Handball in der Region: Warum die Schiedsrichter-Lage entspannter ist, ohne gut zu sein

Sabrina und Dennis Müller sprangen als Spielleiter in der Landesliga ein und pfiffen ein Spiel der HSG Ermstal gegen die SG OBer-/Unterhausen. In der vergangenen Saison fielen schon am ersten Spieltag aufgrund des massiven Schiedsrichtermangels einige Spiele aus.
Joachim Baur- HVBW seit dem 1. Juli 2025: zentrale SR-Einteilung, 2080 SR, 474 Gespanne.
- 23.000 Spiele im Spieljahr 2025/2026; bisher kein Verbandsligaspiel abgesagt.
- Kinder-/Jugend-SR ab 14 möglich; 538 neue Jugend-SR dieses Jahr.
- Neue Stelle „Recht Schiedsrichter“ mit Volljurist wegen Übergriffen.
- Aufwandsentschädigungen uneinheitlich: Männer-Regionalliga 95 €, Frauen 70 €.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Nein, eigentlich waren die Zustände nicht mehr tragbar. Zu diesem Schluss kam Dirk Zeiher in der vergangenen Saison, als er noch für den Württembergischen Handballverband (HVW) tätig war. Schon am allerersten Spieltag der Saison waren aufgrund von Schiedsrichtermangel einige Spiele nie angepfiffen worden (wir berichteten). Der württembergische Verband war nicht in der Lage gewesen, genügend Personal für die Menge an Partien aufzubringen. Entsprechend groß war die Hoffnung aller Beteiligten, dass der neugegründete Handballverband Baden-Württemberg (HVBW), der seit dem 1. Juli 2025 existiert, dieses Problem in den Griff bekommen wird. „Wir müssen an einem Wochenende so viele Spiele einteilen und planen, wie der Deutsche Handball-Bund (DHB) in einer Saison. Für das Spieljahr 2025/2026 sprechen wir von 23.000 Spielen“, fasst Zeiher die Herausforderung in einfache Worte zusammen. Was groß klingt und bislang schwer schien, scheint mittlerweile doch zu gelingen. Im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE geht Zeiher auf die wesentlichen Veränderungen und dennoch bestehenden Probleme ein.
Ein Knotenpunkt für alles
Vor allem ein Kniff, so der Verbandsverantwortliche, trug zu einer Erleichterung der Gesamtsituation bei: Es gibt nur noch eine zentrale Stelle im Verband, von der aus die Schiedsrichter in Baden-Württemberg aufgeteilt werden. 2080 Schiedsrichter aus allen drei ehemaligen Landesverbänden stehen zur Verfügung, darunter sind 474 der begehrten Gespanne. „Die Staffeln sind neu eingeteilt, die Verbandsliga wurde flächendeckend eingeführt. Das heißt, dass sich da die Anzahl der Spiele, die wir abdecken müssen, verlagert hat“, erklärt Zeiher. „Daher“, hält der Verbandsmitarbeiter breit grinsend und zufrieden fest, „mussten wir echt noch kein Spiel auf Verbandsebene absagen.“ Eine deutliche, unübersehbare Verbesserung im Vergleich zur Vorsaison.
Durch die Neueinteilung der Ligen und Bezirke, seien zwar nicht alle Teams und Schiedsrichter auf dem Niveau unterwegs, das eigentlich passen würde, aber das würde sich über die Zeit einstellen, ist sich Zeiher sicher. „Das ist die erste Saison im neuen System, die Teams werden über kurz oder lang auf- beziehungsweise absteigen, in die Spielklasse, in die sie gehören“, so das Kalkül, „das tut der Qualität und Spannung gut und wir haben wieder tragfähige Staffeleinteilungen.“ Zudem sei nun in Süd- und Baden das System der Kinder- und Jugendschiedsrichter nach württembergischem Vorbild eingeführt worden, das ebenso Druck vom verfügbaren Personal nehmen würde. „Ab 14 Jahren können Interessierte Kinderhandballspielleiter werden und der Zulauf ist gut“, resümiert Zeiher. Zumal sich die Teilnehmenden eine Ehrenamts-Bestätigung vom HVBW holen können, die sich in Bewerbungen positiv auswirkt, wie der Dachverband motivierend bemerkt. Insgesamt vermeldet der Verband in diesem Jahr 538 neuzertifizierte Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter für den Jugendbereich.
