Ein Feuerwehrkommandant erinnert sich: „Zwei tote Kinder, das werde ich nie vergessen“

Hartmut Holder bekommt noch eine offizielle Verabschiedung, an den Ruhestand durfte er sich schon gewöhnen.
Thomas Kiehl- Hartmut Holder war 31 Jahre Kommandant der Metzinger Feuerwehr, 40 Jahre im Dienst.
- Besonders prägte ihn der Tod zweier Kinder bei einem Brand in Grafenberg.
- Holder führte die First-Responder-Einsätze in Baden-Württemberg ein.
- Angriffe auf Rettungskräfte und Gaffer sind für ihn belastende Entwicklungen.
- Tausende feierten seinen Abschied und den Umzug der Feuerwehr ins neue Domizil.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Von den zwei Leben, die der gebürtige Metzinger Hartmut Holder geführt hat, dürfte ihn das des Feuerwehrkommandanten am nachhaltigsten geprägt haben. Sein Leben zuvor als Journalist und kurzzeitiger Redaktionsleiter dieser Zeitung war ihm allenfalls ein Beruf, das Feuerwehrdasein dagegen Berufung.
Immerhin hat das eine stringent zum anderen geführt, denn der junge Lokalzeitungsreporter berichtete oft über Brände und begeisterte sich mehr und mehr für die Arbeit der Feuerwehr. Sein Versuch, selbst Feuerwehrmann zu werden, scheiterte zunächst.
Für die Jugendabteilung sei er zu alt, Quereinsteiger nehme man nicht gern, hieß es: „Das waren seinerzeit alles Handwerker und altgediente Haudegen“, erinnert sich Holder, der vom damaligen Kommandanten Karl Reusch nach einem weiteren Bericht über einen Löscheinsatz der Wehr dann doch eingeladen wurde: „Sie sind doch der, der sich für die Feuerwehr interessiert.“ Holder kam zu einer Art Praktikum und blieb.
„Ein schrecklicher Einsatz“
Er blieb und erlebte einen schrecklichen Einsatz. In Grafenberg brannte die Gaststätte „Löwen“. Die Metzinger Wehr wurde dazugerufen. Den Grafenbergern war es bereits gelungen, ein Kind aus dem brennenden Gebäude zu retten. Zwei weitere waren vermisst. „Ein Büble und ein Mädle“, erinnert sich Holder. Später stellte sich heraus, dass der kleine Junge seine Schwester beschützen und in Sicherheit bringen wollte. Beide versteckten sich hinter einem Sofa und überlebten nicht. „Das werde ich nie vergessen“, sagt Holder mit Blick auf die vielen tausend Einsätze seines Lebens. Er war damals noch Journalist, also nur ehrenamtlich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Anderntags sollte er für die Zeitung darüber schreiben. Es war, als würde es ihn zerreißen. Dort die schrecklichen Bilder, hier die nüchtern-sachliche Aufarbeitung für einen druckreifen Bericht. „Ich musste ständig sortieren, was veröffentlicht werden darf, hatte dann immer die toten Kinder vor Augen.“ Schließlich sah er keinen tieferen Sinn mehr darin, darüber zu schreiben: „Es war wie eine Initialzündung.“

Ein emotionaler Tag. Die Feuerwehren Metzingen-Stadtmitte und Neuhausen sind in ihre neue Feuerwache auf Braike-Wangen umgezogen. Kommandant Hartmut Holder ist gerührt.
Thomas KiehlKomplett, auch beruflich, zur Feuerwehr zu gehen, war für ihn die richtige Entscheidung: „Der Grundgedanke, Menschen zu helfen, war da und ist da“, sagt er rückblickend. Wenn sich doch alle helfen ließen. Denn die Welt hat sich verändert. Schaulustige, so hat man damals jene Menschen genannt, die nicht nah genug am Ort des Unglücks sein konnten. Gaffer, sagt man heute zu ihnen, noch schlimmer sind aber Influencer und solche, die es sein wollen, die Videoclips von Feuerwehreinsätzen sofort ins Internet stellen, ungeachtet der Tatsache, die Privatsphäre der Opfer dabei zu verletzen. Unter Umständen mit der fatalen Folge, dass Angehörige der Opfer diese Bilder sehen, ohne vorab über den offiziellen Meldeweg informiert worden zu sein. Als beispielsweise ein Mann in Metzingen am Bahnhof unter den Zug geraten war, standen 15 bis 20 Leute mit dem Handy da und hielten drauf.
Nachfolge steht bereits fest
Der Nachfolger für Hartmut Holder steht bereits fest: Steffen Mack übernimmt die Leitung der Metzinger Gesamtfeuerwehr, die mit rund 120 ehrenamtlichen und zehn hauptamtlichen Mitgliedern sowie etwa 800 Einsätzen pro Jahr eine der größten und leistungsstärksten Feuerwehren in der Region ist.
Die Metzinger Feuerwehr übernimmt auch Sonderaufgaben. Dazu gehört unter anderem auch die sogenannten First-Responder-Einsätze. Bei diesen Einsätzen wird die Feuerwehr alarmiert, um medizinische erste Hilfe bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu leisten. Die Metzinger Feuerwehr übernimmt diese Aufgabe seit 2001 tagsüber und im Hauptamt. Sie war damit die erste Feuerwehr in ganz Baden-Württemberg mit First-Responder-Diensten.
Am schlimmsten aber sind jene, die Feuerwehr und Rettungskräfte beim Einsatz behindern oder sogar attackieren. Verbal oder körperlich. Vier bis fünf Mal wurde er beim Einsatz angegriffen, drei Mal hat er so eine Tat angezeigt, drei Mal wurde das Verfahren eingestellt oder erst gar nicht eröffnet: „Es ist nicht schön, wenn man jemandem helfen will, und man wird angespuckt. Das braucht man nicht.“
Zumal die Einsätze ohnedies an die Nieren gehen. Der für ihn schönste Platz in Metzingen, das Roßfeld, ist ihm beispielsweise vergällt. „Zu viele Einsätze“, sagt er. „Abgestürzte Kletterer, abgestürzte Flugzeuge.“ Ob die Bilder in seinem Kopf verschwinden? „Glaube ich nicht“, sagt er, aber er hofft es.

