Nischensport im Profil
: Wie und warum Schach zur Trendsportart wurde

HintergrundOnline-Schach kann sich vor neuen Nutzern kaum retten. Ob klassisch oder in diversen Varianten, die Sportart erfreut sich großer Beliebtheit. Können regionale, analoge Vereine davon profitieren?
Von
Larissa Renz
Metzingen
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Schachturnier Norway Chess 2024: 27.05.2024, Norwegen, Stavanger: Hikaru Nakamura aus den USA während des Norway Chess 2024. Foto: Carina Johansen/NTB/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der US-Amerikaner Hikaru Nakamura gilt als einer der besten Schachspieler der Welt und ist zudem von der FIDE zum Großmeister ernannt worden. Seit der Covid-Pandemie streamt er unter dem Namen „GMHikaru“ beinahe täglich für seine Fans auf der Onlineplattform twitch. Inzwischen folgen zwei Millionen Fans dem Schach-Streamer.

Carina Johansen/dpa
  • Online-Schach boomt seit der Pandemie – Plattformen wie Lichess und Twitch verzeichnen Millionen Nutzer.
  • Stars wie Magnus Carlsen und Hikaru Nakamura streamen, Nakamura hat zwei Millionen Twitch-Follower.
  • Schach war erstmals beim E-Sports World Cup 2025 dabei – Preisgeld: 1,5 Millionen US-Dollar.
  • Trotz digitalem Erfolg bleibt Schach eine Nischensportart – Regeln und Partien sind schwer zugänglich.
  • Lokale Vereine profitieren wenig vom Online-Trend – Mitglieder kommen meist durch Mundpropaganda.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Fasziniert tippt und klickt sich Philipp Schmid durch die Schach-Plattform Lichess. Zielsicher navigiert er durch die für Außenstehende kompliziert wirkende Technik, die aus vielen verschiedenen Reitern und Unterkapiteln besteht. „Angemeldet habe ich mich am 20. März 2020“, sprudelt es aus dem Vorsitzenden der Schachfreunde Dettingen heraus, während er sich eine Statistik nach der anderen zu selbst gespielten Partien anzeigen lässt. Das Datum ist kein Zufall. „Wir als Verein haben schnell gemerkt, dass während der Corona-Zeit und den Lockdowns wohl kein vernünftiger Trainingsbetrieb zustande kommen wird. So haben ich und viele Millionen andere Schachspieler die Online-Plattformen für uns entdeckt“, sagt er mit kleinem Schmunzeln. Digital boomt der Schachsport global, die Nutzerzahlen explodieren, liegen im dreistelligen Millionenbereich – und dennoch ist sich Schmid sicher, dass Schach eine Nischensportart bleiben wird.

Die andere Welt kommt früher

Das digitale, zweite Standbein, das sich der Schachsport zugelegt hat, ist massiv und langlebig, so die Einschätzung des Vorsitzenden. Seit über drei Jahrzehnten spielt er selbst und hat die Trends und Strömungen gut im Blick. „Die Plattformen sind qualitativ richtig gut. Das Angebot richtet sich an jeden Spieler und sein Spielniveau“, so Schmid, der sich auf verschiedenen Plattformen bewegt, „außerdem haben die ganzen Online-Angebote aktiv dazu beigetragen, dass sich eine große Community entwickeln kann.“ Und diese Community hat längst die Sozialen Medien erobert: Schachspieler, darunter auch die Flaggschiffe des Sports wie Magnus Carlsen, Hikaru Nakamura oder Jan Gustaffson (Nationaltrainer der deutschen Herren) posten und streamen live. Turniere, Trainingssessions, Alltag als Großmeister – und die Fans sind weltweit am Start; Hikaru Nakamura  beispielsweise hat auf der Streaming-Plattform Twitch zwei Millionen Anhänger. Darunter eben auch Philipp Schmid aus Dettingen. „Ich glaube, dass diese digitale Welt irgendwann gekommen wäre, in Grundzügen gab es sie auch schon vor Corona. Aber die Pandemie hat diesen Vorgang massiv beschleunigt“, wagt sich Schmid an eine Analyse.

