Mehrwert-Tour der SÜDWEST PRESSE
: Die Kelten im Heidengraben waren eine Handelsmacht

Feinster Wein in Amphoren aus Pompeji: Auf der Albhochfläche zwischen Hülben, Erkenbrechtsweiler und Grabenstetten befand sich die größte keltische Siedlung auf dem europäischen Festland – nach knapp 50 Jahren war diese allerdings verschwunden.
Von
Philipp Steyer-Ege
Erkenbrechtsweiler
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Das Heidengrabenzentrum ist architektonisch einem Grabhügel nachempfunden und von der Rückseite aus kaum als solches erkennbar.

Das Heidengrabenzentrum ist architektonisch einem Grabhügel nachempfunden und von der Rückseite aus kaum als solches erkennbar. Museumsleiterin Tanja Breitenbücher führt die Leser der SÜDWEST PRESSE durch den Nachmittag.

Thomas Kiehl
  • Mehrwert-Tour im Heidengrabenzentrum: 40 Leser bekamen exklusive Führungen.
  • Interaktives Museum seit 2024 offen; Rundgang innen und über Kelten-Erlebnispfad.
  • Heidengraben: größte keltische Siedlung auf Festland; nach knapp 50 Jahren weg.
  • Funde belegen Handel: Vesuv-Gestein, mind. 300 Weinamphoren aus Pompeji.
  • Wall als Herrschaftssymbol; Modelle, Hörspiele, Anfass-Exponate, geplante App-Panoramasicht.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Von den Kelten ist wenig überliefert, erklärt Tanja Breitenbücher, Geschäftsführerin des Heidengrabenzentrums, zu Beginn der SÜDWEST PRESSE Mehrwert-Tour. Zumindest in schriftlicher Form, denn in ihrer Kultur war es nicht üblich, Dinge schriftlich festzuhalten, mit Ausnahme einzelner Gravuren in Besitztümern. „Schrift ist das, was uns in einer christlich geprägten Gesellschaft zugrunde liegt. Wir müssen aber aufpassen, unsere Sicht auf die Dinge nicht auf andere Kulturen zu projizieren“, warnt sie. Eine Warnung, die die Historikerin bei der Führung mehrfach wiederholt: Man bewerte Gesellschaften schließlich unterbewusst immer nach dem eigenen, vertrauten Modell.

Das Modell der Mehrwert-Touren hingegen hat sich bei den Lesern der SÜDWEST PRESSE in den vergangenen Jahren als beliebt herausgestellt: Auch am Dienstag wurden wieder 40 Leserinnen und Leser eingeladen, dieses Mal zu einer exklusiven Führung im Heidengrabenzentrum. In zwei Gruppen führten Kirsten Brockhoff und Tanja Breitenbücher durch das 2024 eröffnete interaktive Museum im Neubau und draußen über den Kelten-Erlebnisspfad und das ehemalige Oppidum, mit den wieder aufgeschütteten Grabhügeln und den elf Kilometern der Wall-Reste.

Was sind die Mehrwert-Touren?

Die Mehrwert-Touren der SÜDWEST PRESSE Neckar-Alb laden Abonnentinnen und Abonnenten seit 2018 zu besonderen Erlebnissen in der Region Neckar-Alb ein – von Betrieben bis Kulturstätten: Die Leser bekommen oft Einblicke, die der Öffentlichkeit sonst unzugänglich bleiben. Diese werden seit 2020 in Kooperation mit der Tourismusgemeinschaft Mythos Schwäbische Alb ausgewählt. Ziel ist es, Nähe zu schaffen: zur Region, zu den Menschen und zur Zeitung.

Die Ausstellung regt die Vorstellungskraft an

Die Führungen ergänzen sich und sind durch Hörspiele gut verständlich: Innen wird durch Animationen, Darstellungen und ein Inventar zum Anfassen die Fläche draußen in Kontext gesetzt, von der in den vergangenen 2000 Jahren nicht allzu viel überdauert hat. „Die Kelten haben sehr viel Holz und Naturmaterialien verwendet, wir Historiker graben deshalb nach Löchern“, scherzt Breitenbücher. Damit meint sie etwa die symmetrisch angeordneten Löcher von Holzpfosten, auf denen Hütten befestigt wurden. „Wir haben hier leider kein Pompeji aus Stein, durch das man spazieren kann“, bedauert sie. Selbst beim zusammengestürzten Wall um das 1700 Hektar große Areal könne man hauptsächlich Steine und Löcher ausgraben. Anders sieht es bei den Grabhügeln aus – dort wurden unter anderem Prunkwägen gefunden, Ochsenkarren, mit denen Händler und Handwerker ihre Dienste anboten.

Der Prunkwagen aus dem Hügelgrab wurde in Handarbeit nachgedrechselt. Bei Beerdigungen wurden die Räder abmontiert und die Schnürsenkel des Verstorbenen zusammengebunden, um ein Wiederkehren zu verhindern.

Der Prunkwagen aus dem Hügelgrab wurde in Handarbeit nachgedrechselt. Bei Beerdigungen wurden die Räder abmontiert und die Schnürsenkel des Verstorbenen zusammengebunden, um ein Wiederkehren zu verhindern.

