Süchtige und psychisch kranke Eltern
: Wenn Kinder viel zu früh erwachsen werden müssen

Sie übernehmen Verantwortung, bevor sie überhaupt verstehen, was geschieht. Kinder süchtiger oder psychisch kranker Eltern leben oft im Verborgenen – der Verein Menschenkinder will das ändern.
Von
Peter Kiedaisch
Metzingen
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Alkohol kann Leben zerstören, auch das von Kindern, die bereits im Grundschulalter Verantwortung für suchtkranke Eltern übernehmen müssen.

Alkohol kann Leben zerstören, auch das von Kindern, die bereits im Grundschulalter Verantwortung für suchtkranke Eltern übernehmen müssen.

ChatGPT/KI-generiert
  • Verein Menschenkinder eröffnet im September eine Kindergruppe in Metzingen.
  • Er unterstützt Kinder aus Familien mit Sucht oder psychischer Erkrankung seit mehr als 30 Jahren.
  • Der Bedarf ist groß – sechs Kindergruppen und eine Jugendgruppe bestehen bereits.
  • Finanzierung erfolgt ausschließlich über Spenden, wie der Verein betont.
  • Problem bleibt verborgen: Kinder übernehmen früh Verantwortung und sprechen selten darüber.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es wäre schön, könnte die kleine Emma ihrer Schulfreundin Claire nach dem Unterricht an der Kreuzung, wo sich die Nachhausewege trennen, mehr sagen als „mach's gut, bis morgen.“ Es wäre schön, sie könnte Claire zu sich einladen oder sich mit ihr wenigstens für den Nachmittag verabreden, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Emma ist acht Jahre alt. Alt genug, um am Ende aller Illusionen angekommen zu sein.

Emma weiß, wie der Tag verlaufen wird, denn all ihre Tage sind gleich. Sie wird nach Hause kommen, den Vater in der Unterhose schlafend auf dem Sofa im Wohnzimmer vorfinden. An schlimmen Tagen stellt er sich einen Eimer vor das Sofa, wenn ihm schlecht ist, wie er dann sagt. Schlecht ist ihm, wenn er noch mehr getrunken hat als üblich. Wenn zum Bier der Schnaps kommt.

Emmas Mutter ist zu dieser Zeit noch in der Arbeit. Sie macht Überstunden, um die Familie durchzubringen. Sie kommt spät heim. Emma hat noch einen kleinen Bruder, der geht in die Kita und begreift nur wenig von dem, was in der Familie passiert. Aber er weiß, dass er nicht darüber reden soll. Und dass er keine Freunde zum Spielen mitbringen darf.

Das Kind versorgt das kleinere Kind

Emma bereitet für ihn das Mittagessen zu. Das, was sie mit acht schon kann. Brote schmieren, Tiefkühlpizza in den Ofen schieben. Morgens weckt sie den Bruder, putzt mit ihm die Zähne, richtet ihn für die Kita, gibt ihm ein Kakaogetränk, das sie aus warmer Milch und Instantpulver zusammenrührt, und ein Stück Marmeladebrot. Dann bringt sie ihn in die Kita, atmet kurz durch und geht selbst in die Schule.

Arlette Zappi engagiert sich im Verein Menschenkinder.

Arlette Zappi engagiert sich im Verein Menschenkinder.

Peter Kiedaisch

Emma ist ein Pseudonym. Der Name steht für viele Kinder im Landkreis, denen es so geht. Emmas Geschichte allerdings ist nicht frei erfunden. Wir haben sie im Zusammenhang mit einer Weihnachtsaktion unserer Zeitung aus dem Jahr 2018 geschildert.

Damals sammelten wir 15.000 Euro für Kinder, deren Eltern psychisch krank sind. Eltern, die oftmals nach außen hin den Schein eines heilen Familienidylls wahren. Was man sich unter „psychisch krank“ vorstellen muss, ist so vielfältig, dass eine bloße Aufzählung dieser Erkrankungen ermüdend wäre. Alkoholismus, Drogensucht, Depressionen, Borderline, Schizophrenie: Es gibt viele unterschiedliche Facetten, die das Leben der Kinder von betroffenen Eltern belasten.

