Hugo Boss AG Metzingen: Mythos Uwe Holy – die Mode-Legende ist jetzt Ökobauer

Metzingens Oberbürgermeisterin Carmen Haberstroh freute sich sichtlich über Uwe Holys Besuch in seiner Heimatstadt.⇥
Thomas KiehlSein waldgrüner Wollschal ist fest im Kragen seines braun-rot gemusterten Sakkos verankert. Darüber legt sich ein heller Wintermantel aus feinstem Tuch, gekrönt wird das Outfit von einer schwarzen Strickmütze, die er über beide Ohren und fast bis zu den Augenbrauen hinuntergezogen hat, um der Dezemberkälte die Stirn bieten zu können. Der Mann ist ein Mythos, eine Legende. Er hat Hugo Boss gemeinsam mit seinem Bruder in den 1970er und 1980er Jahren zu einem Modegiganten, zu einer Marke von Weltformat gemacht – und nun steht Uwe Holy dieser Tage fast schüchtern lächelnd auf dem riesigen Konzern-Areal in Metzingen und ist ein kleines bisschen erstaunt, dass nicht nur ein Sträßlein, sondern gleich eine ganze Allee nach ihm und seinem 2020 verstorbenen Bruder Jochen benannt werden soll. „Eine Ehre, zu der ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen bin“, hat er wenige Minuten zuvor noch einem andächtig lauschenden Publikum anvertraut. Nun ja, Daniel Grieder, der Vorstandsvorsitzende der Hugo Boss AG, sieht das ein wenig anders. Für ihn ist der Name „Holy-Allee“ eine logische Konsequenz, eine Würdigung der Männer, die einen dahinsiechenden Betrieb zu einem international bekannten Unternehmen aufgebaut haben. Wären die Holy-Brüder einst nicht so visionär gewesen, gäbe es die Modefirma wohl längst nicht mehr.
Sein Vermögen wurde auf 300 Millionen Franken geschätzt
Gerade noch war der 83-Jährige in London, jetzt macht er Zwischenstopp in seiner alten Heimatstadt Metzingen, und schon geht es weiter in den Schweizer Nobel-Skiort Klosters. „Ich bin ein Weltreisender“, erzählt Uwe Holy, dessen Vermögen die Thurgauer Zeitung im Jahr 2020 auf 300 Millionen Franken geschätzt hat. Einer von seiner Berühmtheit, sollte man meinen, ist unnahbar, vielleicht auch etwas abgehoben. Doch Uwe Holy ist das Gegenteil. Als die Hugo Boss AG in dieser Woche ihre Campus-Erweiterung (Investitionsvolumen 100 Millionen Euro) zelebriert, da steht der Modedesigner da, als wäre er der nette ältere Herr von nebenan. Immer lächelnd. Von Grund auf sympathisch. Für jeden ansprechbar. Geerdet. Warum er so ist, das hatte er die geladenen Gäste kurz zuvor in einer bewegenden Ansprache hören und mitfühlen lassen.