Thomas Kiehl

Das Oppidum, die befestigte Siedlung, entstand in der Latènezeit (450 vor Christus). Die Nekropole des Grabhügelfelds sei älter und stamme aus der Hallstattzeit (800 vor Christus), wurde damals als Kulturstätte aber in die Siedlung integriert und genutzt.

Bei der Bezeichnung „Kelten“ handle es sich um eine Fremdbezeichnung und einen Sammelbegriff: „Da muss man aufpassen. Das war keine geschlossene Gesellschaft, sondern eher stammartig über einen großen Zeitraum mit jeweils unterschiedlichen Beziehungen zueinander“, betont die Expertin. „Nach nur knapp 50 Jahren war die Siedlung Heidengraben bereits verschwunden. Experten vermuten eine Erschütterung des Handelsnetzes und einen Stopp des Warenverkehrs durch Armutsmigration, kriegerische Reitervölker und Cäsar“, erklärt die Museumsleiterin.

Am Kelten-Erlebnispfad kann man Modelle  Zangentore des Walls begutachten wurden zwar wieder aufgeschüttet.

Am Kelten-Erlebnispfad kann man Modelle der Zangentore des Walls begutachten und zwischen den aufgeschütteten Grabhügeln spazieren. Hörspiele an bestimmten Stationen regen dabei die Vorstellungskraft an.

Thomas Kiehl

Denn Kelten seien lange nicht so barbarisch und hinterwäldlerisch gewesen, wie viele Quellen glauben machen wollen, weiß Breitenbücher. Hauptsächlich seien für den negativen Ruf Fremdquellen verantwortlich, wie Cäsar, der sich durch Eroberungen beweisen wollte und in dessen Interesse es lag, ein starkes Feindbild zu festigen. Außerdem seien aus heutiger Sicht morbide Praktiken in ihrer Kultur möglicherweise mit gänzlich anderer Intention praktiziert worden. Man müsse unterscheiden: Ein Schädel auf einem Torbogen könne sowohl eine Warnung sein als auch eine Ehre.

Eine echte Handelsmacht

„Hier im Heidengraben ist der Nabel des damaligen Handels gewesen, der den Osten und Westen verbunden hat“, weiß sie. Anhand von Scherbenfragmenten konnte hier Vulkangestein aus dem Vesuv nachgewiesen werden. Mindestens 300 Weinamphoren aus dem Süden, aus Pompeji, wurden hier gelagert. Die tatsächliche Zahl muss bedeutend größer gewesen sein, mutmaßt Breitenbücher.

Der Wall, der die Siedlung umschloss, war nicht zwangsläufig kriegerischer Natur, so die Expertin. „Er war ein Herrschaftssymbol und bedeutete: Hier ist unser Land, es gilt unser Geld, und wenn ihr Handel betreiben wollt, seid ihr hier sicher.“

Anfassen ausdrücklich erwünscht: Die Repliken, die Tonscherben nachempfunden wurden, zeugen von der Handelskraft der Kelten. Im Museum sind sie aus Plastik, damit auch Kinder sie ohne Probleme begutachten können.

Anfassen ausdrücklich erwünscht: Die Repliken, die Tonscherben nachempfunden wurden, zeugen von der Handelskraft der Kelten. Im Museum sind sie aus Plastik, damit auch Kinder sie ohne Probleme begutachten können.

Thomas Kiehl

Die damalige Gesellschaft sei sogar bürokratischer gewesen, als man meinen könnte: „Ein Straßennetzwerk will instand gehalten werden. Ochsenkarren fahren schließlich nicht durch den Matsch“, betont die Expertin. An dem elf Kilometer langen Wall um das Oppidum Heidengraben, das größte auf dem europäischen Festland, könne man sogar individuelle Mauerabschnitte differenzieren, die sich leicht unterscheiden. „Es gab also Bauleiter, die beauftragt wurden und gemeinsam ein größeres Projekt überwachten.“ Eine Demokratie war es damals allerdings nicht, genauso wenig wie es sich bei der Siedlung um eine Stadt handelte, so Breitenbücher.

Ein Erklärvideo auf einer Höhenkarte ordnet die Albfläche zwischen Erkenbrechtsweiler, Hülben und Grabenstetten in den damaligen Kontext als Nabel des Handels ein.

Ein Erklärvideo auf einer Höhenkarte ordnet die Albfläche zwischen Erkenbrechtsweiler, Hülben und Grabenstetten in den damaligen Kontext als Nabel des Handels ein.

Thomas Kiehl

„Selbst wenn ihr Reichtum von kurzer Dauer war, Geschichte darf man nicht bedauern. Es geht darum, Strukturen sichtbar zu machen“, betont sie. Die Menschheitsgeschichte sei wie einzelne Seifenblasen. Nur gemeinsam erzählen sie eine zusammenhängende Geschichte. Die Aufgabe des Museums sei es, Neugier zu wecken – und das schafft das Heidengrabenzentrum, selbst bei den Jüngsten. Bald soll der Aussichtsturm, von dem aus man auf das Areal blicken kann, um eine appgestützte Panoramasicht erweitert werden, die das heutige Areal in den historischen Kontext von vor 2000 Jahren setzt.