Über den Verein

Der Verein Menschenkinder ist ein rein spendenfinanzierter Förderverein mit Sitz in Reutlingen. Seit mehr als 30 Jahren unterstützt der Verein Kinder und Jugendliche aus Familien mit Suchtbelastung oder psychischer Erkrankung eines Elternteils – durch Gruppenangebote, Einzelbegleitung, Schulprävention und Öffentlichkeitsarbeit. Zu erreichen per Telefon:  0178 1861233, oder per E-Mail: hallo@wir-menschenkinder.de.

Der Verein hat ein Spendenkonto:
Volksbank Reutlingen IBAN DE82 6039 0000 0797 5170 06 GENODES1BBV
Kreissparkasse Reutlingen IBAN: DE09 64050000 0000 572239 BIC: SOLADES1REU

Erstmals hat sich im Kreis Reutlingen der Verein „Vergessene Kinder“ um diese Schicksale gekümmert. Gegründet wurde er 1995, entstanden war er aus der Sucht- und Jugendhilfe Reutlingen. Den Verein gibt es nicht mehr, doch einen würdigen Nachfolger, der im September in Metzingen eine Kindergruppe eröffnen wird. Der Verein nennt sich Menschenkinder und ist in den Landkreisen Reutlingen und Tübingen tätig. Er gehört zu den 25 sozialen Initiativen aus ganz Deutschland, die nach einem mehrmonatigen Beratungs- und Auswahlprozess für ihr gesellschaftliches Engagement im Bundeskanzleramt in Berlin ausgezeichnet wurden. Das war im Juni. „Das Wertvollste daran ist die Überzeugung, dass wir weit über die Landkreise hinaus wirken können“, sagt die Vereinsvorsitzende Sabrina Pommranz.

Das ist die positive Nachricht, aber noch gibt es für den Verein genügend zu tun, wie Arlette Zappi betont. Sie ist Vorstandsmitglied und hält mit der schlechten Nachricht nicht hinterm Berg: „Es ist traurig, dass die Hilfesysteme die Kinder der Betroffenen nicht mitdenken.“ Ob in der Psychiatrie oder in der Suchtberatung: In der Anamnese werden Patienten zwar danach abgefragt, ob sie Kinder haben, „aber es entsteht keine Konsequenz daraus“, klagt sie.

Die Aufgabe des Vereins Menschenkinder ist deswegen ebenso notwendig, wie sie theoretisch schnell erledigt sein könnte: „Wir können unsere Arbeit einstellen, sobald die Gesellschaft versteht, dass Sucht und psychische Erkrankung Krankheiten sind wie andere auch.“ Dann nämlich wären die Kinder in der Lage, über ihre Probleme mit anderen zu sprechen. In der Schule etwa oder im Freundeskreis.

Kinder ohne Kindheit sind die Folge

Die Wirklichkeit aber sieht anders aus. Das Leiden und die damit verbundenen Schmerzen sind verborgen hinter oftmals trügerisch gutbürgerlichen Fassaden. Nach außen hin wird die Haltung gewahrt, die Familie rückt indes noch enger zusammen und fühlt sich als Schicksalsgemeinschaft.

Kinder ohne Kindheit sind die Folge. Kinder, die ohne Glückwünsche der Eltern groß werden, für die die Weihnachtsfeiertage nur Tage wie jeder andere sind, für die Freundschaften nie entstehen dürfen, für die das Erwachsensein begonnen hat, ohne jemals Kind gewesen zu sein.

Der Verein Menschenkinder arbeitet komplett spendenfinanziert. „Der Bedarf ist riesig“, wie Arlette Zappi betont. 2021 gab es nur eine Kindergruppe in Reutlingen, heute sind es sechs (in den Landkreisen Reutlingen und Tübingen), dazu kommt eine Jugendgruppe, im September startet die neue Kindergruppe in Metzingen. Der Auftrag des Vereins ist klar formuliert: „Wir wollen die Welt ein kleines Stück besser machen.“

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