Kretschmann in Metzingen
: Die Antwort auf den Lehrer, der mehr verdienen möchte

Beim Bürgerempfang erleben mehrere hundert Gäste einen gutgelaunten Ministerpräsidenten. Er wird der Politik fehlen so wie Thomas Müller dem Fußball.
Kommentar von
Peter Kiedaisch
Metzingen
Jetzt in der App anhören
Ministerpräsident Winfried Kretschmann Besuch Landkreis Reutlingen Stadthalle Metzingen

Ministerpräsident Winfried Kretschmann während des Bürgerempfangs in der Stadthalle Metzingen.

Thomas Kiehl

Winfried Kretschmann kann es noch. Der Ministerpräsident war am Donnerstag zu Besuch im Landkreis Reutlingen. Abends stellte er sich in der Metzinger Stadthalle mehreren hundert Einwohnern dieses Landkreises. Zum Bürgerempfang mit Fragerunde. Es gab dann auch ein paar Fragen. Was man halt einen Ministerpräsidenten so fragt in einer vollbesetzten Halle.

A 12 ist nicht genug

Ein Grundschullehrer wollte wissen, wann er, der Grundschullehrer, endlich nicht mehr nach A 12 besoldet werde, sondern nach A 13, wie es in einem anderen Bundesland längst praktiziert würde. „Ja, wann, wir wollen es auch wissen“, rief die dadurch wie entfesselt von ihren Stühlen aufspringende Menge. Nein, das rief sie natürlich nicht, und sie blieb auch brav sitzen. In Wirklichkeit verhielt sie sich höflich distanziert und freute sich wohl insgeheim über die Antwort Kretschmanns. Der retournierte sinngemäß, dass das Land nicht im Geld schwimme und es drängendere Probleme gebe.

Gut, dass Kretschmann, der ja selbst Lehrer war, das gesagt hat. Man kann ihm schlecht vorwerfen, nichts von Schule im Speziellen und Bildung im Allgemeinen zu verstehen. Thema abgehakt, fast jedenfalls. Denn der Neugierde wegen: Was verdient denn ein Grundschullehrer mit A-12-Einstufung? Das ist ganz einfach: Weniger als Thomas Müller, der am Wochenende letztmals ein Heimspiel für Bayern München bestreitet. Aber mehr als ein Assistenzarzt, jedenfalls verglichen mit dem Nettolohn. Ist das gerecht? Tja, soll sich jeder selbst fragen. Vielleicht haben Assistenzärzte ja dafür weniger Stress. Denn auch eine 24-Stunden-Schicht endet einmal. Winfried Kretschmann ist ja, genauso wie Müller, auf seiner Abschiedstour. Beide haben übrigens etwas gemeinsam: Sie haben nicht nur in den eigenen Reihen ihre Fans.

Was Kretschmann aber als Politiker so wertvoll macht, ist seine untadelige Ehrlichkeit. Es geht ihm nicht ums Prinzip, sondern um die Sache. Natürlich hat er seine Schwerpunkte, er ist schließlich Grünen-Politiker der ersten Stunde. Klimaschutz, das ist das Thema. Und die Frage, ob am Ziel festgehalten werde, dass das Land bis 2040 klimaneutral sein soll, sagt er ganz klar ja. Die Frage nach dem Klimaschutz, manche fühlen sich von ihr bisweilen genervt, aber diese Frage ist legitim. Und sie hat nichts mit Einzelinteressen zu tun. Er wird fehlen, auf eine ähnliche Art wie Thomas Müller. Beide finden Wege, wo es eigentlich keine gibt. Müller im Gewirr vielbeiniger Abwehrreihen. Kretschmann im Dschungel schwäbischer Sätze, die immer wieder auf verschlungenen Pfaden ins Herz treffen.