Auch über die Attraktivität des Schiedsrichter-Jobs hat sich der neue Verband Gedanken gemacht, denn nach wie vor ist Schiedsrichter sein nicht leicht. „Als Schiri ist der Mensch überall der Auswärtsspieler“, zitiert er eine alte Weisheit, die bis heute nichts an ihrer Gültigkeit eingebüßt hat, wie Zeiher findet. Oftmals stehen Schiedsrichter auch in den eigenen Vereinen abseits, kann Zeiher berichten. Um die Menschen an der Pfeife besser zu schützen, gibt es eine neue spielleitende Stelle „Recht Schiedsrichter“, die mit einem Volljuristen besetzt ist. Die Zahl der Übergriffe auf Schiedsrichter, die gesamtgesellschaftlich beobachtbare Enthemmung, sind die Gründe für die Einrichtung dieser Position, so Zeiher. Die neue Stelle soll es Betroffenen erleichtern, Vorfälle zu melden. Immerhin: Im neuen Bezirk Neckar-Alb gibt es keine einzige Mannschaft, deren Fans oder Betreuer dem Verband als Dauerstörer auffallen würden, wie der HVBW auf Anfrage dieser Zeitung rückmeldet.
Der liebe Streit um das schnöde Geld
Der große Knall, der komplette Zusammenbruch des Spielsystems, den doch einige prophezeit hatten, blieb aus. Einige Detailfragen sind offen, gibt Zeiher zu, eine der größeren Fragen ist wohl die des Geldes. Aktuell hat sich dann an den Aufwandsentschädigungen nichts geändert, mit dem Unterschied, dass diese einheitlich bezahlt werden. Doch eine einfache Lösung scheint sich auch nicht abzuzeichnen, wie Zeiher verdeutlicht. „Wir wollen und dürfen mit dem Schiedsrichter-Soll niemanden überfrachten“, sagt Zeiher. Dennoch möchte der HVBW die Vereine stärker in die Pflicht nehmen. Oder muss dies sogar tun. „Wir können Schulungen anbieten, den Zugang zur Ausbildung erleichtern, aber wir können nicht auch noch in großem Maße Personal suchen.“ Laut Verband liegt die optimale Schiedsrichteranzahl für Baden-Württemberg, national betrachtet dem größten Landesverband, bei 2913 Personen an der Pfeife. Der Verband betreibt nach wie vor die Plattform, auf der Schiedsrichter sich melden und nach neuen Partnern suchen können, doch sei mehr Initiative in den Vereinen auf Dauer unumgänglich.
Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld, denn wie soll entlohnt werden? „Ich gestehe, dass sich die Aufwandsentschädigung auch nach dem Geschlecht der spielenden Mannschaft unterscheidet. Wenn man so will, sprechen wir von einem Gender-Pay-Gap der etwas anderen Art“, so der Verbandsverantwortliche. Im Frauenhandball fallen die Entschädigungen geringer aus, weil Einnahmen und Zuschauerzahlen geringer und die Ligen nicht so finanzstark sind. Ein Beispiel aus der Praxis: In der Regionalliga bekommt der Schiedsrichter für das Pfeifen eines Männerspiels 95 Euro, geht es um die Frauen-Regionalliga würde derselbe Schiedsrichter nur 70 Euro bekommen. Und eine Wende sieht Zeiher da auch nicht im neuen Verband. „Wollen wir nach Geschlecht angleichen oder nach Liga, und wer soll das zu welchen Teilen übernehmen?“, zeigt er die Konflikte auf, mit denen sich das alte und das neue System konfrontiert sehen, „und wollen wir den Vereinen Zeit geben oder sie sanktionieren, wenn die Zahlen nicht passen?“ Die Diskussion wird sich wohl jedoch in die kommende Sommerpause verschieben, nun gelte es, die laufende Saison erstmal vollends ins Ziel zu bringen.
