Reiten auf der Alb: Die Suche nach dem neuen Image abseits des Sports

Thore Brockhoff, Vorstand beim RV Würtingen, und Kater Houdini haben sehr viel Platz: Früher wurde der für eine Reitschule mit fünf Pferden und große Turniere genutzt, das hat sich mittlerweile geändert.
Larissa Renz- Der Reitverein Würtingen kämpft nach Corona mit finanziellen Einbußen und weniger Reitschülern.
- Vier von fünf Schulpferden wurden aus Kostengründen verkauft, was das Unterrichtsangebot einschränkt.
- Seit 2019 finden keine Turniere mehr statt – fehlende Wettbewerbe verstärken Nachwuchsprobleme.
- Der Verein modernisierte seine Website und betont das Pferd als Kulturgut, um junge Menschen anzusprechen.
- Image-Probleme im Reitsport und Kritik in sozialen Medien erschweren die Nachwuchs- und Mitgliederwerbung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der mehrstöckige Gebäudekomplex inklusive Stallungen ist riesig, die Weiden und Plätze kommen auf insgesamt vier Hektar Land – und dennoch ist alles spürbar kleiner geworden beim Reitverein Würtingen. „Corona hat unser Vereinsleben sehr verändert und geprägt“, sagt Thore Brockhoff nachdenklich und blickt aus dem Fenster auf den großen Reitplatz. „Seit dieser Zeit sind wir in mancher Hinsicht pragmatisch geworden.“ An dem hohen Standard, den der Verein für seine Mitglieder und Einsteller bereitstellt, möchte keiner rütteln – doch dafür wurden in den vergangenen Jahren einige, schwere Entscheidungen gefällt.
Weniger Schule, weniger Pferde
Die größte und einschneidendste Veränderung sei ganz klar, die Anzahl der Schulpferde. „Wir sahen uns im Verlauf der Corona-Krise dazu gezwungen, vier unserer fünf Schulpferde abzugeben“, berichtet der passionierte Pferdewirt, „wir hatten monatliche Aufwendungen zwischen 2500 und 3000 Euro, und das ging so nicht weiter.“ Corona-Hilfen? Die hatte der Verein frühzeitig beantragt. Das Problem: Der Verkauf der Schulpferde stellte sich in den Büchern als erwirtschafteter Gewinn dar, mit der Folge, „dass wir die Corona-Hilfen zurückzahlen mussten. Der Verein und die Anlage, das alles war schon vor Corona ein Nullsummenspiel, aber seither hat sich das verschärft.“ Sich von den eigenen Tieren zu trennen, auch in dem Wissen, dass das langfristige Folgen auf das Reitschulangebot haben wird, war schwer.
Der Turniersport fehlt seit sechs Jahren
Die freien Boxen aber seien von Einstellern gut nachbelegt worden – eine, im Vergleich zu den Schulpferden, konstante Einnahmequelle. Die gute Lage, die Ausstattung, das Renommee locken auch viele ambitionierte Reiter nach Würtingen. Um ihr Pferd hier unterzubringen, sind sie bereit, Mitgliedsbeiträge, Pachten und Dienstleistungen zu bezahlen sowie selbst Arbeitsstunden abzuleisten. Immerhin: Trotz Corona sei die Stallgemeinschaft gut, auf das harmonische Miteinander ist der Verein stolz, betont auch Brockhoff im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE.
Die Reitschüler und die Nachfrage aber seien zurückgegangen. „Viele Schüler, denen wir während Corona den Unterricht absagen mussten, sind nicht wiedergekommen. Und jetzt, mit nur noch einem Pferd, können wir Anfragen teilweise nicht mehr bedienen“, gibt Brockhoff zu. Grün bewachsen auch die Steinstufen, die ehemals die Zuschauerränge bei den großen Turnieren waren, die der RV Würtingen ausgerichtet hat.
„Zuletzt haben wir 2019 ein solches Turnier veranstaltet, aber jetzt ist das weder finanziell noch personell eine Option, obwohl sich das einige Mitglieder wünschen würden“, sagt Brockhoff. Dass die Turniere nicht mehr stattfinden, befeuere das Nachwuchs-Problem aber weiter. „Menschen wollen sich in fairer Atmosphäre miteinander messen. So können die jungen Reiter wachsen und ihren Pferden diese Erfahrungen ermöglichen“, erklärt er. Er sei froh, dass andere Vereine in der Region noch Turniere in verschiedenen Schwierigkeiten anbieten könnten. „So wissen die Jungen, dass da was in der Region geboten ist. Das ist wichtig, wenn wir weiterhin deutsche Reiter-Paare bei internationalen Turnieren sehen wollen.“
Mit dem Reitsport als Sport zu werben, sei hingegen nicht immer leicht – das stellt auch Thore Brockhoff fest. Der Verein arbeitet mit ganz jungen Kindern, macht sie mit dem Tier und seinen Bedürfnissen vertraut. „Der Reitsport hat schon ein bisschen ein Image-Problem, vor allem, wenn namhafte Reiter mit unschönen Nachrichten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen“, gibt er zu bedenken, „inzwischen versuchen wir den Kindern, das Pferd als Kulturgut näherzubringen. Als Partner im Sport ist dann nur eine Facette davon.“ Kritische Skepsis sei völlig angemessen und läge in der Natur der Sache, sobald ein Tier an einer Sportart beteiligt sei, dennoch sei manche Diskussion nicht zielführend.
Vor allem in den Sozialen Medien würde Thore Brockhoff sich mehr Zurückhaltung wünschen. Immerhin: Reitsport, Ställe und Vereine hätten in den vergangenen Jahren erkannt, dass das Image sich ändern sollte und alte Barrieren stückweise abgebaut gehören. Die Vereine werben mit außersportlichem Engagement – ebenfalls in den Sozialen Medien. Wie der RV Würtingen wenden die Vereine zudem auch mehr Zeit für eigene Webseiten und Blogs auf, um über das eigene Angebot zu informieren. In kleinteiliger Arbeit hätten die Würtinger ihren Internetauftritt auf ein zeitgenössisches, angemessenes Niveau gebracht. „Wenn wir es so schaffen, die jungen Menschen abzuholen, dann steigt auch die Bereitschaft wieder, diesem zeitintensiven Hobby treu zu bleiben.“

