verbunden, doch alles begann für Gotthilf Riexinger (vorne) als ganz junger Mensch, der sich von seinem Ausbildungsgehalt ein Pferd leistete.
Privat- Gotthilf Riexinger, 78, ist seit seinem sechsten Lebensjahr aktiver Reiter und Dressage-Richter.
- Er war international als Fünf-Sterne-Richter tätig und Mitglied der FEI-Dressage-Kommission.
- Kritik: Skandale und Missbrauch schaden dem Reitsport – schwarze Schafe müssen langfristig ausgeschlossen werden.
- Er betont die Bedeutung von Amateurreitern für die Zukunft des Reitsports.
- Sorgen bereiten ihm sinkende Turnierteilnahmen und Fehler durch ungeschulte Freizeit-Reiter.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Irgendwann habe er den Überblick verloren, gibt Gotthilf Riexinger mit einem kleinen Lächeln zu. „Ich schätze, ich hab 40 oder 50 Pferde selbst besessen, auch einige Fohlen. Aber geritten bin ich deutlich mehr. Das kommt automatisch, wenn man in der Szene bekannter wird und erste Erfolge verzeichnet“, erzählt der heute 78-Jährige. Seit seinem sechsten Lebensjahr ist er aktiver Reiter und bekennender Pferdenarr. Zwar hat Riexinger eine Ausbildung zum Metallgießer gemacht und später in einer Design-Firma gearbeitet, doch eigentlich war er hauptberuflich immer im Reitsport tätig. „Ich habe als junger Mann das Springreiten für mich entdeckt, ich war alle zwei bis drei Wochen auf Turnieren unterwegs“, erzählt er stolz. Doch nur selbst im Sattel zu sitzen, das reicht Riexinger damals nicht. Er interessiert sich für die Hintergründe, für die Details. Mit dem Schritt, die Richter-Ausbildung zu beginnen, taucht Riexinger vollends ein: in internationale Spitzenturniere, in Sportpolitik und in die Themen, die dem Pferdesport einen massiven Image-Schaden zugefügt haben.
Das Dressur-Viereck als diplomatisches Parkett
„Damals wie heute ist diese Ausbildung kleinteilig, kompliziert und langwierig“, weiß Riexinger, der bis dato als Dressage-Richter aktiv ist, „das fängt bei den Begriffen an und weil es sehr viele Kriterien braucht, um den individuellen Stärken und Schwächen der Paarungen gerecht zu werden.“ An mehr Verantwortung zu kommen, sei im Reitsport nicht schwer. Die Szene sei nicht arg groß und so sei es ihm ergangen, wie vielen anderen: Die Aufgaben, die Turniere, alles sei schnell größer und globaler geworden. „Ich wurde dann auf Empfehlung Fünf-Sterne-Richter. Davon gibt es nur 30 Stück auf der Welt“, erklärt er, „das sind dann diejenigen, die Europa-, Weltmeisterschaften und olympische Spiele begleiten.“ Das sei für ihn nach wie vor ein besonderes Gefühl, eine besondere Ehre. Zudem kam eine vierjährige Amtszeit bei der Fédération Équestre Internationale (FEI), dem Dachverband des weltweiten Reitsports, als Kommiteemitglied der Dressage dazu.
„Der Eindruck, den ich in diesem Amt vom Reitsport auf der Welt bekam, war noch einmal etwas ganz anderes. In vielen Teilen der Welt gibt es ganz andere Auffassungen vom Reitsport und was pferdegerecht ist, als ich das von daheim kannte“, sagt Riexinger, der sich dann gehäuft in der Diplomatie üben musste. Sein Beispiel für diese verschiedenen Auffassungen ist seine Lieblingsanekdote von den Olympischen Spielen in Peking 2008. Die Reiterei sei an einer Rennbahn in Hongkong untergebracht gewesen. Nach dem ersten Turniertag erschien in einer Lokalzeitung ein Bild von zwei chinesischen Zuschauern und einer Sprechblase mit den Worten: „What kind of race is this?“, frei übersetzt „Seit wann sieht ein Pferderennen so aus?“. Er habe schallend lachen müssen, als er das gesehen hat, erzählt er. „Die wussten mit der Dressur und dem klassischen Viereck überhaupt nichts anzufangen, das war einfach nicht ihr Reitsport.“
So unschuldig wie diese Anekdote sei der Sport allzu oft aber nicht. Weder international noch in der Breite. Riexinger kann und will die Augen davor nicht verschließen, zu viel Missbrauch, zu viele Skandale, zu viele gescheiterte Karrieren hat er gesehen. „Unsere lokalen Turniere, unsere Amateurreiter, ihr Engagement, sie retten unseren Sport gerade“, stellt er nachdenklich fest, „denn leider machen viel zu oft die schwarzen Schafe Schlagzeilen.“ Übermotivierte, namhafte Reiter, die Leistungen durch unsportliche Methoden erzwingen, „denen das Talent fehlt, um pferdegerecht an den Punkt zukommen, wo sie hinwollen. Gegen die müssten wir noch viel strenger vorgehen. Wir müssen sie langfristig ausschließen“, kritisiert Riexinger scharf. Solche Personen hätten allgemein in einem Sattel nichts zu suchen, sagt er deutlich.

Der junge Gotthilf Riexinger kennt die Turnierszene als Aktiver und als Beobachter. Nicht mit allen Entwicklungen ist er einverstanden - und nimmt die Szene in die Pflicht.
PrivatIm Kleinen kann Großes wachsen
An diesem Sport, auch wenn medial unterrepräsentiert, hängt nach wie vor eine riesige Industrie: Landwirtschaft, Handwerk, Ärzte und Medizin, macht er deutlich. „Dieser Kommerz, diese Preise, sie werden uns ebenfalls oft zum Verhängnis, aber solange es Menschen gibt, die diesen Sport lieben, müssen wir an unserem Image arbeiten und Verantwortung übernehmen.“ Es wäre, seiner Ansicht nach, ein Weg, den seit Jahren schwächelnden Teilnehmerzahlen an Turnieren entgegenzuwirken. Denn auch der Breitensport sei nicht ohne seine Probleme. Die Abkehr von einer als vergiftet betrachteten, organisierten Reitschul- und Turnierkultur führe dazu, dass Freizeit-Reiter aus Unwissenheit Fehler am Tier begehen. Das bereite ihm große Sorgen, gibt er unumwunden zu. „Uns wird als Lehrern und Richter beigebracht, nicht einfach nur stumpf fertigzumachen, sondern wir sollen Selbstreflexion und Veränderungswille im Reiter anregen. Das ist auch das, was ich an junge Richterkollegen weitergebe.“
Jedes einzelne Turnier sei Bestandteil dieses Prozesses, ist sich der erfahrene Richter sicher. Vielleicht kann er es auch deshalb nicht lassen, immer wieder vertagt er seinen Ruhestand dann doch noch ein Mal. „Manchmal denke ich, dass ich alles erlebt habe, was es in diesem Sport zu erleben gibt, aber dann merke ich, dass es immer noch zu tun gibt. Dieser Sport hat mir so viele Erfahrungen und Reisen beschert und doch kann ich immer noch meinen Beitrag leisten“, sagt Riexinger, der nach vielen tausend Flugstunden die internationalen Ämter aufgegeben hat.
