Poets of Instagram
: Gedichte zwischen Selfie und Food Porn

Poesie juckt niemanden? Die 20-jährige Leonie Kirsamer ist Teil einer jungen Dichter-Szene, die auf Instagram Millionen Follower hat. Kirsamers Gedichte sind jetzt im Deutschen Lyrik Verlag erschienen.
Von
Nicole Wieden
Bad Urach
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Leonie Kirsamer aus Bad Urach wurde vom Deutschen Lyrik Verlag ein halbes Jahr professionell unterstützt.

Simon Wagner
  • Leonie Kirsamer aus Bad Urach veröffentlicht ihren ersten Gedichtband „Erstmal für immer“.
  • Ihr Buch erschien 2023 im Deutschen Lyrik Verlag, gefördert durch das Programm „Edition Anthrazit“.
  • Kirsamers Gedichte basieren auf persönlichen Eindrücken und spontanen Notizen seit ihrem 13. Lebensjahr.
  • Instagram-Poesie wie die von Rupi Kaur inspiriert sie ästhetisch, thematisch bleibt sie regional geprägt.
  • Die erste Auflage umfasst 300 Exemplare, eine zweite Auflage hängt vom Verkaufserfolg ab.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Herzlich wenig Emotionen – weil überwiegend unbekannt – dürften die Namen Rupi Kaur, Amanda Lovelace oder Fred T. Williams provozieren. Bei Atticus verhält sich das schon anders, allerdings nur, weil hier eine Verwechslung vorliegt: Gemeint ist kein Philosoph aus dem antiken Griechenland, sondern aus dem kanadischen Vancouver der Gegenwart.

So namenlos Atticus in weiten Teilen der Welt sein mag, so bedeutend ist der anonyme Poet innerhalb einer neuen Dichter-Generation im Internet. Von vielen unbemerkt hat sich in den Sozialen Medien während der 2010er eine neue Form der Lyrik etabliert. Ausgerechnet auf Instagram, zwischen Selfies und abgelichteten Mahlzeiten, finden sich je nach Algorithmus kurze Gedichte und einsame Verse. Zu den Reihen der überwiegend jungen Autoren gehört die 20-jährige Leonie Kirsamer aus Bad Urach. Im Deutschen Lyrik Verlag hat sie unter dem Titel „Erstmal für immer“ nun ihren ersten Gedichtband veröffentlicht.

Die eigene Lebenswelt in Versform

Leonie Kirsamer schreibt, um diffusen Gefühlslagen und ihrer selbst auf die Schliche zu kommen: „Gedanken werden klarer, wenn man sie aufgeschrieben hat. Das geht vermutlichen vielen so.“ Im Alltag hält Kirsamer, die im ersten Semester Kommunikationsgestaltung studiert, seit ihrem 13. Lebensjahr stets Kladden und Stifte bereit. Damit notiert sie flüchtige Momente und spontane Gedanken.

Anstoß für diese Gewohnheit war ihre zufällige Entdeckung der Poetry-Slammerin Julia Engelmann. Diese hatte 2014 im Internet und auf zahlreichen Bühnen für Begeisterungsstürme gesorgt. In rhythmische Texte verpackte die damals 22-Jährige Lebenshunger und die Sorgen des Heranwachsens. Fans erkannten die Stimme einer ganzen Generation, Kritiker mit Belustigung ebenso: Mit ihren Gedichten bediente Engelmann unfreiwillig das Klischee des hochsensiblen und zugleich hedonistisch angehauchten Millennials.

Poesie für ein Millionenpublikum

Engelmann aber blieb unbeirrt, und ist wohl populärste deutsche Vertreterin eines internationalen Phänomens: Gemessen an der Zahl aller Plattformnutzer ist die Szene von Autoren und Rezipienten auf Instagram klein. Nimmt man die Besucherzahlen einer beliebigen Buchhandlung vor dem Lyrikregal, so erscheint die digitale Leserschaft sogar exorbitant.

Bekanntester Star ist derzeit die indisch-kanadische Rupi Kaur, die mit ihrem Kanal 4,3 Millionen Menschen erreicht. Obwohl Kaur in englischer Sprache schreibt, ist sie Leonie Kirsamers ästhetisches Vorbild. Thematisch dagegen sei die 29-Jährige, die sich mit Migration und Feminismus befasst, für Kirsamer weniger interessant. Denn die junge Bad Uracherin verarbeitet Eindrücke aus ihrem unmittelbaren Umfeld: Ihre gesammelten Notizen sortierte sie 2020 am PC in fünf Rubriken. Auf diese Weise entstand ein Manuskript, das Leonie Kirsamer drei Verlagen zukommen ließ.

Teil des Sonderprogramms „Edition Anthrazit“

Im Sonderprogramm „Edition Anthrazit“ publiziert der Deutsche Lyrik Verlag noch unbekannte Autoren, die auf das Verlagshaus zukommen und die Produktionskosten selbst decken. Ein halbes Jahr wurde Leonie Kirsamer professionell begleitet, im März schließlich wurde eine erste Auflage mit 300 Exemplaren gedruckt. Verkauft wird der Gedichtband „Erstmal für immer“ in allen großen Buchhandlungen, und könnte sogar in die zweite Auflage gehen: „Gedruckt wird, solange sich das Buch verkauft“, erklärt Kirsamer. Unabhängig aller Verkaufszahlen, arbeitet die Bad Uracherin schon an ihrem nächsten Werk. Der Zuspruch aus ihrem Umfeld war groß, denn die Lektüre ist ein poetischer Spaziergang durch Kirsamers sehr persönliche Gedankenwelt, der außerordentlichen Mut und Offenheit verlangt.