Am Rednerpult holt den 83-Jährigen die Vergangenheit ein. Er erinnert sich an seine Kindheit, die er dort verbracht hat, wo sich heute die großen Outlet-Stores aneinanderreihen. Die Familie hat im zweiten Stock der alten Fabrik gewohnt, den Großvater, Hugo Boss, hat er noch gut gekannt – „und als Kinder sind wir damals immer im Kanal geschwommen, der ganz braun war.“ Von Umweltschutz habe damals noch keiner gesprochen. Dann ein Zeitsprung. „1967 sind mein Bruder und ich nach München zum Studieren. Wir haben dort Damenkostüme auf Lohnbasis verkauft und sind samstags nach Stuttgart, um bei Breuninger zu jobben.“
Die großelterliche Firma war pleite
Die großelterliche Firma lief zu dem Zeitpunkt extrem schlecht. „Der Betrieb war pleite, ja mehr als pleite.“ Für seinen Vater Eugen habe es nicht mal für eine ordentliche Bezahlung gereicht. Die wirtschaftliche Misere hatte erst ein Ende, als die Söhne von Eugen Holy ans Ruder kamen. „Wir haben damals erstmal im Altbau gewerkelt, wo Militärhosen produziert wurden. Es war eine Katastrophe. Auf was hast du dich da eingelassen?“, habe er sich damals gefragt. Die Lösung des Problems lag für ihn auf der Hand. „Wir müssen gucken, dass wir uns unabhängig machen von den Einzelhändlern“, hat Uwe Holy einst zu seinem Bruder Jochen gesagt, dem er noch heute attestiert, „dass er ein begnadeter PR-Mann war.“ Die Idee, mit Mercedes-Benz zusammenzuarbeiten, war rückblickend genial. Uwe und Jochen Holy sind so an die großen Rennfahrer herangekommen. Sie haben unter anderem Niki Lauda eingekleidet. „Und dann hat mein Bruder auch noch mit Golfen angefangen.“
Jochen Holy hat die Stars des Sports wie Bernhard Langer und Severiano Ballesteros kennengelernt. „Die waren damals stolz, Boss zu tragen und haben nicht viel Geld dafür verlangt. Das ist heute ganz anders.“ Ein weiterer Coup gelang den beiden Schwaben, als sie die Stars der US-Fernsehserie Miami Vice mit ihrer Mode ausstatteten. Das Metzinger Unternehmen war endgültig weltbekannt – und die Sweatshirts mit Boss-Aufdruck hatten da schon längst internationalen Kult-Status erlangt.
Die Erfolgsgeschichte der Brüder war allerdings auch durchsetzt von riesigen Problemen. Sie hatten mit den Folgen diverser politischer Krisen zu kämpfen. Dann, als sie beschlossen, ihre Bekleidung privat selbst zu verkaufen, „kam es zum Aufstand der Einzelhändler in Baden-Württemberg“, an den sich Uwe Holy noch heute bestens erinnert. „Wir waren Pioniere, aber wir hatten kein Geld, um zu investieren.“
Heute hat er 200 Rinder und 2000 Obstbäume
Von mangelndem Geld konnte Jahrzehnte später, als er und sein Bruder durch den Verkauf von Aktienanteilen ihre Mehrheit am Unternehmen verloren hatten, keine Rede mehr sein. Als sich die Brüder 1993 komplett aus der Hugo Boss AG zurückzogen, hatten sie die Umsatz-Milliarde (damals freilich in D-Mark) längst erreicht.
Einer der treuesten beruflichen Wegbegleiter von Uwe Holy ist seit gut 30 Jahren Wolfgang Bauer. Er hat für die Brüder schon bei der Hugo Boss AG gearbeitet und später, in den 1990ern für sie ihr Immobilien-Imperium betreut und geordnet. Gemeinsam mit den Holys, von denen er „unglaublich viel gelernt“ hat, hat Bauer auch die Outletcity aufgebaut. Uwe Holy ist für ihn bis heute „ein faszinierender Unternehmer, der ein großes Gespür für Menschen hat.“ Die beiden sehen sich noch immer regelmäßig – auch, weil Bauer Vorstandsvorsitzender der Outletcity AG ist und Uwe Holy in deren Aufsichtsrat sitzt. Zu den Tagungen, erzählt der Vorstandschef, bringe der 83-Jährige immer zwei Kisten mit Äpfeln alter Sorten mit. Wo Holy das Obst herbekommt? Er baut es selbst an. Der legendäre Modemacher, der inzwischen in Ermatingen im Kanton Thurgau lebt, hält dort 200 Rinder und ist Besitzer von 2000 Obstbäumen. Dieser Tage, als er in Metzingen bei der Hugo Boss AG zu Besuch war, hat er stolz verkündet: „Ja, man kann sagen, dass ich jetzt ein Ökobauer bin.“ Immerhin einer, nachdem in Metzingen eine Allee benannt ist.