Jonah hat seine Harley abgegeben – freiwillig. Der Siebenjährige hatte sein Schaukelmotorrad vor rund fünf Jahren von seinem Großvater Falko Röder geschenkt bekommen. Dieser wiederum ist Vorstand des „Harley-Stammtisch 111“ in Neuhausen. Als Röder seinerzeit nach gesundheitlichen Problemen eine Ruhepause einlegen musste, kam ihm die Idee mit dem Nachbau seiner echten Harley-Davidson für seinen Enkel. „Vier bis sechs Wochen war ich damals schon damit beschäftigt“, erinnert er sich heute.
Inzwischen ist Jonah aus dem Schaukelpferdalter herausgewachsen, sein Großvater durfte das Holzmotorrad daher für den guten Zweck versteigern. Angeboten wurde es über die Instagram-Seite des Stammtisches, der Erlös sollte an „Ermstal hilft“ gehen und damit Menschen in oder aus der Ukraine zu Gute kommen. Den Zuschlag erhielt nach einigen Tagen die SÜDWEST PRESSE Neckar-Alb für 800 Euro. Nun, zur Spenden- und Motorradübergabe, rundete Geschäftsführer Tim Hager die Summe auf 1000 Euro auf.
„Wir freuen uns, diese gute und kreative Aktion unterstützen zu können“, sagte Hager. Und da das Schaukelmotorrad in einem Zeitungsverlag womöglich nicht die verdiente Würdigung beziehungsweise Nutzung erfahren würde, wird es die SWP weitergeben. Künftig wird es im Wartebereich der Kinderstation im Klinikum am Steinenberg in Reutlingen für Ablenkung während der Wartezeiten sorgen.
Der Erlös der Aktion geht wie gesagt an „Ermstal hilft“, seit vergangener Woche sogar ein eingetragener Verein (wir haben berichtet). Die beiden Vereinsvorsitzenden Simon Nowotni und Martin Salzer nahmen den Scheck der SWP persönlich entgegen und berichteten dabei über den aktuellen Stand der aus dem Ermstal kommenden Ukraine-Hilfe.
An diesem Mittwoch wird der bereits zehnte Transport (vier Kleinbusse und ein Lkw) beladen. Am Ostermontag wird er in der Region um Odessa am Schwarzen Meer eintreffen. Die Spenden aus dem Ermstal werden dann in drei Gemeinden verteilt, Simon Nowotni wird dabei persönlich vor Ort sein. Ist es eigentlich derzeit nicht gefährlich, in die Ukraine zu reisen? „Angst habe ich keine, etwas beklemmend ist die Situation aber schon“, sagt er. Er kenne die Gegend sehr gut, dort nun plötzlich Militär und Straßensperren zu erleben, seien ganz neue Eindrücke.
Insgesamt sei die Region um Odessa bislang nur vereinzelt von Raketeneinschlägen betroffen, man müsse aber damit rechnen, dass sich dies noch ändern werde. Speziell von Seeseite aus droht massiver Beschuss, an Land droht eine Einkesslung, wie man sie in diesem Krieg an anderen Orten schon gesehen hat. Speziell für diesen Fall sollen Reserven angelegt werden. „Lang haltbare Lebensmittel“ ist daher einer der ersten Punkte, den Simon Nowotni und Martin Salzer aufzählen, wenn es darum geht, welche Sachspenden derzeit benötigt werden. Dazu kommen Dinge wie Taschenlampen, Powerbanks, Ferngläser, Medikamente oder Erste-Hilfe-Sets. „Die Menschen dort richten sich auf ihre Verteidigung ein“, erzählt Nowotni.
Die Kontakte nach Bessarabien bestehen seit langem und haben sich bewährt. Bürgermeister oder Ärzte von dort wenden sich inzwischen direkt an „Ermstal hilft“. Simon Nowotni zückt sein Smartphone und zeigt eine Liste von Medikamenten und medizinischem Material, das ein Arzt eines Krankenhauses anfordert. „Alleine das Material auf dieser Liste kostet rund 15 000 Euro“, macht Martin Salzer klar, wie wichtig auch die finanzielle Unterstützung der Hilfsmaßnahmen ist. Möglichst viel sollte bis zum heutigen Transport noch beschafft und umgehend in die Ukraine gefahren werden.
Hilfe zu bringen ist das eine, Menschen zu retten das andere. „Wir fahren ganz bewusst immer mit Kleinbussen“, sagt Martin Salzer. Auf dem Rückweg werden dann meist Frauen und Kinder aus der Ukraine im Ermstal in Sicherheit gebracht. Gut 300 haben auf diesem Weg schon in Privatquartieren Unterschlupf gefunden, knapp 100 weitere sind über private Kontakte untergekommen. Diese Flüchtlinge hier zu versorgen und zu integrieren, ist eine zusätzliche Aufgabe von „Ermstal hilft“. So werden Spendengelder etwa dazu verwendet, um Flüchtlingen Sprachkurse oder Vereinsmitgliedschaften zu ermöglichen. „Viele denken, sie bräuchten das gar nicht, weil sie bald wieder nach Hause fahren werden“, sagt Simon Nowotni, „aber die Wahrheit ist, dass viele so schnell gar nicht wieder nach können, weil es ihre Städte und Dörfer womöglich gar nicht mehr geben wird.“
Es ist leider Krieg, mitten in Europa, und jeder noch so kleine Beitrag kann Leid lindern oder gar Menschenleben retten. Insofern hat Jonah mit seinem Schaukelmotorrad alles richtig gemacht.

So hilft man „Ermstal hilft“

Der Verein „Ermstal hilft“ koordiniert die Hilfsaktionen der gemeinden Bad Urach, dettingen und Metzingen.
Die Annahmestelle für Sachspenden ist wieder geöffnet am 22. und 23. April. Sie befindet sich in der Metzinger Straße 80 in Dettingen.
Da das Genehmigungsverfahren als eingetragener Verein noch läuft, gehen dringend benötigte Geldspenden über das Konto der Bürgerstiftung Dettingen, IBAN DE57 6409 1200 0226 7790 25 bei der Volksbank Ermstal-Alb, Verwendungszweck „Ermstal hilft“.