Abitur 2021
: War das Mathe-Abi in Baden-Württemberg zu schwierig?

Die Abiturprüfung im Fach Mathematik wird alljährlich emotional diskutiert. Schüler reichen Petitionen ein, die Kultusverwaltungen wehren sich gegen den Vorwurf unangemessener Aufgaben. Was ist in Baden-Württemberg dran?
Von
Nicole Wieden
Kreis Reutlingen
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„Es war von vorne herein klar, dass es keinen Corona-Bonus geben würde, sondern ein vollwertiges Abitur. Das Kultusministerium hat aber durchaus Stellschrauben geboten, um die Bedingungen durch Corona zu berücksichtigen“, so die Schulleiterin des Gymnasiums in Bad Urach.

Armin Weigel
  • Mathe-Abitur 2021 in Baden-Württemberg sorgt für Diskussionen über Schwierigkeitsgrad der Aufgaben.
  • Schüler kritisieren anspruchsvolle Aufgaben, besonders zur vektoriellen Beweisführung.
  • Kultusministerium verlängerte Bearbeitungszeit und ließ gewisse Themen streichen.
  • Keine Aufgaben aus dem bundesweiten IQB-Pool, stattdessen eigenständig entwickelt.
  • Vorwürfe werden vom Kultusministerium überprüft, um unangemessene Schwierigkeiten auszuschließen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Diskussionen über den Schweregrad der Abschlussprüfung im Fach Mathematik sind ein wiederkehrendes – ja mittlerweile jährliches Phänomen. Unter dem Eindruck einer coronabedingt erschwerten Vorbereitungsphase klagten 2020 über 5000 baden-württembergische Abiturienten mittels Petition über eine zu anspruchsvolle Prüfung, insbesondere in der Analysis. Tenor der damaligen Unterschriftensammlung: Zu schwer unter Berücksichtigung der gegebenen Zeit, und deutlich schwerer als das Abitur 2019. Ausgerechnet 2019 aber hatten sich tausende Schüler, davon stolze 50 000 aus Bayern, sogar bundesweit über unangemessen schwierige Aufgaben vor allem in der Geometrie und Stochastik beschwert.

Keine Petition, aber dennoch Beschwerden

Klagen via Petition über die baden-württembergische Mathematikprüfung an Gymnasien lassen sich lückenlos bis 2016 zurückverfolgen. In diesem Jahr sind es Schüler aus Nordrhein-Westfalen und Sachsen, die aufgrund „unverschämt“ schwerer Aufgaben eine berücksichtigende Bewertung verlangen. Während in Baden-Württemberg aktuell keine Petition im Umlauf ist, machen im Landkreis Reutlingen erste Schülerstimmen die Runde, die insbesondere im Prüfungsbereich zur vektoriellen Beweisführung allzu schwierige Aufgaben monieren: „Davon waren wir sehr überrascht. Das Thema steht im Lehrplan, aber vor uns war das bei keinem Jahrgang der Fall“, kommentiert einer der 97 baldigen Absolventen des Graf-Eberhard-Gymnasiums in Bad Urach (GEG). Aus diesem Grund, und auch weil das Themenfeld vergleichsweise äußerst oberflächlich behandelt worden sei, habe man die betreffenden Aufgaben weder erwartet noch lösen können. Über mangelnde Vorbereitung in eben diesem Prüfungsbereich klagen auch Schüler anderer Gymnasien in der Region.

Erster Leistungskurs seit Jahren

Sorge über schlechtere Startbedingungen hegte der aktuelle Abitur-Jahrgang ebenso wie jener des Vorjahres, weshalb das baden-württembergische Kultusministerium Lehrern 2021 gewährte, Aufgaben in geringfügigem Umfang zu streichen, und damit unbehandelten Stoff auszuklammern. Für die Lösung der Aufgaben hatten die Schüler statt viereinhalb diesmal fünf Stunden Zeit.

Der zitierte Schüler gehört zu den 36 jungen Erwachsenen am GEG, die Mathematik als Leistungsfach gewählt haben, demnach fünfstündig pro Woche unterrichtet werden und für das Erlangen der Hochschulreife eine schriftliche Prüfung ablegen müssen. Wer dagegen den dreistündigen Grundkurs besucht, wird erst im Juli einer zwanzigminütigen mündlichen Prüfung unterzogen. Es handelt sich um die erstmalige Trennung zwischen Grund- und Leistungskurs nach Jahren des gemeinsamen Unterrichts: „Vor der Reform im letzten Jahr mussten alle Schüler in jedem Fall eine schriftliche Mathe-Prüfung ablegen. Das war fast auf Leistungsfach-Niveau, und für manche entsprechend eine Qual“, so die Schulleiterin des GEG, Susanne Müller. Ein erhöhtes Prüfungsniveau für den Leistungskurs sei in gewissem Maße also vertretbar. „Es war von vorne herein klar, dass es keinen Corona-Bonus geben würde, sondern ein vollwertiges Abitur. Das Kultusministerium hat aber durchaus Stellschrauben geboten, um die Bedingungen durch Corona zu berücksichtigen“, so Müller weiter.

Wie wird die Mathematik-Prüfung erstellt?

Im Kultusministerium ist man überzeugt, die Schüler vor keine größere Herausforderung gestellt zu haben als in früheren Jahren. Üblicherweise setzt sich die Abiturprüfung aus Aufgaben eines bundesweiten Pools des IQB (Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) an der Humboldt-Universität zusammen. Durch dieses Vorgehen soll der Schulabschluss auf Bundesebene vergleichbarer werden, obschon einige Prüfungsbereiche weiterhin länderspezifisch sind. Da Baden-Württemberg die Abiturprüfungen in diesem Jahr nach hinten verschoben hat, stammt in der jüngsten Mathematikprüfung keine der Aufgaben aus diesem Pool. Sie wurden stattdessen eigens entwickelt, wobei Voraussetzung für die beteiligten Fachlehrkräfte eine mehrjährige Unterrichtserfahrung in der Kursstufe war. „Das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg hat die Aufgaben im Auftrag des Kultusministeriums vor dem Hintergrund der Corona-Krise nochmals intensiv geprüft, um sicherzustellen, dass sie keine unangemessenen Schwierigkeiten enthalten“, so Benedikt Reinhard, ein Sprecher des Ministeriums. Die vorgebrachte Kritik werde man sorgfältig prüfen.