Pädagoge reagiert auf Kritik: Warum Schulsport und die Noten nicht aufgeweicht werden dürfen

Die Themen Fairness, Leistung und Entwicklung beschäftigen Fabian Gerstlauer beruflich und privat. Der Pädagoge und Handball-Trainer hat Kinder aller Altersklassen kennengelernt und betreut.
Larissa Renz- Pädagoge und Handball-Trainer Fabian Gerstlauer betont die Bedeutung von Fairness und Entwicklung im Schulsport.
- Er sieht Sport als wichtigen Raum zur Förderung von Leistung, Teamfähigkeit und persönlicher Entwicklung.
- Gerstlauer kritisiert die Debatte um den Stellenwert des Schulsports und fordert stärkere Förderung.
- Sportnoten sollen Fortschritte und Potenziale zeigen, nicht nur reine Leistung bewerten.
- Gesellschaft brauche mehr direkte Kommunikation und Sport als Ausgleich zu beruflichem Stress.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Besonders mächtig fühlt Fabian Gerstlauer sich nicht. Das hat er auch nie, sagt er. Und das, obwohl er gleich zwei Funktionen innehat, die beide mit diesem Attribut beschrieben werden könnten: Er ist Handball-Trainer und Pädagoge. Bewertungen vornehmen, Beurteilungen begründen, Noten vergeben, das ist sein tägliches Geschäft. Zumal Gerstlauer dann auch noch ein Fach unterrichtet, in dem kein Spickzettel der Welt etwas bringt – er ist Sportlehrer. „Ich kann Motivation oder Leistung nicht erzwingen, in dem ich als der harte Notengeber auftrete. Das hat nichts mit dem zu tun, was ich unter Fairness verstehe“, hebt der 42-Jährige hervor, „und es ist auch nicht das, was Sport und Schulsport im Speziellen, in einem jungen Menschen erreichen kann.“ An den positiven Effekten bestehen für ihn keine Zweifel. Mit Sorge und Unverständnis beobachtet der passionierte Handballer daher die Debatte um den Stellenwert des Schulsports und den Sinn von Sportnoten.
Für Entwicklung belohnen, nicht nur für Leistung
Im Sport schlummert für den Vater eines kleinen Jungen viel von dem, was erwachsene Menschen später vielfach brauchen. „Leistungsfähigkeit, Ausdauer, Ehrgeiz, Mut, Teamfähigkeit, das sind alles Eigenschaften, die in der Berufswelt ganz einfach vorausgesetzt werden“, setzt er seine Erklärung an. All diese Eigenschaften entwickeln sich in der Kind- und Jugendzeit; im Sport, egal ob in Schule oder Verein, in einem zwanglosen, geschützten Raum. „In der Bewegung, im Austesten verschiedener Sportarten, kommt der Geist in Schwung und die Schüler lernen ihre Stärken, Schwächen, Potenziale kennen“, erklärt Gerstlauer, der über die Jahre alle Handball-Trainerlizenzen erreicht hat, die es in Deutschland gibt. Wenn ein Schüler sein Potenzial erkennt und sich entwickelt, sei das etwas, das eine angemessene Note verdient und dadurch abgebildet werden kann. „Eine Eins bedeutet, dass ein Schüler sich in einer hohen Schwierigkeit bewegt und sich da nochmal steigern konnte. Aber eine Drei, für eine Rolle vorwärts plus Handstand, bei einem Kind, bei dem erst gar nichts war, ist eine gute Note“, führt er aus, „es erkennt, dass sein Handeln zu etwas führen kann, also Konsequenzen hat.“
Diese – wichtige – Facette einer Schulnote geht ihm viel zu schnell verloren, würde nicht genügend berücksichtigt. Auf dem Weg zu seiner ersten Rolle vorwärts habe der Schüler Rückschläge erlebt. „Mir geht es im Unterricht und mit der Note darum, der Entwicklung eines Kindes eine positive Richtung zu geben. Es hat erkannt, dass wenn es an sich arbeitet, etwas Gutes aus einem Misserfolg werden kann“, so Gerstlauer. Die Sportnote dürfe nicht aufgeweicht werden, Sportunterricht und Bewegungsangebote müssten wieder mehr in den Fokus kommen. „Wir leben in einer Gesellschaft, die regelmäßig feststellt, dass wir alle zu lange an den Endgeräten hängen und nicht genügend auf unsere Ernährung achten. Gleichzeitig steht Sportunterricht so in der Kritik, weil er vermeintlich körperliche Unterschiede nicht genügend berücksichtigt“, zeigt Gerstlauer die Widersprüche auf, die aus seiner Sicht, im Raum stehen.
Warum die Debatte geführt wird, könne er hingegen nachvollziehen. Für ihn wird die Debatte von einem der Codewörter der zeitgenössischen Gesellschaft schlechthin dominiert, dem Fachkräftemangel. Das Regierungspräsidium reagiere mit Fortbildungsmöglichkeiten, sodass Lehrer leicht umschulen könnten, dennoch sei an vielen Schulen die Freude schon groß, wenn überhaupt Lehrer zur Verfügung stehen. Mit dem Niveau im Sportunterricht ist Gerstlauer aber durchaus zufrieden. Da sei Diskrepanz zwischen Vereinssportlern und anderen Kindern das größere Problem, betont er. „Kinder, die regelmäßig Sport machen und sich bewegen, kennen sich mit ihrem Körper besser aus und sie zeigen sich oftmals auch frusttoleranter.“
Der Appell geht an alle
Null-Bock-Phasen bei Heranwachsenden seien entwicklungspsychologisch nichts Außergewöhnliches. Sie sind aber auch nichts, was er einfach hinnehme – weder als Lehrer, noch als Trainer oder Vater. „Auch da hat die Gesellschaft in meinen Augen Nachholbedarf, nämlich in direkter Kommunikation“, sagt Gerstlauer, derzeit Trainer beim VfL Pfullingen in der 3. Handball-Liga, „Probleme, Konflikte, Bedürfnisse persönlich aussprechen. Was war gut, was hat nicht gepasst, warum macht gerade etwas keinen Spaß? Ich würde mir wünschen, dass wir wieder ins Debattieren kommen.“ Das zähle nicht nur im Falle eines Misserfolgs, sondern auch, wenn etwas gut funktioniert hat.
Zwar sieht Fabian Gerstlauer sich nicht als die Person an dem berühmten längeren Hebel, aber existieren würden diese zuhauf. Ein Chef, ein Teamleiter, um nur einige Beispiele zu nennen, hätten diesen Hebel de facto in der Hand. „Wir wissen es alle, an unseren Berufen hängt ganz viel dran. Unsere Existenz und ob wir uns unsere Träume wie Auto, Urlaub oder Haus leisten können. Viel Raum für Frust und Null-Bock ist da nicht“, gibt der begeisterte Sportler zu bedenken. Zumal der Sport in diesem Kontext als Ausgleich unverzichtbar sei, um aufgestaute Energie und Emotionen abzubauen und zu verarbeiten. Dafür seien Sport-Räume ohnehin viel besser geeignet als das Büro oder die Baustelle. So gesehen gebe es auch später Zeugnisse und damit Leistungsbeurteilungen in anderem Outfit, macht Gerstlauer deutlich.

