Jugendschutz im Sport: Warum brauchen die Konzepte so lange?

Menschen, die als Trainerinnen und Trainer mit Kindern und Jugendlichen arbeiten wollen, müssen eine verbandsinterne Ausbildung absolvieren.
Robert Michael/dpa- Missbrauchsskandale erschüttern den Sport. Schutzkonzepte gehen nur langsam voran.
- Trainer müssen verbandsinterne Ausbildung absolvieren. Laut WFV müssen Kinder auf 7-10 Erwachsene zugehen, um gehört zu werden.
- Vereine haben keine verpflichtenden Schutzmaßnahmen. Führungszeugnisse werden unterschiedlich gehandhabt.
- WSJ und WFV arbeiten an einem Fünf-Punkte-Plan und belohnen engagierte Vereine mit einem Banner.
- Sportanlagen sollen sicherer gemacht werden; Täter meist durch Machtmotivationen getrieben.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Zahl sieben – sie ist es, die Oliver Deutscher um- und antreibt. „Laut Statistik müssen Kinder, die Opfer eines Missbrauchs geworden sind, auf sieben bis zehn Erwachsene zugehen, bevor ihnen zugehört wird“, erklärt er. „Das ist gruselig“.
Deutscher ist als Abteilungsleiter für gesellschaftliche Verantwortung im Württembergischen Fußball-Verband (WFV) tätig. Das Ziel seiner Arbeit ist klar: Diese Zahl muss kleiner werden. Doch das ist längst nicht so leicht, wie es klingt und wie es trotz vieler Kampagnen und Broschüren erscheint. „Wir bewegen uns in den Sportvereinen im Schneckentempo voran, wenn es darum geht, sich ein Schutzkonzept zu erarbeiten“, stellt Deutscher fest – und kommt bereits auf einen großen Knackpunkt zu sprechen. Verpflichtungen für Vereine in dieser Richtung gibt es nämlich keine. Nicht einmal das Führungszeugnis, das manche Vereine einfordern.
Daher, so die Beobachtung, die der WFV im Verbund mit dem Badischen und Südbadischen Verband gemacht hat, stehen die Vereine auf unterschiedlichen Leveln, gehen verschiedene Wege. „Es geht gar nicht darum, dass der WFV irgendwas will oder nicht, es geht darum zu verstehen, mit welchen Erwartungen Eltern und Sportler sich inzwischen für oder gegen Vereine entscheiden“, legt Deutscher dar. Und die seien in den vergangenen zehn Jahren, so Deutscher, aus verständlichen Gründen immer größer geworden. Vereine, die sich dem Thema zuwenden, verfügen über ein Alleinstellungsmerkmal und fallen damit positiv auf.
Dieser Zeitraum ist mitnichten ein Zufall. Damals seien die ersten Missbrauchsskandale, die medial ihren Ursprung in der katholischen Kirche haben, auf andere Bereiche übergeschwappt – darunter auch der Sport. „Die ersten Fälle haben dann nicht lange auf sich warten lassen“, resümiert der WFV-Verantwortliche, „und wir haben aus dem Stegreif in 21 DFB-Landesverbänden Anlaufstellen eingerichtet.“ Genötigt durch die Eigendynamik, die durch die Vorfälle verstärkt worden sei.
Zudem habe der Verband, in Kooperation der Württembergischen Sportjugend (WSJ), einen Fünf-Punkte-Plan erarbeitet. „Der Fokus darf nicht nur auf einer Sportart liegen, daher war von Anfang an klar, dass alle Sparten eines Vereins mitgenommen werden“, sagt Deutscher. Der Plan sei ein kleiner, überfachlicher Werkzeugkasten an möglichen Selbstverpflichtungen für Vereine. Es gehe um einige Maßnahmen, die vermeintlich schnell umgesetzt und in die Vereinsarbeit aufgenommen werden können. „Ein fertiges Kinderschutzkonzept braucht viel Zeit und viele Freiwillige, das wissen wir auch“, macht Deutscher klar. „Aber es lohnt sich. Die Sportler und Eltern sind beruhigt und potenzielle Täter werden abgeschreckt.“ Daher, so sein Wunsch, müsse man auch davon wegkommen, hinter veranlassten Präventionsmaßnahmen einen Verdachtsmoment zu vermuten. „Die Botschaft hinter dem Führungszeugnis ist nicht, dass eine Person sich rechtfertigen muss, sondern, dass Vereine sensibilisiert sind.“
Hintergründe zur Motivation der Täter
Laut der Broschüre „Kinderschutz im Verein“, herausgegeben durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB), sind nur etwa 40 Prozent der Täter von pädophilen Neigungen angetrieben. Der Großteil der Täter begeht die Tat, um Macht und Kontrolle ausüben zu können.
