7.45 Uhr: Die Dettinger Aldi-Filiale öffnet nach dem Umbau wieder ihre Pforten. Schon 15 Minuten bevor es so weit ist, hat sich eine große Menschenmenge versammelt. Das wäre ja durchaus in Ordnung und von dem Discounter bestimmt so gewollt. Würden wir in normalen Zeiten leben. Das tun wir aber nicht.

Derzeit unternimmt Deutschland jegliche Anstrengung, um den Verlauf des Corona-Virus zu verlangsamen. Veranstaltungen sind abgesagt, der Einzelhandel ist in großen Teilen geschlossen, das soziale Leben wird eingeschränkt so weit es nur geht, die wirtschaftlichen Schäden sind nicht absehbar.

Mit Schal und Handschuhen

Erst am Vorabend  hat die Kanzlerin in einer Ansprache betont, dass jeder einzelne mitmachen muss, wenn diese Krise gemeistert werden soll. Umso fassungsloser machen die Szenen, die sich vor Aldi abspielen.

Kommentar Anja Weiß über den Ansturm auf Aldi Die pure Unvernunft

Dettingen

Zwei- bis dreihundert Menschen

Je näher der Uhrzeiger der acht rückt, umso mehr Käufer werden es. Großeltern mit Enkeln, Rentner, Mütter mit ihren Kindern: Dicht an dicht stehen sie vor der Eingangstür. Mindestabstand? Davon haben sie anscheinend noch nichts gehört. Wobei: Manche tragen Handschuhe und haben sich Schals um den Hals geschlungen, ihnen ist also durchaus bewusst, dass ihr Tun eine Gefahr für sich und andere ist. Abhalten vom Einkaufen tut das aber kaum jemanden. Es sind bestimmt zwei- bis dreihundert Menschen.

Nur vereinzelt drehen die Leute wieder um. „Das ist ja Wahnsinn“, sagt eine Dame mit Blick auf die Schlange und steigt schnell wieder in ihr Auto. „Da komme ich lieber morgen wieder.“ Die meisten aber harren aus. Vor der Tür stehen Securitys, es darf immer nur eine gewisse Anzahl von Menschen hinein. Das sorgt dafür, dass im Geschäft selbst weniger los ist, aber die Menschentraube davor rückt immer dichter zusammen. Von einigen Waren darf auch nur eine bestimmte Anzahl gekauft werden. Allem voran: Klopapier. Zwei Packungen pro Kunde sind erlaubt, die meisten nehmen auch so viel mit. Für viele ist das Klopapier der Grund, warum sie gekommen sind. „Ich habe vor zwei Wochen zum letzten Mal welches bekommen und das ist jetzt fast aus“, erklärt eine Frau fast entschuldigend. Dass sie mit über 70 Jahren zur Risikogruppe gehört, scheint sie nicht zu interessieren. Da ist das Klopapier doch wichtiger als die Gesundheit. Ein weiterer Grund sind die Eröffnungsangebote des Discounters, die anlocken: Fünf Euro Rabatt für jeden Einkauf über 40 Euro. Ob es das wirklich wert ist?

Ansturm bei Aldi-Wiedereröffnung

Bildergalerie Ansturm bei Aldi-Wiedereröffnung

Andere Dinge, die besonders gefragt sind, sind Nudeln, Reis oder H-Milch. Auch sie werden nur in haushaltsüblichen Mengen abgegeben. Dabei betont der Handel immer wieder, dass genügend Waren vorhanden sind, Hamsterkäufe  sind komplett unnötig. Wenn jeder nur das kaufen würde, was er braucht, gäbe es keinen Mangel. Doch die Hysterie ist leider oft größer als die Vernunft.

Wobei es auch etliche gibt, die sich empören. Es gehen E-Mails in der Redaktion ein, mit Fotos der Menschenschlange und ratlosen Kommentaren dazu. „Ich bin fassungslos“, schreibt ein Leser, „was, bitte ist Corona?“ ein anderer. Vor allem mit den Verkäuferinnen haben etliche Mitleid, die neben dem Stress auch mit der Gefahr einer Ansteckung leben müssen.

Klopapier das neue Gold

Und wenn es nicht so traurig wäre, könnte man meinen, es ist ein Witz: Im Real nebenan war an diesem Morgen überhaupt nichts los. Die paar vereinzelten Kunden, die herauskamen, hatten fast alle ein Produkt in der Hand: Klopapier.