Tausende stehen an der Straße und jubeln der Feuerwehr zu.
Thomas KiehlDie Freiwillige Feuerwehr Metzingen hat sich unter Holders Leitung organisatorisch von einer ehrenamtlich geführten Truppe zu einem mittelständischen Unternehmen entwickelt. Eine oft unterschätzte Dienstleistung nennt sich „First Responder“, stammt aus den Vereinigten Staaten und wird in Deutschland heute oft als „Helfer vor Ort“ bezeichnet. Als Holder dies vor mehr als 25 Jahren ins Portfolio der Metzinger Feuerwehr aufnehmen wollte, gab es zunächst politischen Widerstand. Weil aber der Rettungsdienst entweder von Bad Urach oder Reutlingen anfahren musste, indessen die Feuerwehr schon vor Ort war, setzten sich schließlich die Befürworter durch. Die Metzinger wurden zur ersten Feuerwehr mit First-Responder-Einheit in Baden-Württemberg. „Ich bin stolz auf meine Truppe“, sagt Holder, „in der Hinsicht unterscheiden wir uns von Berufsfeuerwehren nicht.“
Die allgemeine Entwicklung gibt ihm recht: Inzwischen gehört der dreimonatige Lehrgang zum Rettungssanitäter zum Bestandteil der Berufsausbildung von Feuerwehrleuten. Dass drei hoch qualifizierte Notfallsanitäter (dreijährige Ausbildung) vom Rettungsdienst zur Metzinger Feuerwehr wechselten, fügt sich ins Bild. „Wir haben vielen Menschen in Metzingen das Leben gerettet“, sagt Hartmut Holder, durchaus zufrieden mit sich und seiner einstigen Idee. „Die ist definitiv mein Kind.“ Hin und wieder erntet er noch heute Dank dafür: „Wären Sie nicht gewesen, würde mein Mann nicht mehr leben.“ Das freut ihn, weil Dankbarkeit selten ist.

Hartmut Holder beim Einweisen eines landenden Rettungshubschraubers.
FFW MetzingenIn einem anderen Fall standen Mann und Frau mit einem Blumenstrauß vor seiner Tür, klingelten, er öffnete, sie sagte: „Ohne Sie wäre ich jetzt Witwe.“ Wiederum eine Frau war es, die die Feuerwehr alarmiert hatte, um ihre Katze zu retten, die sich zu hoch in den Wipfel eines Baumes vorgewagt hatte. Als die Feuerwehr eintraf, war die Katze wieder unten, fest umklammert von der Besitzerin, die das Tier auf dem Arm hielt und herzte. Das Glück der Frau schien auch dadurch nicht getrübt, dass ihr Mann beim Versuch, die Katze aus dem Baum zu holen, nun seinerseits von Höhenangst ergriffen auf einem Ast sitzend die Hilfe der Feuerwehr herbeisehnte.
Ach, sagt Hartmut Holder, „es gibt halt Dinge, die erlebt man nur in Blaulichtorganisationen.“ Dinge, über die er nicht mehr so gern spricht, weil sie verbunden sind mit schrecklichen Bildern und Erinnerungen, Dinge, die sich als Problem darstellen, das innerhalb von 60 Sekunden gelöst werden muss, weil es um Menschenleben geht. Wenn sich der vermeintliche Kellerbrand als Vollbrand eines Wohnhauses entpuppt, und im ersten Obergeschoss Mann und Frau stehen, die im Begriff sind, ihr Kind runterzuwerfen in der Hoffnung, es würde sicher aufgefangen. „Das geht nie gut“, warnt Holder. Allenfalls in schlechten Filmen. Und wenn er dann noch am Ärmel gezupft wird, weil auf der anderen Seite des brennenden Hauses eine Person am Schneefanggitter hängt, weiß er, dass er jetzt nur noch funktionieren darf. „Wie bekomme ich das mit meinen ersten acht Leuten hin?“ Das ist Stress, den selbst der Ruhepol Hartmut Holder immer wieder gespürt hat. Unruhige, oft schlaflose Nächte aber sind jetzt zumindest nicht mehr dienstlich verordnet. Jetzt beginnt das dritte Leben, das er und seine Frau Iris teilweise im Wohnmobil verbringen werden. Es ist groß. So groß, dass es einen Lastwagenführerschein braucht. Den hat er.
Und falls er je Zweifel hatte bezüglich der Wertschätzung der Feuerwehr, so endeten diese Zweifel am 11. September 2023. Die Metzinger Feuerwehr zog an dem Tag um ins neue Domizil auf Braike-Wangen: „Mit ein paar Schaulustigen habe ich gerechnet“, erinnert sich Holder. Dass Tausende am Straßenrand standen, um dem Blaulicht-Konvoi zuzujubeln und die Feuerwehrleute zu beklatschen, war mit das Schönste, was der inzwischen längst selbst zum alten Haudegen gereifte Feuerwehrkommandant erlebt hat: „Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut.“