Der etwas andere Blick auf die Sportanlagen
Mit mehr Aufmerksamkeit sollten auch die Sportanlagen ins Auge gefasst werden, so die Empfehlung des Verbands. „Es ist erstaunlich, worauf die Vereine alles achten können“, sagt der Vater einer turnenden Tochter. „Jeder Weg, jedes Fenster von Funktionsgebäuden, alles sollte überprüft werden. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die für die Kinder schon ein Risiko darstellen können, beispielsweise zu niedrige Fenster.“ Die gemeinsame Begehung der Anlagen sei eine Weiterentwicklung der Kinderschutz-Bemühungen, erst seit ein paar Jahren gebe es diese Empfehlung an Vereine überhaupt.
Ist ein Verein dabei, Personen als Schutzbeauftragte einzusetzen, Schulungen zu besuchen und neue Kinderschutz-Regeln nach außen zu kommunizieren, sei das auch die Gelegenheit, die Sportanlagen selbst sicherer zu machen. Darunter fallen beispielsweise gut und dauerhaft ausgeleuchtete Zugangswege oder blickdichte Fenster.
Banner „Kinderschutzgebiet Sportverein“
Der WSJ belohnt das Engagement der Vereine seit wenigen Jahren mit einem Banner. Dieses wird verliehen und ist als Qualitätsmerkmal, bezogen auf den Kinderschutz, gedacht. Es gibt einige Voraussetzungen zu erfüllen, die der WSJ auf seiner Webseite aufzählt. Hier drei Beispiele: Unterzeichnung der Kinderschutzvereinbarung beim Jugendamt, ein vollständiges Präventions- und Schutzkonzept sowie eine schriftliche Positionierung in der Satzung/Jugendordnung.
Mehr Druck, mehr Wille?
Das Tabu rund um Missbräuche, es werde seinem Gefühl nach, kleiner, sagt Deutscher – dazu tragen schon die sozialen Medien bei. Die Fallzahlen aber gehen hoch, immer mehr Vergehen werden bekannt. Im vergangenen Jahr hätte es im WFV-Zuständigkeitsbereich einige konkrete Fälle gegeben, die auch polizeiliche Ermittlungen nach sich gezogen hätten. „Wir hoffen immer, dass Vereine sich in Fragen des Kinderschutzes untereinander motivieren und austauschen“, sagt Deutscher, „andernfalls braucht es eben doch noch mehr flächendeckende Richtlinien aus der Politik.“ Geld und finanzielle Zuwendungen für Vereine seien ein probates Mittel, um den Druck zu erhöhen und Entwicklungen anzustoßen.
Im Prinzip aber widerspreche ein solches Vorgehen dem, was Oliver Deutscher im Alltag inzwischen erlebt. „Ich würde mir ein höheres Tempo wünschen, ja“, beschreibt er, „aber wissen Sie, was mir Hoffnung macht? Die wachsende Anzahl an Vereinen, die sich bei uns melden und sich für Präventionsmaßnahmen interessieren.“
Gewalt und Übergriffe im Jugendfußball – eine Umfrage
Immer wieder erleben Kinder und Jugendliche Gewalt und Übergriffe durch Fußballtrainer, Vereinsvorstände oder andere Mitarbeitende. Im Fußball gibt es besondere Risikofaktoren für Gewalt und Übergriffe: die Körperlichkeit des Sports, Abhängigkeiten etwa von Trainern und Funktionären, um gefördert zu werden, Leistungsdruck und das Ausreizen eigener Grenzen. Umso wichtiger sind Aufklärung, Prävention und konsequentes Eingreifen zum Schutz aller Beteiligten.
Zusammen mit dem Fußballmagazin 11FREUNDE recherchiert das gemeinnützige Medienhaus Correctiv in den kommenden Monaten zu Gewalt im Jugendfußball. Dafür hat es über diesen Link einen CrowdNewsroom gestartet, in dem Betroffene vertraulich und anonym von ihren Gewalterfahrungen im Jugendfußball berichten können. Der CrowdNewsroom ist eine Art Umfrage.
Die Redaktionen von swp.de und der „SÜDWEST PRESSE“ kooperieren über das Netzwerk „Correctiv.Lokal“ mit dem Recherchezentrum.
Sie haben Gewalt oder Missbrauch im Sport erlebt oder machen sich Sorgen um jemand anderes? Oder Sie haben Angst, selbst zum Täter oder zur Täterin zu werden? An diese Beratungsstellen können Sie sich wenden:
- Ansprechstelle Safe Sport: 0800 11 222 00 (Montag, Mittwoch und Freitag von 10 Uhr bis 12 Uhr und Donnerstag von 15 bis 17 Uhr).
- Anlauf gegen Gewalt: 0800 90 90 444 (Montag, Mittwoch und Freitag von 9 Uhr bis 13 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 16 Uhr bis 20 Uhr).
- Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 (Montag, Mittwoch und Freitag von 9 Uhr bis 14 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 15 Uhr bis 20 Uhr).
- Kein Täter werden