Und ein solcher Zuwachs an Nutzern lässt sich nicht nur damit erklären, dass bereits aktive Spieler online die Pandemie überbrückten, ist sich Schmid sicher. Es sind viele neue Schach-Fans dazugekommen, denn „vielen Menschen ist das eigentliche Hobby weggebrochen, und sie haben sich Alternativen gesucht“. Zudem sei das spielerische Erlebnis im Vergleich zum Spiel am Brett doch um einige Varianten reicher. „Ich hab' diese Spielereien schon auch ausgetestet, aber manche Varianten funktionieren echt nur im Internet. Und mir, als klassischem Spieler, wiederum fehlt es, meinen Gegner zu sehen“, so Schmid. Die würden auch nicht so leicht betrügen können, wie es bei Online-Turnieren der Fall sei. Da ist es inzwischen verpflichtend, dass wenigstens zwei Kameras einen Spieler aus verschiedenen Winkeln abfilmen. „Die ganze Aufmachung, gerade auch im Fernsehen, ist so professionell, wie wir es von anderen Sportarten kennen“, macht Schmid deutlich – und beharrt dennoch darauf, dass der Trend nichts am Nischen-Dasein des Strategiespiels verändern wird.

Ein Trend, der die Nische aber nicht verlassen kann

Dafür sprechen aus seiner Sicht gleich mehrere Faktoren: Ja, Nakamura habe zwei Millionen treue Fans, aber es sei falsch, daraus abzuleiten, dass Schach ein klassischer Zuschau-Sport ist. „Die Regeln sind kompliziert. Ich muss schon verinnerlicht haben, wie Figuren fahren dürfen, sonst versteh’ ich nicht, was passiert“, geht Schmid in die Analyse, „und darüber hinaus, ist es auch für erfahrene Spieler nicht leicht zu beurteilen, ob eine Partie gut, schlecht, spannend und so weiter ist.“ Auf der Basis dieser Eindrücke und dieses Wissens entscheidet sich aber, ob eine Person noch ein Mal einschalten würde oder nicht. Schach als Massenkonsumgut wie Fußball oder Handball ist für Schmid ein schwer vorstellbares Szenario, wie er unumwunden zugibt. Daher würden sich auch kaum die großen Namen des Sportsponsorings im Schach wiederfinden.

Schach erstmals beim E-Sports World Cup 2025

Der Online-Hype um Schach fand laut Philipp Schmid seinen vorläufigen Höhepunkt darin, dass Magnus Carlsen und die Plattform chess.com erfolgreich darauf hinwirken konnten, dass die Sportart beim E-Sports World Cup 2025 vertreten war. Das ist das größte Gaming- und E-Sports-Festival der Welt. Die teilnehmenden Schachspieler kämpften um ein Preisgeld von 1,5 Millionen US-Dollar. „Die Aufnahme von Schach in den E-Sports World Cup steht im Einklang mit der Mission des Turniers, die beliebtesten Spiele der Welt unter einem Banner zu vereinen“, hieß es in der Mitteilung der Plattform chess.com.

„Corona ist überhaupt kein Thema mehr, die Menschen könnten wieder ans Brett“, stellt Schmid nachdenklich fest, doch diese Bewegungsrichtung könne er nicht feststellen. Ein Mitglied der SF Dettingen hätte online seine Liebe für den Sport wiedergefunden und sei in den Verein zurückgekehrt. „Der hat aber am Brett gelernt und dann zeitweise online gespielt“, macht der Familienvater deutlich, „ich habe es bislang aber noch nicht erlebt, dass jemand online anfängt und sich dann einen lokalen Verein sucht und dort anfängt.“ Trotz des Booms hätte sich an den Mechanismen der Mitgliedergewinnung nichts verändert. Online etwas Neues anzufangen, sei mit geringeren Hemmschwellen verbunden, so die Beobachtung Schmids. Die meisten Neulinge kommen zu dem Spiel, wie es auch bei Schmid der Fall, war, nämlich „über Mundpropaganda von Familie und Freunden.“  Im vergangenen Jahr gelang es den SF Dettingen ihre Jugendabteilung neu aufleben zu lassen, 14 Kinder und Jugendliche kommen regelmäßig ins Training. Der Stolz darauf ist nicht zu übersehen, aber „es gibt eben im Schach zwei Welten und die dürfen wir nicht miteinander verwechseln.“